Dzhus: Kleiderwechsel vor den Zuschauern – Berlin Fashion Week AW23/24

Zehn Looks, die sich live auf dem Runway in zwanzig oder mehr Outfits verwandeln — und dahinter eine Designerin, die ihre Show nach Berlin verlegen musste, weil in ihrer Heimatstadt Kyjiw die Sirenen heulen. Was Irina Dzhus mit der Kollektion „SUBSTANCE“ auf der Berlin Fashion Week zeigte, war keine Modenschau im klassischen Sinn, sondern eine Demonstration konstruktiver Intelligenz. Hosen wurden zu Kleidern, Mäntel zu Jumpsuits, Ärmel klappten sich zu Kapuzen. Wer nur die Bilder sieht, übersieht das Eigentliche: Hier wird nicht Mode präsentiert, hier wird eine Antwort auf eine Welt entworfen, in der man nicht mehr planen kann, was morgen passt.

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Das Label DZHUS wurde 2010 in Kyjiw gegründet und arbeitet seit dem ersten Tag zu 100 Prozent vegan und mit Deadstock-Materialien. Lange bevor Zero-Waste zum Marketing-Buzzword wurde, war es bei Dzhus Konstruktionsprinzip — kein nachträglich aufgesetztes Nachhaltigkeits-Kapitel. Wer einen Überblick über die wichtigsten Designer sucht, findet in unserer Modemarken Übersicht A-Z die größere Landkarte. Dzhus gehört zu den Namen, die man sich merken sollte — auch wenn das Label nie die Sichtbarkeit von Gucci oder Prada erreichen wird. Will es auch nicht.

Die Mechanik der Verwandlung: Wie aus einem Teil sieben werden

Die Kollektion umfasst zehn Schlüsselteile mit architektonischen Silhouetten: Statement-Puffermäntel, kastenförmige Jacken, Maxikleider, übergroße Hosen. Was sie von gewöhnlicher Konzeptmode unterscheidet, ist nicht die Form, sondern die Mechanik dahinter. Verborgene Reißverschlüsse trennen ganze Bahnen voneinander. Modulare Panels werden mit Knopf- oder Hakensystemen abgenommen und an anderer Stelle wieder befestigt. Ärmel klappen sich zu Kapuzen, Kragen werden zu Halskrausen, Innenseiten sind reversibel — schwarz auf weiß, glatt auf strukturiert.

Dzhus Berlin Fashion Week Look 1

Ein einzelnes Dzhus-Teil enthält oft bis zu sieben verborgene Tragvarianten. Die Designerin dokumentiert diese in eigenen Lookbooks als sogenannte „Transformation Maps“ — eine Art technische Bauanleitung, die mit jedem Stück mitgeliefert wird. Das ist Slow Fashion in ihrer radikalsten Form: Wer ein Dzhus-Teil kauft, kauft praktisch eine kleine Garderobe.

Die Konstruktionselemente im Überblick

Element Funktion Beispiel im Look
Verdeckte Reißverschlüsse Trennen Bahnen, schaffen neue Silhouetten Mantel wird zum Jumpsuit
Modulare Panels Abnehmbare Stoffflächen mit Knopf- oder Hakensystem Maxikleid wird zum Top
Knopf-Ösen-Systeme Verbinden Einzelteile zu neuen Formen Hose wird zum Trägerkleid
Wandelbare Ärmel Klappen, Falten, Wickeln Ärmel werden zur Kapuze
Reversible Innenseiten Zwei Looks pro Teil Schwarz auf Weiß wendbar
Modulare Kragen Abnehmbar, einzeln tragbar Kragen wird zur Halskrause

Ein technisches Detail, das in keiner Show-Review steht: Ein typisches Dzhus-Stück wiegt rund 30 bis 40 Prozent mehr als ein vergleichbares konventionelles Teil. Der Grund ist die versteckte Hardware — Reißverschlüsse, Druckknöpfe, doppelte Stoffbahnen für die reversiblen Innenseiten. Das ist kein Mangel, sondern Konstruktionslogik. Wer ein Stück trägt, das gleichzeitig Mantel, Jumpsuit und Decke sein kann, trägt eben mehr Material.

