I’VR Isabel Vollrath Modenschau – Berlin Fashion Week Autumn/Winter 2016

Am 20. Januar 2016, exakt um 19:00 Uhr, verwandelte Isabel Vollrath den STAGE – me Collectors Room in der Berliner Auguststraße 68 in eine Bühne, auf der Mode mehr Skulptur als Kleidungsstück war. Während andere Designer der Berliner Fashion Week auf marktkonforme Prêt-à-Porter-Lösungen setzten, lieferte I’VR Isabel Vollrath eine kompromisslose Antwort auf die Frage, was deutsche Avantgarde-Mode 2016 leisten kann — und genau diese Kompromisslosigkeit ist es, die ihre Schauen seit Jahren zu Pflichtterminen für Insider machen.

I’VR Isabel Vollrath: Warum diese Schau anders war

Wer Isabel Vollrath nur als „eine weitere Berliner Designerin“ einsortiert, hat ihre Arbeit nicht verstanden. Das Label I’VR — die Initialen ihres Namens — steht seit der Gründung für eine Designsprache, die sich bewusst der schnellen Verwertbarkeit entzieht. Die Herbst/Winter-Kollektion 2016, präsentiert im me Collectors Room, einem privaten Ausstellungshaus für zeitgenössische Kunst in Berlin-Mitte, war kein Zufallsort: Vollrath inszeniert ihre Mode konsequent im Kontext bildender Kunst. Die Wahl der STAGE — eines Veranstaltungsraums, der sonst Performances und Lesungen beherbergt — unterstrich, dass hier kein Verkaufsevent, sondern eine Inszenierung stattfand.

Die Schnittführung der Kollektion folgte zwei Prinzipien, die Vollrath seit Jahren verfeinert: maximaler Wiedererkennungswert und kontrastreiche, abstrakte Linien. Während Gucci oder Prada in derselben Saison auf opulente Print-Mixturen setzten, arbeitete Vollrath mit klar abgegrenzten Flächen, asymmetrischen Volumen und einer Farbpalette, die zwischen tiefem Schwarz, gedecktem Bordeaux und schmutzigem Weiß changierte. Das Ergebnis: Looks, die nicht beim ersten, sondern beim dritten Hinsehen ihre Komplexität offenbarten.

Berlin Fashion Week 2016: Der Kontext, in dem Vollrath bestand

Um die Bedeutung dieser Schau einzuordnen, muss man wissen, wie die Januar-Ausgabe der Berlin Fashion Week 2016 aufgestellt war. Es war eine Saison im Umbruch: Mercedes-Benz hatte gerade angekündigt, sein Sponsoring-Modell zu überdenken, etablierte Namen wie Marcel Ostertag (mehr dazu in unserer Reportage zur Marcel Ostertag Modenschau) experimentierten mit neuen Formaten, und der internationale Fokus driftete zunehmend Richtung Mailand und Paris ab. In diesem Klima entschieden sich Designer wie Vollrath bewusst gegen das große Zelt am Brandenburger Tor und für intimere, kuratierte Locations.

Diese Strategie war damals riskant — heute gilt sie als wegweisend. Die Idee, eine Modenschau wie eine Vernissage zu kuratieren, hat sich inzwischen international etabliert. Vollrath war hier eine der ersten in Berlin, die diesen Weg konsequent ging. Wer 2016 im me Collectors Room saß, sah nicht nur eine Kollektion, sondern eine konzeptuelle Entscheidung darüber, wie Mode präsentiert werden sollte: ohne Lärm, ohne Influencer-Hysterie, mit Fokus auf das Kleidungsstück selbst.

Schnitt, Material, Wiedererkennung: Die DNA von I’VR

Was macht ein I’VR-Stück erkennbar, auch wenn das Label nicht sichtbar ist? Drei Elemente, die Vollrath in der HW16-Kollektion besonders deutlich herausarbeitete:

  • Asymmetrische Schulterpartien — kein Look ohne eine bewusst „gestörte“ Linie, die das klassische Tailoring bricht
  • Layering aus harten und fließenden Materialien — Wollfilz trifft auf Seidenchiffon, Leder auf Tüll
  • Monochrome Blöcke mit präzisen Farbschnitten — keine Prints, sondern Farbe als architektonisches Element

Diese Handschrift unterscheidet I’VR fundamental von kommerzielleren deutschen Labels. Während etwa DKNY in derselben Saison auf urbane Lässigkeit setzte oder Dolce & Gabbana die italienische Folklore zelebrierte, verfolgt Vollrath einen Weg, der näher an Rei Kawakubo oder Yohji Yamamoto liegt — japanische Avantgarde, übersetzt in eine deutsche, fast nüchterne Bildsprache.

