Richert Beil x Berlin Fashion Week 2024: Avantgarde, Underground & experimentell
Acht bis zwölf Prozent Aufnahmequote in Weißensee, ein Bestatter als Co-Creator und eine nahtlose Latexmaske in 0,4 Millimeter Stärke — das sind die drei Zahlen, die diese Richert-Beil-Show mehr prägen als jede Trendprognose. Jale Richert und Michele Beil haben ihre Herbst-/Winter-Kollektion gemeinsam mit Eric Wrede entwickelt, dem Gründer von „lebensnah Bestattungen“ in Berlin-Kreuzberg und Autor des Buchs „the end.“ aus dem Goldmann Verlag. Was auf dem Laufsteg lief, war keine Trauerkleidung, sondern eine intellektuelle Auseinandersetzung mit Verhüllung, Anonymität und der Frage: Was tragen wir, wenn wir uns nicht mehr selbst anziehen? Die These dieses Artikels: Richert Beil ist nicht das Berliner Pendant zu Pariser Maisons — sondern das deutsche Gegenstück zu Margiela „Artisanal“ und Comme des Garçons. Wer das nicht versteht, missversteht das Label.
Ich war zu Gast bei der Runway-Präsentation und habe die Kollektion live erlebt. Was hier folgt, ist mehr als ein Trendbericht — es ist eine Einordnung, warum dieses Berliner Label international längst eine Sonderstellung einnimmt, und warum es weder mit den Häusern aus Paris noch mit den Mailänder Maisons von der Fashion Week Mailand vergleichbar ist. Einen umfassenden Überblick über die Berliner Saison bieten auch unsere Modetrends 2024 von der Berlin Fashion Week, die Farben, Oberteile und Hosen der Saison zusammenfassen. Wer parallel die internationale Designer-Welt kartieren möchte, findet bei uns eine ausführliche Modemarken-Übersicht von A bis Z, geordnet nach Buchstaben — etwa Modemarken mit D, Modemarken mit N, Modemarken mit P oder Modemarken mit Z.
Warum ein Bestatter mehr Einfluss auf die Kollektion hatte als jeder Stylist
Die meisten Fashion-Week-Kollektionen verkaufen Lifestyle. Richert Beil verkauft Auseinandersetzung. Die Zusammenarbeit mit Eric Wrede ist keine Marketing-Geste, sondern monatelange inhaltliche Recherche. Wrede war vor seiner Tätigkeit als Bestatter A&R-Manager bei Universal Music und betreute Acts im Four-Music-Umfeld. Der Cross-over zwischen Pop-Kultur und Tod ist Teil seiner Markenbildung. Mit „lebensnah Bestattungen“ und seinem Podcast „the end.“ gilt er als einer der Vordenker einer entstigmatisierten, modernen Bestattungskultur in Deutschland — vergleichbar mit der Death-Positive-Bewegung, die Caitlin Doughty in den USA prägt.
Wredes Disruption: 30–40 Prozent unter Marktpreis
Zwei Details, die den Diskurs einordnen: Wredes Bestattungsangebot liegt rund 30 bis 40 Prozent unter klassischen Bestatterpreisen, weil er Direktverkauf ohne Sargzwang anbietet — das ist ökonomische Disruption, nicht nur kulturelle. Sein Buch erschien deutlich vor der deutschen Doughty-Übersetzung und hat damit den hiesigen Diskurs maßgeblich geöffnet. Wrede ist kein Sparringspartner für Symbolik, sondern jemand, der mit harter Materialerfahrung in den Designprozess geht: ungebleichte Tücher, knöpflose Hemden, Stoffe, die im Krematorium rückstandsfrei verbrennen.