Die Farbpalette folgt dieser Strenge: Schwarz, Weiß, gedeckte Erdtöne. Dzhus verzichtet bewusst auf Saisonfarben oder verspielte Prints — die Aufmerksamkeit soll auf der Konstruktion liegen, nicht auf der Oberfläche. Diese Reduktion erinnert an die japanische Avantgarde der 80er, ist in ihrer Funktionalität aber näher an den Konzepten von Donna Karan und ihrer „Seven Easy Pieces“-Idee: Wenige Teile, viele Tragvarianten. Wer auf Tiermuster, Logo-Prints oder Saisontrends schielt, ist hier falsch.

Designgeschichtliche Einordnung: Drei Prinzipien, ein System

Dzhus erfindet das transformierbare Kleidungsstück nicht — sie radikalisiert es. Hussein Chalayan zeigte mechanische Kleider, die sich auf dem Laufsteg per Motor verwandelten. Issey Miyake entwickelte mit A-POC („A Piece of Cloth“) ein System, bei dem aus einem einzigen Stoffschlauch ganze Outfits geschnitten werden. Yeohlee Teng baute Zero-Waste in den Schnittplan ein, lange bevor das Wort Konjunktur hatte. Comme des Garçons spielt seit den 80ern mit Volumen, das den Körper neu definiert.

Dzhus Transformations-Look

Was Dzhus anders macht: Sie kombiniert drei Prinzipien gleichzeitig — Transformation, Zero-Waste und 100 Prozent vegane Materialien — in einem konsequenten System. Keine Wolle, keine Seide, kein Leder, kein einziges Gramm tierischen Ursprungs. Stattdessen: Recycling-Polyester aus PET-Flaschen, Tencel, Ecovero-Viskose und Kork-Leder von portugiesischen Lieferanten. Die Materialliste wird in eigenen Transparenz-Berichten offengelegt — selten genug bei Independent-Labels, fast unbekannt bei großen Häusern wie Dior oder Dolce & Gabbana.

„Transformation ist bei Dzhus kein modischer Effekt. Sie ist die Antwort auf eine Welt, in der man nicht mehr planen kann, was morgen passt.“ — Diese Lesart drängt sich auf, sobald man die Kollektion im Kontext sieht.

Bemerkenswert: Irina Dzhus arbeitete vor der Gründung des Labels als Stylistin und Modejournalistin in Kyjiw. Ihr Konstruktions-Know-how ist autodidaktisch — kein Central-Saint-Martins-Lebenslauf, keine Atelier-Lehre bei einem großen Haus. Das Label etablierte sich zunächst auf den Mercedes-Benz Kyiv Fashion Days und gewann dort früh den „New Names“-Award. Heute sind Dzhus-Stücke aus der Kollektion „OUTLINE“ in der permanenten Sammlung des ModeMuseum Hasselt in Belgien vertreten — eine Auszeichnung, die viele etablierte Häuser nie erreichen. Wer die Berliner Designer-Szene mit Dzhus‘ Niveau vergleicht, sollte sich auch das Designer-Duo AIKYOU, das Berliner Konzeptlabel holyGhost oder die Arbeiten von Marcell von Berlin ansehen — eine eigene Generation, die Mode als Argument begreift. Auch das Interview mit Marcell von Berlin liefert dafür Stoff.

Warum die Show nicht in Kyjiw stattfand: Der politische Subtext

Die „drastischen Veränderungen“ der Heimat, von denen Dzhus spricht, sind keine Modemetapher. Sie sind tägliche Realität. Die Designerin verlegte ihre Präsentation nach Berlin, weil die Bedingungen in Kyjiw unhaltbar wurden. Die Show lief unter dem Programm „Berlin Contemporary“ der Reference Studios — nicht im offiziellen MBFW-Schedule, sondern als kuratierter Off-Slot, in dem ukrainische Designer ihre Arbeit fortsetzen konnten, während zu Hause die Sirenen heulen.

