Rebekka Ruétz: Elegant sportlich – Berlin Fashion Week AW23/24

Elf Saisons ohne Unterbrechung auf der Berlin Fashion Week — das schafft unter deutschen Designerinnen fast niemand. Rebekka Ruétz ist die Ausnahme: nicht weil sie laut ist, sondern weil sie eine These hat. Mit „Brave New World“ liefert sie eine Kollektion, die Skiwear als kulturelles Archiv begreift — und damit eine der dringlichsten Fragen der Modewelt stellt: Was bleibt von einer Freizeitkultur, wenn das Klima wegbricht?

Brave New World: Skiwear als Archiv einer bedrohten Kultur

Der Titel ist programmatisch. Aldous Huxleys dystopischer Roman steht als literarischer Subtext hinter einer Kollektion, die mehr leistet als schicke Jacken und Statement-Accessoires. Ruétz stellt eine unbequeme Frage: Was bleibt von Skiwear, wenn der Schnee schmilzt? Ihre Antwort ist handwerklich: alte Skimode, neu interpretiert aus vollständig recycelten Materialien, wird zum visuellen Protokoll einer Freizeitkultur unter Druck.

Die Tirolerin — aufgewachsen zwischen Kitzbühel und Innsbruck, geprägt durch das Trachtengeschäft ihrer Mutter — trägt diese alpine DNA nicht als Trend, sondern als Biographie. Skibrillen als Statement-Accessoire, Schnittführungen die an Rennoveralls erinnern, Kopfhörer als Teil des Styling-Konzepts: Das ist keine Anleihe bei Sportswear-Trends, sondern eine gewachsene Designsprache, die sich über viele Saisons auf der Fashion Week Berlin konsequent weiterentwickelt hat.

Skiwear als Haute Couture der Klimakrise — Ruétz macht aus funktionaler Bergmode ein kulturpolitisches Argument, ohne dabei die Tragbarkeit zu opfern.

Wer die Kollektion gegen andere aktuelle Designansätze liest, bemerkt die Seltenheit dieser Haltung. Wo viele Häuser Nachhaltigkeit als Pressemitteilung behandeln, beeinflusst bei Ruétz die Materialwahl die Schnittführung — nicht umgekehrt. Die Kollektion setzt auf zertifizierte Recyclingsysteme und Hightech-Membranen ohne PFAS-Beschichtungen, also auf Qualitätsstandards die auch im sportlich-eleganten Alltag Bestand haben.

Rebekka Ruétz Herbst Winter Look Berlin Fashion Week – sportlich elegantes Outfit mit Skibrille auf dem Laufsteg

Recycelte Materialien: Was das in der Praxis bedeutet

„Komplett recycelt“ ist eine Aussage, die in der Modewelt inflationär verwendet wird. Bei Ruétz verdient sie genauere Betrachtung. Die Grundlage bilden Deadstock-Stoffe und Materialien die nach dem Global Recycled Standard (GRS) zertifiziert sind — einem der wenigen Nachhaltigkeitssiegel, das Lieferkettentransparenz tatsächlich überprüfbar macht. Das ist keine Marketing-Geste. Erkennbar wird es daran, dass die verfügbaren Materialien die Schnitte formen: Volumen, Drapierungen und Proportionen reagieren auf das, was existiert — nicht auf ein abstraktes Designbriefing.

Für alle, die sich tiefer mit Designphilosophie und handwerklicher Haltung beschäftigen, lohnt ein Blick auf Pradas Umgang mit konzeptioneller Farbdramaturgie — ein interessanter Vergleichspunkt für Kollektionen, die Ästhetik und Argumentation verknüpfen.

  1. Materialwahl nach GRS-Standard, nicht nach Trendpalette
  2. Deadstock-Stoffe als Ausgangsmaterial — Scarcity als Gestaltungsprinzip
  3. Schnittführung folgt dem Material, nicht umgekehrt
  4. Nachhaltigkeitsanspruch gilt auch für die Schuhkomponente (Skechers-Kollaboration)

Die Farbpalette: Alpines Licht als konzeptionelles Argument

Die Farbwelt dieser Kollektion ist kein Zufall und kein Trend-Hopping. Von Mitternachtsschwarz und Phantomgrün über Mondscheinozeanblau und Türkis-Mineralgrün bis zu Sonnengelb, sattem Ocker, Antikrosa und rauchigem Weiß — diese Palette ist ein visuelles Protokoll alpiner Lichtmomente. Wer Bergpanoramen kennt, erkennt die Referenzen sofort: das grünliche Schimmern eines Gletschersees, das Gelb einer Skijacke im Gegenlicht, das Weiß von Neuschnee kurz vor der Morgendämmerung.