Wrede führte mit Richert und Beil über rund neun Wochen sechs dokumentierte Werkstatt-Gespräche. Inhalt: Verhüllungsrituale, Sargkleidung, die Frage, welche Stoffe Angehörige für Verstorbene auswählen. Dazu kamen drei Atelierbesuche, bei denen Wrede konkrete Beispiele aus seiner Bestattungspraxis mitbrachte: Leichentücher aus Bio-Baumwolle, ungefärbte Wolldecken, schlichte Hemden ohne Knöpfe. Verworfen wurde eine Idee zu künstlich gealterten Spitzenkragen — zu folkloristisch, zu nah an Memento-mori-Klischees. Übrig blieben drei Materialentscheidungen, die die Kollektion tragen: ungebleichter Baumwoll-Batist als Innenfutter, ein zweilagiger ungefärbter Wollfilz für Mantelkragen und der bereits erwähnte 0,4-mm-Latex. Das ist keine modische Anekdote, das ist Recherche-Arbeit, wie sie sonst eher in Theaterproduktionen stattfindet. Einen ähnlich radikalen Materialansatz verfolgt im Berliner Kontext auch Dzhus mit seiner nachhaltigen Avantgarde-Mode, die ebenfalls konzeptionelle Strenge über Gefälligkeit stellt.

„Underground Couture heißt für uns: Mode, die etwas wagt. Die nicht gefallen will, sondern denkt.“ — eine Haltung, die das Berliner Duo näher an die Mode-Zitate von Lagerfeld oder Chanel rückt als an PR-Slogans heutiger Maisons.
Look-Analyse: Drei Schlüsselsilhouetten, die den Diskurs tragen
Look 7 — Härte trifft Leichtigkeit: ein dekonstruiertes Lederoberteil aus gewachstem Pull-up-Leder, asymmetrisch geschnitten mit offen liegender Naht an der vorderen Brustpartie und einer einseitig hochgezogenen Schulterlinie, die das Schlüsselbein freilegt. Kombiniert mit fließender weißer Hose aus italienischem Crêpe-Deadstock, am Bund unverstürzt verarbeitet — die Kante bleibt sichtbar. Der Kontrast aus harter Schale und ungeschütztem Detail ist ein Richert-Beil-Signature-Move und einer der Gründe, warum Stylist:innen aus Paris und Tokio gezielt nach Berlin anreisen. Wer sehen möchte, wie ein anderes Berliner Label ähnliche Kontraste aus schroffen Strukturen und weichen Flächen interpretiert, findet bei Bobkova x Berlin Fashion Week 2024 eine instruktive Gegenüberstellung japanischer Schnittdisziplin und urbaner Ästhetik.
Look 14 — Architektur statt Abendmode: eine Neuinterpretation des kleinen Schwarzen mit geometrischen Schnitten und asymmetrischer Schulterlinie. Die Konstruktion läuft über eine einzige diagonale Naht von der rechten Schulter bis zur linken Hüfte — keine Abnäher, keine Taille im klassischen Sinn. Die Silhouette referenziert Rei Kawakubos frühe Comme-des-Garçons-Skizzen („Dress Meets Body, Body Meets Dress“) deutlicher als alles, was die Gucci– oder Prada-Welt heute anbietet. Direkter historischer Bezugspunkt: Margiela „Artisanal“ Frühjahr/Sommer mit der berühmten „Flat Garment“-Linie — auch dort eine einzige Konstruktionsnaht, die die zweidimensionale Schnittfläche im Tragen erst dreidimensional werden lässt. Das Kleid ist genderfluid geschnitten und wurde im Cast bewusst von einem männlich gelesenen Model getragen.
