Marc Cain: Mäntel, Eleganz & neon Farben – Berlin Fashion Week AW23/24
1.500 Gäste, 52 Models, 65 Outfits, ein 80 Meter langer Runway in Hangar 4 des stillgelegten Flughafens Tempelhof: Marc Cain inszenierte zum 50. Markenjubiläum eine der größten Modeschauen, die Berlin in seiner Geschichte gesehen hat. Während andere Häuser auf reduzierte 30-Looks-Formate setzen, lieferte das schwäbische Label unter dem Motto „A New Journey“ eine opulente Demonstration dessen, was deutsche Mode kann, wenn sie sich traut, groß zu denken. Wer sich für die Bandbreite deutscher und internationaler Häuser interessiert, findet in unserer Übersicht aller Modemarken von A bis Z weitere Häuser mit vergleichbarer Tradition.
Die Kollektion Herbst/Winter ist mehr als eine Saisonaussage – sie ist ein Statement zur Identität einer Marke, die seit ihrer Gründung 1973 in Bodelshausen auf der Schwäbischen Alb produziert und bis heute familiengeführt ist. Die eigentliche These dieses Artikels: Marc Cain ist kein Designer-Label im klassischen Sinn, sondern eine industrielle Strick-Architektur mit einer Kreativabteilung, die zufällig auch Mäntel macht. Genau das macht die Marke einzigartig – und unverwechselbar im Premium-Segment. Einen umfassenden Überblick über alle Shows der Saison bietet unsere Berlin Fashion Week AW23/24 Übersicht.
Das Wichtigste auf einen Blick:
- Gegründet 1973 von Helmut Schlotterer in Bodelshausen, Schwäbische Alb
- Karin Veit als Creative Director seit 1985 – über 35 Jahre Kontinuität
- Über 100 Stoll-Flachstrickautomaten am Stammsitz, eigene Strickerei
- Rund 220 eigene Stores weltweit, geschätzter Umsatz im dreistelligen Millionenbereich
- Show-Heimat Tempelhof: 6.000 m² Fläche, 19 Meter Deckenhöhe
Tempelhof als Markeninstrument: Warum Hangar 4 mehr ist als eine Kulisse
Der Showort ist bei Marc Cain nie Dekor, sondern Dramaturgie. Hangar 4 des ehemaligen Flughafens Tempelhof bietet, was kaum eine andere Berliner Location liefern kann: rund 6.000 Quadratmeter freie Fläche, Deckenhöhen bis 19 Meter und eine industriell-monumentale Atmosphäre, die jedes Strick- oder Mantel-Piece optisch zwei Größen wachsen lässt. Marc Cain bucht Tempelhof seit Jahren wiederkehrend – eine bewusste Markenstrategie, die das Setting selbst zum Wiedererkennungsmerkmal macht. Die Tagesmiete für einen Hangar dieser Größenordnung liegt im fünfstelligen Bereich, dazu kommen Aufbau, Licht, Bühnenbau und Sicherheit – ein einstelliger Millionenbetrag pro Show ist hier realistischer als der bei Berliner Modenschauen sonst übliche sechsstellige Rahmen.
Das ist kein Zufall, sondern Kalkül. Während andere Marken Saison für Saison neue Locations suchen, um Buzz zu generieren, baut Marc Cain mit Tempelhof ein Bühnenarchiv auf, das in der Erinnerung der Gäste zu einem konsistenten Markenraum verschmilzt. Eine Schau im Hotelballsaal hätte dieselbe Kollektion gezeigt und eine völlig andere Geschichte erzählt. Wer die Mechanik einer professionellen Modenschau einmal im Detail verstehen will, erkennt hier den Unterschied zwischen Event und Markenarchitektur – ein Prinzip, das auch internationale Häuser auf der Fashion Week Mailand konsequent verfolgen.

Die Symbolik des Neuanfangs zum 50. Jubiläum
„A New Journey“ als Kollektionstitel im Jubiläumsjahr ist eine bewusste Doppelbotschaft: ein Rückblick auf 50 Jahre Markenarbeit und gleichzeitig die Ansage, dass die nächsten 50 nicht aus Wiederholung bestehen werden. Die Wahl eines Flughafens als Bühne unterstreicht diese Lesart bis ins Detail – Aufbruch, Bewegung, Transit. Genau diese Doppelbödigkeit – ein Statement, das Tradition und Aufbruch gleichzeitig erzählt – findet sich auch in den klassischen Mode-Zitaten von Lagerfeld und Chanel. Ähnlich gekonnt spielte in derselben Berliner Saison etwa Rebekka Ruétz mit elegant-sportlichen Silhouetten, die ebenfalls auf den Spannungsbogen zwischen Vergangenheit und Gegenwart setzte.