Warm gegen kühl: die ästhetische Spannung der Kollektion

Besonders mutig ist die Kombination warmer und kühler Nuancen innerhalb eines einzelnen Looks. Das verhindert, dass die Kollektion in Outdoor-Katalog-Ästhetik abgleitet — stattdessen entsteht eine Spannung, die eindeutig High Fashion ist. Diese Farbwelt funktioniert zudem als praktische Orientierung für alle, die sportlich-elegante Looks im Alltag umsetzen wollen.

Farbton Alpine Referenz Einsatz im Styling
Mitternachtsschwarz Nacht im Gebirge Overalls, Jacken, Hosen
Phantomgrün Nadelwald, Gletschereis Kleider, Kombinationen
Mondscheinozeanblau Alpensee, Winterhimmel Accessoires, Lagen
Sonnengelb Gipfelsonne, Skijacken-Signal Statement-Pieces, Akzente
Antikrosa / Rauchigweiß Neuschnee, Morgendämmerung Kleider, weiche Lagen
Ocker / Rostrot Herbstlaub, Berghütten-Holz Jacken, Layering-Pieces

Ähnlich konsequente Farbdramaturgie findet sich bei Prada, wo die Palette ebenfalls als konzeptionelles Argument fungiert — nicht als Dekoration. Ruétz denkt in derselben Liga, nur mit anderen geographischen Koordinaten.

Rebekka Ruétz Modenschau Berlin Fashion Week – recyceltes Outfit in Grün-Schwarz mit Kopfhörer und Skibrille

Die Skechers-Kollaboration: Wenn ein Sneaker-Riese Avantgarde als Strategie entdeckt

Skechers ist mit einem Jahresumsatz von über 7 Milliarden US-Dollar die drittgrößte Sneaker-Marke der Welt — hinter Nike und Adidas. Der Schritt auf den Runway ist trotzdem ungewohnt. Jahrelang war die Marke primär im Comfort- und Jogging-Segment verankert; Fashion-Week-Präsenzen waren die absolute Ausnahme. Die Kollaboration mit Ruétz markiert eine bewusste Repositionierung: Nicht lauter werden, sondern glaubwürdiger.

Warum diese Kollaboration funktioniert

Der entscheidende Unterschied zu anderen Designer-Sneaker-Kooperationen: Hier diktiert die Designerin die ästhetische Logik, nicht die Marke. Ruétz integriert die Skechers-Silhouetten nicht als nachträgliches Co-Branding, sondern baut die Schuhe konzeptionell ins Styling ein. Kombiniert mit sportlichen Socken und den markanten Skibrillen entsteht eine Silhouette, die weit über klassische Athleisure-Klischees hinausgeht. Wer sich für Sneaker als Modeinstrument interessiert, findet bei Balenciaga Schuhen einen informativen Vergleichspunkt — auch dort begann die Runway-Revolution mit einer gezielten Neuinterpretation.

Für Skechers ist die Berlin Fashion Week unter dem Dach von Reference Studios der richtige Einstiegspunkt: jung, international, weniger konservativ als Mailand oder Paris. Für Ruétz stärkt die Kollaboration den kommerziellen Radius, ohne die ästhetische Kontrolle abzugeben. Das ist eine kluge Symmetrie — beide Marken gewinnen in je unterschiedlichen Zielgruppen.

Zum Vergleich: Nike hat seine Runway-Glaubwürdigkeit über Jahre durch gezielte Designerkollaborationen aufgebaut. Skechers wählt einen direkteren Weg — und trifft damit eine Designerin, die Sportlichkeit als kulturelle Aussage versteht, nicht als Trend.

