Cannabis bei Übelkeit und Chemotherapie: Nabilon und Dronabinol

Chemotherapie-induzierte Übelkeit und Erbrechen (CINV) gehören zu den belastendsten Nebenwirkungen der Krebstherapie. Cannabinoide sind die ältesten pharmazeutisch entwickelten Antiemetika mit zugelassenen Präparaten — und trotzdem in der Praxis noch untergenutzt. Was Dronabinol und Nabilon leisten und wann sie indiziert sind.

CINV: Das Problem

Chemotherapie-assoziierte Übelkeit ist vielfältiger als eine einfache Magenreaktion:

  • Akute CINV: Innerhalb von Stunden nach der Infusion. Durch direkten emetogenen Effekt des Chemotherapeutikums auf Darmschleimhaut und Chemorezeptor-Triggerzone im Hirnstamm
  • Verzögerte CINV: 24 Stunden bis 5 Tage nach Chemotherapie. Substanz P/NK1-Rezeptor-vermittelt, schwerer zu kontrollieren
  • Antizipatorische CINV: Konditionierte Übelkeit vor der eigentlichen Chemotherapie — Gerüche, Orte, Personen lösen Übelkeit aus. Psychologisch bedingt, schwer pharmakologisch behandelbar
  • Refraktäre CINV: Übelkeit, die auf Standard-Antiemetika nicht anspricht — oft der Punkt, an dem Cannabinoide zum Einsatz kommen

Zugelassene Cannabinoid-Präparate als Antiemetika

Zwei synthetische Cannabinoide haben offizielle Zulassungen:

  • Dronabinol (Marinol, Syndros): Synthetisches Delta-9-THC. FDA-Zulassung 1985 für CINV bei Patienten, die auf konventionelle Antiemetika nicht ansprechen. Zweite Zulassung: Appetitlosigkeit/Kachexie bei HIV-Patienten. In Deutschland: als Rezepturarzneimittel verfügbar, nicht als Fertigpräparat direkt
  • Nabilon (Cesamet): Synthetisches THC-Analogon. In Deutschland 2010 zugelassen für schwere CINV, die auf konventionelle Antiemetika nicht ausreichend anspricht. GKV-Erstattung möglich bei Versagen anderer Antiemetika
  • Nabiximols (Sativex): Für CINV nicht zugelassen, aber off-label möglich bei gleichzeitiger Schmerzkomponente

Wirkmechanismus: Wie Cannabinoide Übelkeit hemmen

Der antiemetische Effekt läuft über mehrere Wege gleichzeitig:

  • CB1 in der dorsalen Vaguskern-Area: CB1-Aktivierung hemmt die Emesis-Triggersignale in der Chemorezeptor-Triggerzone (CTZ) und dem Nucleus tractus solitarius
  • CB1 im Magen-Darm-Trakt: THC reduziert gastrointestinale Motilität und Sekretion — direkter antiemetischer Effekt auf Magenebene
  • 5-HT3-Modulation: THC hemmt Serotonin-3-Rezeptoren (5-HT3) — demselben Mechanismus wie Ondansetron (Standardantiemetikum). Kombination aus beiden kann synergistisch wirken
  • Anandamid-Vermittlung: Endocannabinoide im Hirnstamm modulieren natürlich Übelkeit und Erbrechen — THC verstärkt diesen körpereigenen Mechanismus
  • Antizipatorische CINV: Cannabinoide reduzieren Angst und konditionierte Reaktionen durch Amygdala-Dämpfung — besonders relevant für psychogene Übelkeitskomponente

Evidenz: Was Studien zeigen

  • Metaanalyse Whiting 2015 (JAMA): 3 RCTs zu Cannabinoiden vs. konventionelle Antiemetika — moderate Evidenz für Überlegenheit von Cannabinoiden bei refraktärer CINV. Aber höhere Rate psychischer Nebenwirkungen
  • Nabilon vs. Prochlorperazin: Mehrere ältere Studien zeigen Nabilon als vergleichbar oder überlegen gegenüber älterer Antiemetika-Generation
  • Kombination mit 5-HT3-Antagonisten: Kombination Cannabinoide + Ondansetron zeigte in kleinen Studien additive antiemetische Wirkung bei schwerer CINV
  • Einschränkungen: Die meisten Studien sind älter (1980er–1990er), wurden gegen veraltete Antiemetika verglichen. Gegen moderne Triple-Therapie (5-HT3+NK1+Dexamethason) gibt es kaum Vergleichsdaten

In der Praxis: Wann Cannabinoide bei CINV

  • First-Line-Standard: Moderne Antiemetika-Protokolle (5-HT3-Antagonisten + NK1-Antagonisten + Dexamethason) sind First-Line — nicht Cannabis
  • Second-Line: Nabilon oder Dronabinol bei refraktärer CINV nach Versagen der Standard-Protokolle
  • Antizipatorische CINV: Cannabis als Ansatz möglich — psychologische Komponente und Angstreduktion durch CB1 ergänzen die Standard-Behandlung
  • Kombination: Cannabis + Standardantiemetika gleichzeitig möglich und sinnvoll — additive Wirkung, keine bekannten gefährlichen Interaktionen
  • Kontraindikationen: Schwere kardiovaskuläre Vorerkrankungen, psychotische Störungen in der Vorgeschichte, Schwangerschaft (Übelkeit im ersten Trimester: kein Cannabis)

Wie Cannabis auf den Magen-Darm-Trakt wirkt: Cannabis und Hunger. Cannabis als Rezeptarznei bei Krebspatienten: Cannabis auf Rezept. Wechselwirkungen mit Chemotherapeutika über CYP-Enzyme: Cannabis Wechselwirkungen.

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Häufige Fragen zu Cannabis und Übelkeit