Model Casting – Model werden Special #2

Drei bis sechs Prozent — so hoch ist die Buchungsquote pro Casting in Paris und Mailand, wenn man bereits eingeladen wurde. Bei Newcomern ohne Track Record liegt sie zwischen 0,5 und 2 Prozent. Wer sich auf ein Model Casting vorbereitet, sollte mit dieser Zahl im Hinterkopf arbeiten — nicht mit Träumen. Dieser Artikel ist Teil unseres Model werden-Specials und liefert die ungefilterte Mechanik hinter der Tür: Sieben-Sekunden-Entscheidungen, harte Cutoffs, Polaroid-Sünden, ungeschriebene Codes. Mit Maßen, die nicht verhandelbar sind, und Warnsignalen, die jedes Jahr tausenden Bewerbern viel Geld sparen.

Die ersten 7 Sekunden — warum Präsenz das Aussehen schlägt

Casting-Direktoren bei Top-Agenturen sehen während einer Schauenwoche bis zu 200 Bewerber pro Tag. Jeder bekommt zwischen 60 und 90 Sekunden. Die eigentliche Entscheidung fällt fast immer in den ersten sieben Sekunden — bevor das Polaroid gemacht ist, bevor der Walk beginnt, bevor irgendjemand ein Wort gewechselt hat. Was in diesen Sekunden gemessen wird, ist keine Schönheit im klassischen Sinn. Es ist Präsenz: Wie betrittst du den Raum, wie hältst du den Blick, wie trägst du deinen Körper.

Wer wie ein GNTM-Kandidat auf der Bühne agiert, wirkt überspielt. Wer einfach steht, atmet und ankommt, wirkt buchbar. Eine Berliner Casting-Direktorin formulierte es im internen Briefing einmal so:

Ich entscheide bei rund 80 Prozent der Bewerber, bevor sie sitzen. Der Rest ist Höflichkeit. Ich entscheide nicht, wer schön ist — das macht der Markt. Ich entscheide, wer in den Raum passt, ohne dass jemand etwas erklären muss.

Was Castingverantwortliche wirklich beobachten

  • Tür-Energie: Öffnest du die Tür kontrolliert oder hektisch? Bleibst du eine halbe Sekunde stehen, um den Raum zu lesen, oder stürzt du hinein?
  • Körperruhe: Spielst du mit Haaren, Kleidung, Telefon — oder bist du präsent? Mikrobewegungen der Hände werden bewusst registriert.
  • Augen: Direkter, ruhiger Blick mit Lidschlag im normalen Rhythmus — oder ausweichend, angespannt, zu intensiv starrend?
  • Stimme: Beim „Hallo“ hört man Selbstbild, Herkunft und Nervositätslevel — alles auf einmal. Eine Tonlage zu hoch verrät Anspannung.
  • Walk-Anflug: Schon die ersten drei Schritte ohne Catwalk verraten, ob der Walk später funktioniert. Schrittlänge, Schulteröffnung, Beckenkippung — alles in unter zwei Sekunden ablesbar.

Die typischen Booker-Fragen — und wie du nicht klingst wie auswendig gelernt

Im Raum fallen fast immer dieselben vier bis fünf Fragen: Wo wohnst du, was machst du gerade (Schule, Studium, Job), welche Schuhgröße trägst du, mit welcher Agentur arbeitest du, warum modelst du. Die Frage nach dem „Warum“ ist die gefährlichste. Wer „weil ich schon immer davon geträumt habe“ antwortet, wird nicht ernst genommen. Wer „weil ich mit dem Geld mein Studium finanziere und gerne reise“ sagt, klingt nach Arbeitspartner — und genau das wollen Booker hören. Models sind Dienstleister, keine Träumer. Wer das Mindset weiter schärfen will, findet in unserer Sammlung von Mode-Zitaten einige Sätze, die genau diese professionelle Haltung tragen.

Casting-Typen und ihre tatsächlichen Cutoffs

Die Branche kennt nicht „das Model“, sondern Dutzende Spezialisierungen. Wer bei einem High-Fashion-Casting in Mailand auftaucht und eigentlich Commercial buchen möchte, hat das Spiel falsch verstanden. Die Anforderungen unterscheiden sich härter, als die meisten Ratgeber zugeben — und sie haben mit Talent oft weniger zu tun als mit Stoffmetern. Die Sample Size der Couture-Häuser entspricht französischer Größe 34 bis 36, mit einer Hüfte zwischen 86 und 89 Zentimetern. Bei 90 Zentimetern passt der Look-Schnitt physisch nicht mehr — unabhängig vom Gesicht.

Casting-Typ Größe Frauen Größe Männer Hüfte/Konfektion Was zählt
High Fashion (Editorial, Runway) 176–181 cm 185–192 cm Hüfte max. 89 cm Knochenstruktur, Walk, Editorial-Look
Commercial (Werbung, Katalog) 168–178 cm 180–190 cm flexibel Sympathie, Mimik, Lebendigkeit
Fitting Model exakt 176 cm exakt 188 cm standardisiert perfekte Standardmaße, Geduld
Fitness / Sport 170–180 cm 180–190 cm definiert, sichtbar Körperdefinition, Bewegung
Plus Size / Curve 172–180 cm Konfektion 42–48 Proportion, Selbstbewusstsein
Silver / Best Ager ab 168 cm ab 180 cm flexibel Charakter, Hautstruktur, Haltung
Hand- / Fußmodel perfekte Details fehlerfreie Haut, Pflege

Diese Cutoffs sind nicht verhandelbar. Wer 173 cm groß ist und eine High-Fashion-Karriere in Paris anstrebt, geht den falschen Weg — die Kleidergrößen der Designer-Häuser sind auf bestimmte Längen geschnitten. Bei Dior, Gucci oder Prada sind das harte Vorgaben, ebenso bei den Häusern aus der Liste der Modemarken mit D oder Modemarken mit P. Wer dagegen Commercial denkt — Drogerie-Kataloge, Zalando-Lookbooks, Pimkie-Kampagnen oder Shootings für NA-KD — hat mit 170 cm beste Chancen, weil hier Sympathie und Mimik vor Maßen kommen. Eine Übersicht aller relevanten Häuser findest du in unserer Modemarken-Liste A–Z.

Maße werden nachgemessen — der „lies on card“-Effekt

Was viele unterschätzen: Bei jedem zweiten Casting werden die Maße vor Ort neu genommen. Hüfte, Brust, Taille, Innenbeinlänge — Maßband, dreißig Sekunden, fertig. Wer auf seiner Sedcard 88 cm Hüfte angegeben hat und vor Ort 91 cm misst, wird intern markiert. Booker tauschen diese Information aus. Einmal als „lies on card“ geführt, verfolgt einen das über Jahre. Lieber ehrliche 90 angeben und sehen, wer trotzdem bucht, als geschönte 87 und beim Fitting auffliegen. Kleider von DKNY oder Dolce & Gabbana verzeihen drei Zentimeter nicht — sie sind auf den Millimeter geschnitten.

Polaroid, Sedcard und Self-Tape — der ungeschriebene Standard

Bevor du in einem Castingraum stehst, hast du längst eine Polaroid eingereicht. Sie ist das ehrlichste Dokument, das du besitzt — und gleichzeitig das, bei dem die meisten Bewerber scheitern. Eine Polaroid ist kein Beautyfoto. Sie zeigt dich ungefiltert, damit Direktoren einschätzen können, was unter Make-up und Inszenierung steckt. Booker scannen den Wimpernkranz auf Filter und erkennen Mascara-Reste sofort. Wer „natürlich aussehend“ mit Wimperntusche von ZOEVA kommt, fliegt aus dem Stapel raus, bevor das zweite Bild angeschaut wird. Die „Polaroid-Sünde“ Nummer eins sind Reste am unteren Wimpernkranz — genau dort wird zuerst gescannt, weil ein Großteil der Bewerberinnen über „ungeschminkt“ lügt.

Der professionelle Polaroid-Standard

  • ✓ Weißer oder hellgrauer Hintergrund, Tageslicht ohne Direktsonne, Kameralinse auf Brusthöhe
  • ✓ Abstand Kamera zur Person 1,5 bis 2 Meter, Brennweite vergleichbar 50 mm — keine Weitwinkel-Verzerrung
  • ✓ Haare offen, ungestylt, kein Mittelscheitel-Zwang
  • ✓ Komplett ungeschminkt — auch keine getönte Tagescreme, kein Highlighter, kein Mascara-Rest
  • ✓ Eng anliegende schwarze Kleidung oder schwarzer Bikini, keine Muster, kein Tiermuster
  • ✓ Vier Posen: Front, Profil links, Profil rechts, Rückansicht
  • ✓ Keine Pose, kein erzwungenes Lächeln, neutraler Gesichtsausdruck
  • ✓ Hände sichtbar, Schultern entspannt, Füße zusammen
  • ✓ Hochformat, kein Filter, kein Beautyfilter der Smartphone-Kamera

Sedcard und Self-Tape — Format und Setup

Die Sedcard hat ein festes Format: 21 × 14,8 cm in Europa, 5,5 × 8,5 inch in den USA. Wer eine A4-Mappe einreicht, signalisiert sofort Amateur. Vorderseite: ein starkes Beauty- oder Headshot. Rückseite: drei bis fünf weitere Bilder plus Maße, Schuhgröße, Haar- und Augenfarbe, Agentur. Mehr nicht. Self-Tapes laufen längst über Plattformen wie Casting Networks oder agentur-eigene Portale. Setup: vertikales Format, Tageslicht von vorne, weißer Hintergrund, drei Sekunden Stille vor und nach dem Sprechen, klarer Name-Slate („Vorname, Nachname, Größe, Agentur“). Wer mit Ringlicht und vertikalen Schatten arbeitet, signalisiert TikTok-Niveau, nicht Buchbarkeit. Mehr zur Vorbereitung deiner kompletten Unterlagen findest du im Guide zur Model Bewerbung.

Auf einen Blick — Polaroid-Setup mobil:

  • Tageslicht, 1,5–2 m Abstand, Linse auf Brusthöhe
  • Schwarz eng, ungeschminkt, Haare offen
  • 4 Posen: Front, Profil L, Profil R, Rücken
  • Kein Filter, kein Beautymodus

Der Walk und der Casting-Ablauf in Echtzeit

Der Walk ist das am meisten überschätzte Element des Castings. Junge Bewerber trainieren wochenlang Catwalk-Videos und liefern dann eine Performance ab, die zu groß für den Raum ist. Was Direktoren tatsächlich sehen wollen: einen kontrollierten, natürlichen Gang, der zur Marke passt. Der Industriestandard für weibliche Walks liegt bei rund einem Schritt pro Sekunde, Schrittlänge etwa 70 bis 80 Zentimeter; männliche Walks sind etwas langsamer und schwerer. Ein Walk für eine Modenschau bei Dolce & Gabbana ist anders als ein Walk für eine Sport-Kampagne von Nike oder Puma — und beide sind anders als ein Editorial-Walk für DKNY oder ein Retro-Auftritt im Rockabilly Look. Wer das nicht spürt, wirkt deplatziert.

Die fünf Walk-Fehler, die fast jeder macht

  • Zu schnell: Nervosität beschleunigt — bewusst auf 50 Prozent reduzieren, BPM zwischen 90 und 100 trainieren.
  • Hüfte überdrehen: Männlich oder weiblich, übertriebener Hüftschwung wirkt billig.
  • Gesicht „aufsetzen“: Das berühmte Model-Gesicht wirkt eingeübt — neutral ist stärker.
  • Endpose: Drei Sekunden stehen, dann kontrollierte Wendung — nicht abrupt drehen.
  • Schuhe: Bei High Heels ungeübt? Lieber flache Schuhe und das ehrlich kommunizieren.

Wer mehr über mentale Stärke und Jury-Perspektive erfahren möchte, findet im folgenden Video einen direkten Einblick aus erster Hand:

Was wirklich im Castingraum passiert

Du kommst, meldest dich beim Empfang, gibst deinen Namen und deine Mutteragentur an. Es folgt eine Wartezeit zwischen 30 Minuten und vier Stunden — in Schauen-Wochen gerne länger. Im Raum sitzen meist drei bis fünf Personen: Casting-Director, Booker, Stylist, manchmal der Designer selbst, oft eine Assistenz mit Klemmbrett.