International modeln: New York, London, Paris – Model werden Special #4
50.000 Euro für eine einzige Show bei Dior — und gleichzeitig Models, die nach drei Monaten Paris mit 4.000 Euro Schulden zurück nach Hamburg fliegen. Beides ist Realität auf demselben Markt, an denselben Tagen, oft in derselben Modelwohnung. Wer international modeln will, muss begreifen, dass die „Big Four“ — New York, London, Mailand, Paris — kein Karriere-Buffet sind, aus dem man sich bedient. Es sind vier völlig unterschiedliche Industrien mit eigenen Casting-Logiken, Steuermodellen und Look-Vorlieben. Wir haben in der Serie zum Model werden bereits Bewerbung, Casting und Jobs durchgesprochen — jetzt geht es um die Königsklasse. Und vor allem um die Frage, ob der Schritt ins Ausland für dich wirtschaftlich überhaupt aufgeht.
Vier Städte, vier Industrien — wer wo gebucht wird
Wer „international modeln“ sagt, meint fast immer den festen Zyklus der Fashion Weeks: Februar und September, vier Wochen, vier Städte, hunderte Shows. Aber die Vorstellung, dass ein Model mit derselben Sedcard durch alle vier Märkte tourt, ist eine Illusion. Jede Stadt hat eine eigene DNA — und die entscheidet bereits beim ersten Polaroid, ob du eine Saison lang Geld verdienst oder Schulden machst. Eine vollständige Übersicht zum internationalen Modeln findest du im Hauptartikel der Serie.
New York: Der Commercial-Markt mit der höchsten Auslastung
New York ist der kommerziellste der vier Märkte. Hier dominieren Marken wie Michael Kors, Tommy Hilfiger, Ralph Lauren und Calvin Klein — also Labels, die für Kataloge, Werbekampagnen und E-Commerce produzieren. Der „all-American look“ — frisch, sportlich, gesund, oft sonnengebräunt — wird hier bevorzugt. Die wichtigsten Placement-Agenturen sind IMG, The Society, Next und Wilhelmina. New York ist der einzige Markt, auf dem auch Models zwischen 1,73 m und 1,75 m konstant arbeiten können — Editorial-Größen sind hier nicht zwingend. Wer Inspiration für die Stadt sucht, findet bei uns einen New York Mode & Shopping Guide sowie eine Übersicht zum Luxus-Shopping in New York. Donna Karan und DKNY haben bereits in den 90ern gezeigt, wie kommerzielle US-Mode funktioniert: nicht europäisch-elitär, sondern verkäuflich. Wer den Markt noch tiefer verstehen will, findet im Interview Models in New York City: Voraussetzungen, Scouting, Castings & Jobs konkrete Einblicke von Models, die dort gearbeitet haben.
London: Der Spielplatz — und die Brexit-Falle
London ist der Spielplatz der Branche. Junge Designer, Avantgarde, schräge Casting-Entscheidungen — hier werden Karrieren gemacht, die in New York oder Paris niemals passieren würden. Die Central Saint Martins-Schule hat eine Generation von Designern hervorgebracht, die heute Häuser wie Chloé, Givenchy und Loewe leiten. London bucht gerne kantige, ungewöhnliche Gesichter — wer in Mailand zu eigen aussieht, kann hier zum Liebling werden. Die wichtigsten Agenturen sind Storm, Models 1, Premier, Viva und IMG London. Designer wie JW Anderson, Simone Rocha, Erdem und Molly Goddard prägen die Casting-Sprache.
Die Brexit-Folgen werden oft unterschätzt: Für Aufenthalte über sieben Tage brauchst du ein Creative-Worker-Visum (Temporary Worker, ehemals Tier 5). Die Antragsgebühr liegt bei rund 300 £, du brauchst zwingend einen lizenzierten Sponsor — also eine UK-Agentur, die für dich bürgt. Ohne Sponsorship-Letter kein Job, ohne Job kein Sponsor. Genau in diesem Henne-Ei-Problem stecken viele deutsche Models nach dem ersten London-Trip fest.
Mailand: Luxus, italienische Steuern, harte Castings
Mailand ist Luxus ohne Verhandlungsbasis. Hier sitzen Gucci, Prada, Versace, Armani und Dolce & Gabbana. Die italienische Modeindustrie ist die zweitgrößte Branche des Landes nach der Lebensmittelproduktion. Die Top-Placement-Agenturen heißen Why Not, Elite Milan, Women Milan und d’management. Casting-Direktoren wie Piergiorgio Del Moro entscheiden hier in Sekunden. Mailand bevorzugt klassische, fotogene Gesichter mit klarer Knochenstruktur — der „Milan walk“ ist langsamer und kontrollierter als der Pariser Laufsteg. Die Mailänder Fashion Week ist deshalb für viele Models der härteste Markt: Wer beim ersten Casting nicht passt, fliegt nach zwei Tagen wieder raus. Wer eine eigene Modenschau einmal von innen gesehen hat, weiß, wie wenig Spielraum dieser Apparat lässt.
Paris: Editorial-Diktatur und Couture-Monopol
Paris ist die Krone — und gleichzeitig der unbarmherzigste Markt. Wer hier bei Dior, Chanel, Saint Laurent oder Balenciaga läuft, hat es geschafft. Paris ist der einzige Markt, auf dem Couture noch existiert — handgefertigte Mode für eine globale Kundschaft von vielleicht 4.000 Menschen. Hier zählen Editorial-Looks, Kanten, Wiedererkennungswert. Paris bucht keine „pretty girls“ — Paris bucht Persönlichkeiten. Die wichtigsten Agenturen sind Viva Paris, Elite Paris, Premium Models und Marilyn. Casting-Büros wie DNA, KCD und Establishment kontrollieren den Zugang zu allen Top-Shows. Was Paris als Modezentrum ausmacht, zeigt sich auch in Ereignissen wie den Haute Couture Shows in Paris 2024, wo Casting-Entscheidungen die ganze Saison prägen können. Dasselbe Haus produziert übrigens auch Dior Beauty und Dior Taschen, was für Models nach der Show-Karriere oft die lukrativen Beauty-Verträge bedeutet — die eigentliche Geldmaschine kommt erst nach dem Laufsteg.
Auf einen Blick — die DNA der Big Four:
- New York: Commercial, Diversity, höchste Auslastung im Alltag
- London: Avantgarde, junge Designer, Brexit-Visum-Hürde
- Mailand: Luxus-Houses, härtestes Casting, klassische Maße
- Paris: Editorial & Couture, Persönlichkeit vor Schönheit
Der Development Trip: Was wirklich passiert, wenn du den Koffer packst
Der Mythos: Ein Scout entdeckt dich im Café, du fliegst nächste Woche nach New York. Die Realität: Deine deutsche Mutter-Agentur — in Deutschland sind das vor allem CM Models in Hamburg, Place Models, MGM oder Modelwerk — schickt deine Sedcard an Partner-Agenturen in den Zielstädten. Diese sogenannten Placement Agencies entscheiden, ob du für eine Saison gebucht wirst. Wie internationale Modelagenturen dabei konkret zusammenarbeiten, erklären wir ausführlich im Artikel Internationale Modelagentur: Wie Modelagenturen zusammenarbeiten.
Bevor du internationale Tests fliegst, geht es meistens auf einen Development Trip: vier bis acht Wochen in Paris oder New York, Modelapartment mit vier bis acht anderen Mädchen, oft auf Etagenbetten, jeden Tag Tests mit Nachwuchsfotografen, zehn bis fünfzehn Castings pro Tag. Bezahlt wird in dieser Phase fast nichts — die Agentur streckt vor, und Flug, Wohnung und Sedcards werden später von den Gagen abgezogen.
Ein Modelapartment in Manhattan kostet die Models zwischen 2.200 und 2.800 US-Dollar pro Monat. Agenturen wie The Society oder IMG ziehen monatlich rund 1.500 Euro nur für die Unterkunft ab — bei vier Mädchen in einem Zimmer. Wer am Ende des Trips keine Jobs gebucht hat, fliegt zurück und versucht es in der nächsten Saison — oder gar nicht mehr.
Visa, Steuern, Sozialversicherung — was niemand erklärt
Vor dem ersten Job kommen die Behörden. Für die USA brauchst du in der Regel ein O-1-Visum für „Personen mit außergewöhnlichen Fähigkeiten“ oder seltener ein H-1B3 für Models — ein Touristen-Visum reicht nicht, sobald du Geld verdienst. Antragskosten fürs O-1 liegen bei mehreren tausend Dollar plus Anwaltsgebühren. Über das W-8BEN-Formular und das Doppelbesteuerungsabkommen Deutschland-USA lässt sich ein Teil der 30 Prozent Quellensteuer zurückholen — aber nur mit US-Steuererklärung im Folgejahr.
Großbritannien verlangt seit dem Brexit den Creative Worker Visa für Aufenthalte über sieben Tage. Frankreich und Italien sind innerhalb der EU unkompliziert, aber die französische Sécurité Sociale greift ab dem ersten Drehtag — inklusive Beiträgen, die auch deutsche Models zahlen müssen. Die deutsche Künstlersozialkasse greift im Ausland nicht. Wer das nicht plant, zahlt am Ende doppelt: einmal in Frankreich, einmal beim deutschen Finanzamt.
Was wirklich verdient wird — und was am Ende übrig bleibt
Hier eine realistische Übersicht der Tagesgagen auf dem internationalen Markt. Die Zahlen kommen aus Branchenquellen und Agenturberichten — und sie zerstören vielleicht ein paar Illusionen.
| Job-Typ | Markt | Tagesgagen (€) | Anmerkung |
|---|---|---|---|
| Editorial Vogue | Paris/New York | 150–500 | Prestige, kein Geld |
| Fashion Show (Standard) | Mailand/Paris | 800–2.500 | Pro Show, 2–3 Stunden |
| Fashion Show (Top-Marke) | Paris | 5.000–50.000 | Dior, Chanel, Saint Laurent |
| Show-Exclusive | Mailand (Prada) | +15.000–25.000 | Bonus für Marken-Treue |
| E-Commerce Shooting | New York | 2.000–4.000 | Tägliches Brot |
| Globale Werbekampagne | Weltweit | 50.000–500.000 | Inkl. Buy-out, 1–2 Jahre |
| Beauty-Vertrag | Weltweit | 500.000–5 Mio. | Lancôme, Estée Lauder & Co. |
Von der Bruttogage gehen erstmal 20 Prozent Agenturkommission ab. Dann nochmal 20 Prozent an die Mutter-Agentur in Deutschland. Plus Steuern — in den USA ziehen Auftraggeber 30 Prozent Withholding Tax direkt am Set ab. Plus Apartment-, Flug- und Sedcard-Kosten. Es gibt Models, die nach einer ganzen Saison Paris mit Schulden nach Hause kommen — obwohl sie auf zehn Shows gelaufen sind. Die Branche nennt das „going into the red“.
„Die meisten Mädchen, die ich nach Paris schicke, verdienen im ersten Jahr unter dem Strich nichts. Die zweite Saison entscheidet alles. Wer dann nicht durchstartet, kommt nicht mehr zurück.“ — Stephan Czaja, CM Models
Mehr zu den Hintergründen dieser Einschätzung liefert das ausführliche Interview Der Weg zum Modeln: Tipps und Einblicke von Stephan Czaja (CM Models), in dem er über Karrierechancen, Marktlogiken und den richtigen Zeitpunkt für den Schritt ins Ausland spricht.
Auf einen Blick — was vom Bruttohonorar übrig bleibt:
- − 20 % Kommission an die Placement-Agentur vor Ort
- − 20 % an die deutsche Mutter-Agentur
- − 30 % US-Withholding-Tax (bei US-Jobs, teilweise rückforderbar)
- − Apartment, Flug, Sedcards, Booker-Spesen
- − deutsche Einkommensteuer auf den Restbetrag
Ein Beispiel macht es deutlich: Ein Show-Honorar von 5.000 Euro in Paris reduziert sich nach Kommissionen auf rund 3.200 Euro. Davon gehen anteilige Apartment- und Flugkosten ab — pro Saison schnell 4.000 Euro. Wer nur drei Standard-Shows läuft, fliegt rechnerisch im Minus zurück.
Die zweite Saison entscheidet — über Jahre, nicht Wochen
Models, die nach der ersten Saison sofort Geld sehen, sind die Ausnahme. Die Regel: Saison eins ist Investition, Saison zwei ist Bewährung, ab Saison drei beginnt der ROI. Wer nach zwei Saisons in Paris keine Editorials in i-D, Numéro oder den Vogue-Ablegern hat, wird vom Casting-Markt aussortiert. Genau hier trennen sich Model-Karrieren von Model-Versuchen.
Was die wenigsten thematisieren: Modelapartments sind psychologisch belastend. Sechs junge Frauen, alle in Konkurrenz, alle mit Maßenangst, alle ohne Privatsphäre. Essstörungen sind in dieser Phase weiterverbreitet als Agenturen zugeben. Wer hier nicht selbstständig isst, schläft und Pause macht, hält keine zwei Saisons durch. Wie Models mit dem Alltag, dem eigenen Körper und dem psychischen Druck umgehen, beschreibt Serlina Hohmann im Interview über Modelalltag, Pflege und fit bleiben sehr offen. Die guten Mutter-Agenturen wissen das und schicken deshalb erst Models über 18, die aus stabilen Verhältnissen kommen.
Hier ein Hintergrund-Video zur Realität hinter den großen Shows:
https://www.youtube.com/watch?v=Frq2Z9wbT5w