Das Konzept der Wandelbarkeit bekommt vor diesem Hintergrund eine neue Schärfe: Was passt, wenn man flüchten muss? Welche Kleidung funktioniert in einem Bunker genauso wie auf der Straße? Welcher Mantel kann auch eine Decke sein? Welches Kleid lässt sich zur Hose umfunktionieren, wenn der Stadtwechsel kein Stylingthema mehr ist? Dzhus stellt diese Fragen nicht plakativ — sie beantwortet sie konstruktiv. Auf dem Runway verwandelten Models ihre Looks live vor dem Publikum, mit nur wenigen Handgriffen, ohne Backstage-Wechsel. Das ist die eigentliche Aussage: Kleidung muss arbeiten können, nicht nur aussehen.

Dzhus politischer Kontext Look

Berlin als neue Bühne — und warum sie passt

Berlin hat sich längst zu einer Plattform für osteuropäische und konzeptionelle Mode entwickelt. Im Vergleich zur Fashion Week Mailand ist Berlin weniger kommerziell, dafür offener für experimentelle Stimmen. Wer die größere Landkarte verstehen will, findet bei uns auch alle Fashion Week Termine für London, New York, Berlin, Mailand und Paris auf einen Blick. Auch frühere Berliner Schauen wie die Ewa Herzog Modenschau, die Ioana Ciolacu Show oder die I’VR Isabel Vollrath Modenschau gehören in dieselbe DNA: Konzept vor Kommerz. Wer mehr über die Stadt selbst lesen will, findet das Porträt der Mode-Stadt Berlin als ergänzende Lektüre.

Dass Berlin als Standort funktioniert, ist kein Zufall. Die Stadt ist günstiger als Paris, weniger industriell als Mailand, weniger PR-getrieben als New York. Wer hier zeigt, will nicht Cover, sondern Diskurs.

Wer Dzhus kaufen sollte — und wer sich das Geld sparen kann

Klare Einschätzung: Dzhus ist nicht für jeden. Wer schnelle Outfits für den Büroalltag sucht, ist bei Zalando, NA-KD oder Pimkie besser aufgehoben. Wer dünne Jeans und schlichte T-Shirts liebt — und dazu finden sich bei uns die besten Jeans Marken im Vergleich — wird mit Dzhus fremdeln. Die Architektur der Schnitte braucht eine selbstbewusste Trägerin und ein Verständnis dafür, dass Kleidung Werkzeug sein kann, nicht nur Hülle.

Die Investition ist real: Dzhus-Mäntel bewegen sich preislich im oberen Designersegment, vergleichbar mit Avantgarde-Labels wie Rick Owens oder Yohji Yamamoto. Kleider und Hosen liegen tendenziell darunter, große Statement-Stücke deutlich darüber. Die Bestellung läuft bewusst gegen den Wholesale-Rhythmus — Made-to-order in Kyjiw, sechs bis acht Wochen Produktionszeit, keine klassischen Vorab-Saisonkollektionen. Wer hier kauft, kauft Konzept und Wartezeit. Vergleichbar mit der Logik, die hinter Investments wie einem Painit Edelstein steht: Seltenheit und Bedeutung schlagen kurzfristigen Trend.

Checkliste: Ist Dzhus das richtige Label für mich?

  • ✓ Ich besitze lieber wenige, vielseitige Teile als viele Trendstücke
  • ✓ Ich kann mit Volumen, Asymmetrie und architektonischen Schnitten umgehen
  • ✓ Mir ist Materialethik (vegan, Zero-Waste, Deadstock) wichtig
  • ✓ Ich akzeptiere sechs bis acht Wochen Lieferzeit ohne Rabatt-Druck
  • ✓ Ich verstehe Mode als intellektuelles Statement, nicht nur als Outfit
  • ✓ Ich bin bereit, im oberen Designersegment zu investieren
  • ✓ Ich trage gerne genderfluide Schnitte — Dzhus löst klassische Kategorien auf

Wer alle Punkte abhakt, gehört zur Zielgruppe. Wer drei oder weniger erfüllt, sollte vermutlich woanders shoppen. Auch im Bereich Herrenmode finden sich übrigens spannende Parallelen — Dzhus arbeitet bewusst genderfluid und löst klassische Schnitt-Kategorien auf.

Substanz schlägt Inszenierung: