Missoni x Fashion Week Mailand 2022

Zickzack als Markenzeichen — und ein Erbe, das zwischen Kunst und Konfektion balanciert: Auf der Mailänder Fashion Week 2022 zeigte Missoni die Frühjahr/Sommer-Kollektion 2023 und bewies, warum ein 1953 in Gallarate gegründetes Familienunternehmen bis heute relevanter ist als viele jüngere Mode-Labels mit dreifachem Marketingbudget.

Missoni FS 2023 — Strick als Skulptur, nicht als Pullover

Filippo Grazioli, seit Mai 2021 Creative Director, hat mit dieser Kollektion das gemacht, was nur wenige Designer wagen: Er hat das Familienarchiv nicht kopiert, sondern dekonstruiert. Die berühmten Fischgrät- und Zickzack-Patterns tauchen nicht mehr flächig über das ganze Kleid auf, sondern als Akzentbänder, eingeschnittene Streifen und semitransparente Lagen. Das Ergebnis: Strickware, die sich anfühlt wie Couture — leicht, fließend, fast wie gegossen.

Besonders auffällig waren die Crochet-Kleider in Sand, Terrakotta und Aquablau. Wer die Fashion-Week-Kollektionen der letzten zehn Jahre kennt, sieht sofort: Missoni rückt weg vom Folklore-Look der 2010er und nähert sich einer reduzierten, fast minimalistischen Linie — ohne die DNA zu verlieren.

Die Familie hinter dem Label — und warum das relevant bleibt

Ottavio „Tai“ Missoni, ehemaliger 400-Meter-Hürdenläufer bei den Olympischen Spielen 1948 in London, gründete das Label gemeinsam mit seiner Frau Rosita. Dass ein Olympiateilnehmer eine der einflussreichsten Strickwarenmarken Italiens aufbaut, klingt nach Marketing-Mythos, ist aber bürokratisch dokumentiert. Tochter Angela Missoni übernahm 1997 die kreative Leitung und prägte 24 Jahre lang den Stil — länger als die meisten Designer bei großen Häusern überhaupt im Amt sind.

Vergleicht man das mit anderen italienischen Häusern wie Prada oder Gucci, fällt auf: Missoni ist eines der wenigen Luxus-Labels, das bis heute mehrheitlich in Familienhand bleibt. 2018 stieg zwar der italienische Investmentfonds FSI mit 41,2 % ein — die Familie hält aber weiterhin die kreative und operative Kontrolle.

„Color is the most important element. Everything starts from the yarn.“ — Rosita Missoni, in einem Interview mit der italienischen Vogue.

Was Missoni technisch anders macht

Wie wir im Artikel zur Modenschau-Produktion beschreiben, hängt der Eindruck einer Kollektion zu großen Teilen an Material und Lichtführung — bei Missoni kommt ein dritter Faktor dazu: das Space-Dyeing-Verfahren. Garne werden vor dem Stricken in mehreren Farbabschnitten gefärbt, wodurch die typischen Verläufe entstehen, ohne dass mehrere Garne kombiniert werden müssen. Das ist aufwendiger, teurer — und der Grund, warum Imitate aus Fast-Fashion-Stores nie ganz an den Originaleffekt herankommen.

Jahr Meilenstein
1953 Gründung in Gallarate, Lombardei
1958 Erste Kollektion unter eigenem Namen
1966 Durchbruch in der Pitti-Show in Florenz
1997 Angela Missoni übernimmt Kreativdirektion
2018 FSI-Investment, Familie behält Kontrolle
2021 Filippo Grazioli wird Creative Director
2022 FS23-Show in Mailand

Die Show in Mailand — Setting und Stimmung

Die Show fand am 23. September 2022 statt, im Rahmen der Settimana della Moda. Während Häuser wie Dior bei ihren Schauen auf monumentale Bühnenbilder setzen, blieb Missoni minimalistisch: heller Boden, zurückhaltende Architektur, Licht in warmem Gold. Die Kleider sollten sprechen — und sie taten es.

Auffällig: Die Beauty-Inszenierung. Statt extrem stilisierter Make-up-Looks, wie sie häufig bei Dior Beauty oder anderen großen Häusern zu sehen sind, setzte Missoni auf „no makeup makeup“ — gebräunte Haut, gegelte Brauen, fast nackte Lippen. Der Strick sollte der Star bleiben.

Missoni im Kontext italienischer Modegeschichte

Italienische Mode wird oft auf Dolce & Gabbana, Versace und Armani verkürzt. Missoni gehört allerdings zu den ganz wenigen Häusern, die nicht über Eveningwear oder Tailoring berühmt wurden, sondern über Strickware — eine Disziplin, die in den 1950ern als unmodisch galt. Genau diese Nische hat das Label uneinnehmbar gemacht.

Wer sich für die größeren Zusammenhänge der italienischen Modeindustrie interessiert, findet weitere Hintergründe in unserer Modemarken-Übersicht A–Z sowie in den thematischen Seiten zu Marken mit P und D.

Was bleibt von der FS23-Kollektion?

Drei Trends, die Missoni in dieser Saison gesetzt hat:

  • Crochet als Eveningwear — Häkelware verlässt den Boho-Kontext und wird abendtauglich.
  • Earth Tones plus Aqua — die Farbpalette mischt Erdtöne mit kühlem Blau, ein Bruch mit den Knall-Farben der Vorjahre.
  • Transparenz in Strick — Lochmuster und semi-durchsichtige Lagen ersetzen die früher dichten Pattern-Flächen.

Wer die ganze Show als Video sehen möchte:

Mehr zur Modewoche selbst, ihren Highlights und den wichtigsten Häusern findet ihr in unserem ausführlichen Bericht zur Fashion Week Mailand. Wer wissen will, welche italienischen Designer aktuell die Herrenmode-Schauen prägen oder wie der Weg auf den Laufsteg überhaupt funktioniert, sollte einen Blick in unsere Guides zum Model werden und zum Model-Casting werfen.