50 Jahre Marc Cain heißen nicht: 50 Jahre dasselbe. Sie heißen: 50 Jahre konsequent eigene Handschrift – und der Mut, sie immer wieder neu zu interpretieren.
Die Frau, die Marc Cain seit 1985 designt – und nie auf der Bühne steht
Hier liegt der eigentlich interessante Punkt, den die meisten Berichte übersehen: „Marc Cain“ ist keine Person. Gründer Helmut Schlotterer, ursprünglich im Vertrieb für italienische Strickwaren tätig, wählte den Namen 1973 bewusst als internationale Kunstmarke – griffig, neutral, weltmarkttauglich. „Marc“ für maskuline Klarheit, „Cain“ für eine Aussprache, die in Englisch, Französisch und Italienisch ohne Verlust funktioniert. Die häufig kolportierte These, der Name sei eine Hommage an Marc Bohan (damals Chefdesigner bei Dior), ist in offiziellen Markenverlautbarungen nicht bestätigt – sie hält sich aber als Branchenlegende hartnäckig.
Entscheidend ist die strategische Konsequenz: Die Marke konnte sich nie an einer Designer-Persönlichkeit aufhängen, sondern an einem Stilversprechen. Anders als bei Dolce & Gabbana oder Giorgio Armani steht hier kein Namensvetter im Logo. Die kreative Handschrift kommt von Karin Veit, die bereits 1985 ins Haus kam und heute als Head of Creative Direction die Linie verantwortet. Über 35 Jahre Kontinuität in der Designführung – das ist in der Branche fast einmalig. Bei LVMH-Häusern wechselt der Creative Director im Schnitt alle fünf bis sieben Jahre. Veit ist die eigentliche Architektin der Kollektionen – die Frau, die entscheidet, welche Brokate auf welche Strickkleider treffen und wo Neon im Mantel sitzt. Sie tritt selbst nach Schauen kaum vor die Kamera, gibt selten Interviews und überlässt den Auftritt konsequent der Marke. Eine bemerkenswerte Haltung in einer Branche, in der Designer-Egos zur Markenstrategie gehören – wie etwa bei Kilian Kerner, der seine Pailletten-Anzüge in derselben Saison höchstpersönlich zelebrierte.
Wer die Logik solcher Markennamen vertiefen will, findet in unserer Übersicht der Modemarken mit D weitere Beispiele für strategisches Branding. Auch in den Modemarken mit P und Modemarken mit N lassen sich vergleichbare Muster bei der Namensfindung nachvollziehen.
„A New Journey“: Die Kollektion zwischen Brokat, Neon und Oversized-Mänteln
Was die 65 Outfits eint, ist eine Spannung, die typisch für Marc Cain ist: opulente Materialien treffen auf futuristische Silhouetten. Brokat, Samt, Seide, Pailletten und aufwendige Strickkonstruktionen werden nicht im klassischen Couture-Sinn inszeniert, sondern in Schnitten, die zwischen Streetwear-Volumen und alter Schule pendeln. Ultrakurze Röcke und kurze Jacken stehen neben Oversized-Mänteln, die fast bodenlang über den Runway zogen. Vergleichbare Kontraste zwischen Volumen und Reduktion zeigten in derselben Saison auch die Fransenkleider und maskulinen Anzüge bei Litkovska.
https://youtube.com/watch?v=mGGWRFyZkfY
Die fünf prägenden Looks der Saison
Wer die Show analytisch zerlegt, erkennt fünf Mikrotrends, die sich auch unabhängig von der Marke saisonübergreifend tragen lassen – also genau die Art von Trends, die in drei Jahren noch funktionieren:
| Trend | Material/Schnitt | Tragbarkeit Alltag |
|---|---|---|
| Oversized Mantel | Wolle, knielang bis bodenlang | Sehr hoch |
| Neon-Akzente | Pink, Lime, elektrisches Blau | Mittel – als Statement |
| Brokat-Anzug | Lila, Gold, Bordeaux | Hoch – Abend & Office |
| Pailletten am Tag | Tops und Röcke | Mittel – mit Knit kombinieren |
| 3D-Strick | Nahtlose Pullover & Kleider | Sehr hoch |

Mustermix als Markensignatur
Marc Cain ist eine der wenigen großen Marken, die Mustermix nicht als modisches Wagnis, sondern als Standard inszeniert. Florale Prints, geometrische Strukturen und Tiermuster wie Leopard und Zebra begegnen sich in einem einzigen Look. Der Mustermix folgt dabei einer einfachen Regel: ein dominantes Muster als Hauptträger, ein zweites in reduzierter Fläche als Echo. Drei Muster werden bewusst vermieden – das ist die Schwelle, an der aus Stilmittel ein Kostüm wird. In Kombination mit den präzise geschnittenen Strickteilen entsteht ein Look, der erwachsen wirkt, ohne in klassisches Damen-Repertoire abzurutschen. Wer sich für ähnlich mutige Muster-Kombinationen in der Berliner Szene interessiert, findet bei Marcel Ostertag – Felle und Latex zur selben Fashion Week – einen spannenden Kontrapunkt.