  • ✓ Skechers erstmals im Fashion-Week-Kontext positioniert
  • ✓ Sneaker konzeptionell integriert, nicht als Add-on
  • ✓ Styling mit Socken und Skibrillen schafft eigenständige Silhouette
  • ✓ Kollaboration stärkt beide Marken in unterschiedlichen Zielgruppen
  • ✓ Nachhaltigkeitsanspruch erstreckt sich auch auf die Schuhkomponente

Rebekka Ruétz Runway Look Berlin Fashion Week – Model mit Skechers Sneaker und sportlichem Outfit

Die Show live: Was Runway-Fotos nicht zeigen

Die Berlin Fashion Week hat sich unter der Leitung von Reference Studios und Nowadays vom Messeformat zu einem kuratierten, international ausgerichteten Event entwickelt. Das beeinflusst den Kontext, in dem eine Designerin wie Ruétz präsentiert: Das Publikum ist internationaler, das Casting offener, die Atmosphäre weniger konservativ als auf vergleichbaren Veranstaltungen in Mailand oder Paris. Genau dieser Rahmen gibt einer konzeptionellen Kollektion den Raum, den sie braucht.

Performance statt Präsentation

Was die Runway-Fotos nicht vollständig transportieren: die choreographierte Energie der Show. Skibrillen und Kopfhörer als Accessoires funktionieren in Bewegung anders als im Stillstand — sie schaffen eine Körperlichkeit, die zum Thema „Brave New World“ passt. Die Modenschau ist hier nicht nur Präsentation, sondern Performance. Das komplette Showformat lässt sich in der Livestream-Aufzeichnung nachvollziehen:

Wer sich für Modenschauen als Format interessiert oder selbst den Weg ins Modelbusiness erkundet, findet bei uns umfassende Informationen: von Tipps zum Model werden über konkrete Model Castings bis hin zu internationalen Möglichkeiten in New York, London und Paris.

Rebekka Ruétz im Kontext: Was diese Kollektion für die deutsche Modeszene bedeutet

Deutsche Designerinnen haben es strukturell schwer, internationales Gewicht zu entwickeln. Paris hat die Grands Couturiers, Mailand die Konzerne, London das Kunstschulnetzwerk. Berlin hat — historisch — den Mut zum Experiment und die Toleranz für Uneindeutigkeit. Ruétz ist ein Beispiel dafür, wie man aus dieser Nische Stärke zieht: nicht durch Lautstärke, sondern durch Konsequenz.

Drei Prinzipien die Schule machen sollten

Wer die Kollektion genau analysiert, erkennt ein Muster, das über diese eine Saison hinausweist. Erstens: die konsequente Verankerung in einer persönlichen Biographie statt in Trend-Reports. Die alpine DNA ist nicht Ästhetik-Entscheidung, sondern Herkunft — das macht sie unkopiierbar. Zweitens: Nachhaltigkeit als Gestaltungsprinzip, nicht als Kommunikationsstrategie. Drittens: die kluge Wahl von Kollaborationspartnern, die den eigenen Markenraum erweitern ohne ihn zu verwässern.

Im Vergleich zu Herrenmode-Trends, die seit Jahren von sportlicher Funktionalität geprägt sind, zeigt Ruétz: Diese Codes funktionieren in der Damenmode längst als eigenständige Sprache — nicht als Anleihe. Für alle, die über Mode nachdenken und sich von Zitaten inspirieren lassen, ist Ruétz eine der wenigen Designerinnen, die Haltung und Handwerk gleichermaßen verkörpert.

Den gesamten Werdegang lässt sich bei uns gut nachvollziehen: von glänzenden Kleidern auf der Berlin Fashion Week über die kraftvolle Mode für Amazone-Schau bis zur jüngsten Präsentation, in der Ruétz modern und fast wie Chanel in Berlin agierte. Wer den nächsten Schritt kennenlernen will, findet bei uns auch die Rebekka Ruétz x Berlin Fashion Week Kollektion im Modern-Chic-Format — konsequente Weiterentwicklung derselben Vision.

Für einen breiteren Überblick über relevante Designerinnen und Marken lohnt sich ein Blick auf unsere Übersicht aller Modemarken von A bis Z.

  • ✓ Biographisch fundiertes Design statt Trend-Hopping
  • ✓ Nachhaltigkeit als Gestaltungsprinzip, nicht als Pressemitteilung
  • ✓ Kollaborationen die Markenraum erweitern statt verwässern
  • ✓ Konsequente Präsenz auf der Berlin Fashion Week über viele Saisons
  • ✓ Alpine Motive als globales Alleinstellungsmerkmal — unkopiierbar weil biographisch

Foto Credits: Getty for Nowadays