„Mode muss nicht gefallen. Sie muss eine Haltung haben.“ — Dieser Satz, der Isabel Vollrath in mehreren Interviews zugeschrieben wird, beschreibt präzise, was in der STAGE des me Collectors Room am 20. Januar passierte: keine Show für Applaus, sondern eine Behauptung.

Die Location: Warum der me Collectors Room die richtige Wahl war

Der me Collectors Room in der Auguststraße ist kein zufälliger Ort. Das 2010 von Thomas Olbricht eröffnete Haus zeigt zeitgenössische Kunst aus einer der bedeutendsten Privatsammlungen Europas. Wer eine Modenschau hier ansetzt, stellt sein Werk bewusst in den Dialog mit Kunst — und genau das tut Vollrath. Die Auguststraße selbst ist seit den 1990ern das Rückgrat der Berliner Galerienszene; ihre Adresse 68 liegt nur wenige Schritte von KW Institute for Contemporary Art entfernt.

Diese geografische Verortung ist ein Statement. Wie wir im Artikel zur Berliner Fashion Week zeigen, ist die Wahl der Location längst Teil der Kollektion geworden — sie kommuniziert, in welcher kulturellen Liga ein Designer spielen will. Vollrath positioniert sich klar: nicht im kommerziellen Mainstream, sondern an der Schnittstelle von Mode, Kunst und Konzept.

Internationale Einordnung: Wo steht I’VR im globalen Kontext?

Die deutsche Modeszene wird international oft unterschätzt — zu Unrecht. Während Paris und Mailand die kommerzielle Bühne dominieren und New York die sportlich-urbane Sprache prägt, hat Berlin eine Nische besetzt, die international zunehmend ernst genommen wird: konzeptuelle, künstlerisch grundierte Mode mit Haltung. Designer wie Isabel Vollrath, Esther Perbandt oder William Fan tragen diese Bewegung. Wer sich für die ganze Bandbreite der zeitgenössischen Modemarken interessiert, findet in unserer Modemarken-Übersicht A-Z eine kuratierte Einordnung.

Im direkten Vergleich: Eine Vollrath-Kollektion hat mehr mit der frühen Phase von Ann Demeulemeester zu tun als mit klassisch deutscher Konfektion. Die Käuferinnen sind entsprechend international — Sammlerinnen, Architektinnen, Kuratorinnen. Es ist Mode für Frauen, die nicht im Trend laufen wollen, sondern eine eigene visuelle Sprache pflegen.

Was die HW16-Schau für die Berliner Designszene bedeutete

Rückblickend lässt sich sagen: Schauen wie diese haben Berlin als Standort für anspruchsvolle Mode mitdefiniert. Wo die Stadt international lange als „kreativ, aber kommerziell schwach“ galt, etablierten Designerinnen wie Vollrath ein Gegennarrativ — Mode aus Berlin kann Avantgarde sein, ohne ins Kostümhafte zu kippen. Diese Positionierung wirkt bis heute nach und hat den Weg für eine ganze Generation jüngerer Designer geebnet.

Wer sich für den Weg in die Branche interessiert — sei es als Designerin, Model oder im Backstage-Bereich — findet auf fivmagazine.de zahlreiche Reportagen zu Casting-Prozessen, Model-Jobs und der Realität hinter den Kulissen großer Schauen. Auch die Frage, wie aus Berliner Talenten internationale Karrieren entstehen, lässt sich an Beispielen aus Germany’s Next Topmodel nachzeichnen, wo viele später bei Schauen wie der von I’VR liefen.

Praktische Insights: Was bleibt von der Schau?

Drei Dinge nehmen wir aus der I’VR-Schau vom 20. Januar 2016 mit, die auch Jahre später relevant sind:

  • Avantgarde verkauft sich langsamer, aber nachhaltiger — Vollrath-Stücke sind im Vintage-Markt heute gefragter denn je
  • Location-Strategie schlägt Sponsoring — der me Collectors Room war in der Wirkung jeder Hauptzelt-Show überlegen
  • Wiedererkennung schlägt Trend — Designer mit klarer Handschrift überleben Saisonwechsel

Für alle, die tiefer in die Welt der Modenschauen, Designer-Profile und Berliner Szene einsteigen wollen, lohnen sich diese weiterführenden Lesungen: das Porträt der Marcel Ostertag Modenschau, unsere internationale Perspektive zur Fashion Week Mailand, die Modemarken-Übersicht A-Z sowie die Reportagen zur Berliner Fashion Week. Wer sich für die k