Made in Bodelshausen: Was Marc Cain technologisch von der Konkurrenz unterscheidet
Während Dior, Gucci oder Prada ihre Produktion längst weltweit verteilen, fertigt Marc Cain einen erheblichen Anteil seiner Strickwaren am Stammsitz auf der Schwäbischen Alb. Das ist nicht zufällig: Bodelshausen liegt im Zentrum einer historischen Trikotweber-Region, deren Wirkereitradition bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht. Marc Cain betreibt dort eine eigene Strickerei mit Maschinen des Reutlinger Maschinenbauers Stoll – darunter die „knit and wear“-Technologie, die nahtlose Pullover, Kleider und Tops in einem einzigen Strickvorgang ermöglicht. Eine einzelne dieser Flachstrickautomaten kostet zwischen 80.000 und 120.000 Euro; Marc Cain betreibt davon über 100 Stück. Der geschätzte Vertikalisierungsgrad in der Strickkollektion liegt bei rund 60 Prozent – Hugo Boss kommt in vergleichbaren Warengruppen nicht über 20 Prozent.
Ein oft übersehener strategischer Vorteil: Stoll sitzt in Reutlingen, nur rund 30 Kilometer vom Marc-Cain-Stammwerk entfernt. Wartung, Updates und Schulungen passieren in einem Tagesradius – ein logistischer Hebel, den keine asiatische Produktionsstätte replizieren kann. Marc Cain war zudem einer der ersten europäischen Premium-Markenkunden, der die 1995 von Stoll auf der ITMA Mailand vorgestellte „knit and wear“-Technik konsequent ins Sortiment integrierte – Jahre bevor Häuser wie Max Mara oder Loro Piana nachzogen.
Warum nahtloser Strick ein technologisches Statement ist
Der eigentliche Hebel der Technik bleibt im Branchengespräch oft unerwähnt: Weil das Kleidungsstück in einem Stück gestrickt wird, entfällt der konventionelle Zuschnitt – das spart bis zu 30 Prozent Materialeinsatz. Ein nahtloses Strickkleid läuft je nach Komplexität 45 bis 90 Minuten in der Maschine, ohne dass Näherinnen anschließend Seitennähte schließen müssen. Das ist kein Marketing-Claim, sondern messbare Substanz. Die Investition in eigene Maschinen ist langfristig auch ein Inflationsschutz: Wer die Wertschöpfung im Haus hat, ist weniger anfällig für die Preissprünge globaler Lieferketten – ähnlich wie bei seltenen Materialien, die als Edelstein-Investment funktionieren.
Was Marc Cain technisch auszeichnet – Checkliste:
- ✓ Über 100 Stoll-Flachstrickautomaten am Stammsitz
- ✓ „knit and wear“-Technologie für nahtlose Strickteile
- ✓ Vertikalisierungsgrad von rund 60 Prozent in der Strickkollektion
- ✓ Bis zu 30 Prozent weniger Materialverbrauch durch nahtlose Fertigung
- ✓ Eigene Färberei und Stoffentwicklung in Bodelshausen
- ✓ Maschinenpartner Stoll im Tagesradius (30 Kilometer)
Vergleich mit der internationalen Konkurrenz
Das Marc-Cain-Preissegment liegt zwischen klassischem Premium und unterem Luxus – also dort, wo viele Käuferinnen zwischen einem Designer-Piece, einem Hugo-Boss-Mantel und einem Marc-Cain-Strickkleid abwägen. Konkrete Hausnummern: Strickpullover starten bei rund 200 Euro, Strickkleider bewegen sich zwischen 300 und 500 Euro, Mäntel liegen bei 500 bis 900 Euro, einzelne Show-Pieces übersteigen die 1.500-Euro-Marke. Der entscheidende Unterschied zur Konkurrenz: deutsche Produktion, transparente Lieferkette, hoher Strick-Anteil im Sortiment – Qualitätsmerkmale, die auch angehende Designer im High-Fashion-Bereich als Orientierung nutzen können, wenn sie eigene Produktionsstrategien entwickeln.