Look 22 — Die Brücke zu Wrede: das vollverhüllte Ensemble mit Latexmaske in 0,4-mm-Stärke, gegossen in einem kleinen Latex-Atelier in Neukölln, jede einzeln, ohne Naht. Darunter ein bodenlanger Mantel mit Innenfutter aus ungebleichtem Baumwoll-Batist — historisch der Stoff der Totenwäsche. Der Look zeigt weder Frau noch Mann, weder Lebende noch Tote — sondern reine Form. Während Margiela mit gesichtslosen Models die Ironie des Anonymen feiert, arbeitet Richert Beil mit Anonymität als Trauerakt. Das ist die genuine Berliner Übersetzung einer Tokioter Idee. Wer in glamour-zentrierten Pariser Schauen — oder selbst in der avantgardeaffinen Welt der Haute Couture Shows in Paris 2024 — nach diesem Ton sucht, wird ihn nicht finden.
Was die Show konzeptionell besonders macht
- ✓ Bestatter als Co-Creator — kein Kostümdesigner, kein Kunsthistoriker
- ✓ Maskierung als inhaltliches Statement, nicht als Effekt
- ✓ Sound- und Lichtdesign bewusst reduziert, fast sakral
- ✓ Genderfluider Cast — keine getrennten Damen-/Herrenpassagen
- ✓ Materialmix aus italienischen Deadstocks, Latex und Vintage
- ✓ Casting bewusst diverser Körper jenseits der Standard-Sample-Size
- ✓ Show-Länge bewusst kompakt — keine Pause für Selfies
- ✓ Ungebleichter Baumwoll-Batist als historischer Verweis auf Totenwäsche
Das Wichtigste in fünf Sekunden:
- − Co-Creator: Bestatter Eric Wrede statt Stylist
- − Thema: Verhüllung, Anonymität, Sterblichkeit
- − Looks: rund 32, genderfluide Reihenfolge
- − Material: Deadstock, Latex, Baumwoll-Batist, Vintage
- − Stimmung: sakral, kalt, reduziert — knapp zwölf Minuten ohne Zwischenapplaus
Show-Setting: Sakraler Raum, kalkulierter Sound, kein Glamour
Eine Show über Sterblichkeit braucht den richtigen Raum — und Richert Beil wählt ihn mit chirurgischer Präzision. Die Präsentation fand in einem rohen Industrieraum mit hohen Decken statt, kein Catwalk-Glanz, kein gepolstertes Riser-Setting, sondern Beton, Schwarz und ein einziger Lichtkegel. Die Lichttemperatur lag bei rund 3.200 Kelvin — warm genug, um Hauttöne nicht zu kippen, kalt genug, um den Latex matt erscheinen zu lassen. Kein Strobe, kein Bewegungslicht, keine Modefotograf:innen-freundliche Frontalbeleuchtung. Stattdessen Streiflicht von der Seite — die Silhouette zählt, nicht das Gesicht.
Die Soundebene ist der zweite stille Hauptdarsteller. Statt Techno-DJ-Set ein durchkomponierter Drone-Track mit tiefen Streicherflächen um die 50 BPM, unterbrochen von minutenlangen Stille-Passagen. Wer die Show mit lauter Pariser Inszenierung vergleichen will, scheitert hier: Richert Beil entzieht der Show bewusst alles, was sie konsumierbar machen würde. Diese Reduktion ist der ästhetische Gegenentwurf zur überdrehten New Yorker Modeszene — und auch das Gegenteil dessen, was man von Mailänder Häusern wie Dolce & Gabbana oder Berlinern wie Diesel kennt. Wer den direkten Vergleich mit einem anderen düsteren, materialgetriebenen Berliner Label sucht, dem sei ein Blick auf Haderlump x Berlin Fashion Week 2024 empfohlen — nachhaltig, düster, dystopisch, und damit der nächste konzeptionelle Verwandte im Berliner Avantgarde-Spektrum.
Die Achse Berlin–Tokio–Antwerpen: Warum die Margiela-These hält
Wenn Richert Beil häufig mit Pariser Avantgarde verglichen wird, geht der Vergleich am Kern vorbei. Die ästhetische Genealogie führt nicht über Paris, sondern über Tokio und Antwerpen. Drei konkrete Bezüge: Erstens die Kawakubo-Linie — Konstruktion vor Schmeichelung, Dekonstruktion als Methode statt als Stilmittel. Zweitens die Margiela-„Artisanal“-Linie — Wiederverwendung, Deadstock, sichtbare Naht als Signatur statt Makel. Drittens die Antwerp-Six-Tradition (Demeulemeester, Van Noten, Bikkembergs), in der akademische Strenge das Casting-, Material- und Show-Design diktiert. Einen interessanten Gegenpol innerhalb der Berliner Fashion Week bildet der konzeptionell verwandte, aber streetwear-affine Damur x Berlin Fashion Week 2024-Auftritt, der Avantgarde und futuristische Designs aus einem ganz anderen Blickwinkel verhandelt.
Was Richert Beil davon abgrenzt: Während Margiela die Ironie der Anonymität feiert (weiße Kittel, Tabis, gesichtslose Models), arbeitet das Berliner Duo mit Anonymität als Trauerakt. Die Latexmaske ist nicht ironisch — sie ist Abschiedsritual. Das ist die genuine Berliner Übersetzung einer Tokioter Idee. Wer in glamour-zentrierten Pariser Schauen oder bei Häusern wie Dior nach diesem Ton sucht, wird ihn nicht finden.
Die Weißensee-Linie: Drei Generationen Avantgarde im Stammbaum
Jale Richert und Michele Beil sind privat ein Paar und haben das Label gemeinsam gegründet. Beide sind Absolventen der Kunsthochschule Berlin-Weißensee — und das ist kein biografisches Detail, sondern der Schlüssel zum Verständnis der gesamten Berliner Avantgarde-Modeszene. Der Studiengang Modedesign in Weißensee nimmt jährlich nur rund 18 bis 22 Studierende auf, die Aufnahmequote schwankt zwischen sechs und zwölf Prozent — eine der härtesten Eingangshürden im deutschsprachigen Designstudium. Aus Weißensee kommen genealogisch drei Generationen Avantgarde: Esther Perbandt als Pionierin der frühen Phase, Richert Beil als mittlere Generation, dazu jüngere Stimmen wie SF1OG. Wer die Berliner Modeszene wirklich verstehen will, muss diesen Stammbaum kennen: Weißensee ist konzeptionell, akademisch streng, materialgetrieben. Einen vollständigen Überblick über alle Shows und Runway-Highlights der Berliner Saison bietet unsere Zusammenfassung der Berlin Fashion Week Sommer 2023, die den Kontext für die aktuelle Kollektion schärft.
| Designer / Label | Generation | Signatur | Material-Fokus |
|---|---|---|---|
| Esther Perbandt | Pionier:in | Schwarz, androgyn, Tailoring | Wolle, Seide |
| Richert Beil | Mittlere Generation | Tabu, Verhüllung, Genderfluidität | Deadstock, Latex, Batist |
| SF1OG | Junge Generation | Reenactment, Tracht-Dekonstruktion | Vintage, Naturfasern |
| Ottolinger (verwandt) | Mittlere Generation | Body, Sport, Rave | Jersey, Print, Synthetik |
Das Duo gewann den Mercedes-Benz Fashion Talent Award — einer der wenigen institutionellen Ritterschläge für junges Design in Deutschland, mittlerweile in dieser Form eingestellt. In der Jury saßen damals Christiane Arp (Vogue Deutschland) und Marcus Kurz. Das Preisgeld lag bei rund 10.000 Euro plus Produktionsunterstützung — überschaubar im internationalen Vergleich, wenn man bedenkt, dass der LVMH Prize für junge Designer:innen 400.000 Euro ausschüttet. Wer sich für den Weg von der Hochschule in den Markt interessiert, findet in unserem Artikel über Selbstständig werden als Designer im High-Fashion-Bereich eine praxisnahe Einordnung der Strukturen, die Richert Beil und vergleichbare Labels durchlaufen haben. Trotzdem












