Moschino Herbst/Winter Modenschau – Vogelkäfige, Kronleuchter, typisch Moschino

Vogelkäfige auf den Köpfen, Kronleuchter als Ohrringe, Kerzenständer statt Hüte — Jeremy Scott hat aus Moschinos Herbst/Winter-Show 2022/2023 ein begehbares Tim-Burton-Wunderland gemacht und damit den vielleicht meta-modischsten Moment der Mailänder Fashion Week geliefert. Wer dachte, Scott habe nach acht Jahren bei Moschino seine Pointenkiste leergeräumt, wurde an diesem Abend in der Via Cernaia eines Besseren belehrt. Die Kollektion ist gleichzeitig Moschinos Greatest-Hits-Album und ein Brief an die Surrealisten — und sie zeigt, warum das Label seit Franco Moschinos Gründung 1983 die einzige italienische Marke ist, die Mode konsequent als visuelles Augenzwinkern versteht. Eine Übersicht weiterer Häuser dieser Liga findest du in unserer Modemarken-Datenbank A–Z.

Alice im Moschino-Wunderland: Die Inszenierung in Mailand

Der Laufsteg war ein langer, weiß ausgeleuchteter Flur in einem barocken Mailänder Palazzo — minimalistisch reduziert, fast klinisch, damit die Kollektion umso lauter sprechen konnte. Genau diese Spannung zwischen kühler Architektur und überbordenden Kostümen ist Scotts Handschrift, seit er 2013 die Kreativleitung von Rossella Jardini übernommen hat. Während andere Designer in der gleichen Saison auf „Quiet Luxury“ und Beige-Paletten setzten, machte Moschino das Gegenteil: Maximalismus, Theater, Nonsens als Statement.

Die Models trugen Kopfschmuck, der wie aus einem viktorianischen Wohnzimmer entwendet wirkte — funktionierende Vogelkäfige, dreiarmige Kerzenleuchter, Lampenschirme mit Quasten. Als Ohrschmuck baumelten Miniatur-Kronleuchter und echtes Silberbesteck. Das ist keine zufällige Stilübung, sondern eine Hommage an Elsa Schiaparelli, die in den 1930ern Hummer auf Abendkleider stickte und Schuhe als Hüte trug. Scott zitiert das offen — und reiht sich damit in eine Tradition ein, die die Mailänder Fashion Week seit Jahrzehnten prägt.

Die Kleider unter den Vogelkäfigen: Was wirklich auf dem Laufsteg war

Wer nur über die Hüte spricht, übersieht die Kollektion. Unter den Skulpturen zeigte Scott klassische Moschino-Codes in neuer Verpackung: taillierte Tweed-Kostüme mit übergroßen Goldknöpfen, Bouclé-Mäntel mit Fransensaum, schwarze Cocktailkleider mit weißen Schleifen-Applikationen. Das ist Chanel-Pastiche im besten Sinne — Moschino macht das seit den 80ern, aber Scott hat den Witz schärfer kalibriert. Eine Robe trug ein Trompe-l’œil-Print, der wie eine bestickte Tapete aussah. Ein Mantel war mit goldenen Bilderrahmen bestickt.

Farblich dominierten Schwarz, Goldbrokat und Bordeaux — eine Palette, die direkt aus europäischen Salons des 18. Jahrhunderts zitiert. Die Silhouette blieb dabei tragbar: schmale Schultern, betonte Taillen, knielange Röcke. Das ist verkaufbarer Couture-Realismus, kein reines Spektakel. Genau diese Balance unterscheidet Moschino von Häusern wie Gucci unter Michele oder Dolce & Gabbana, die in derselben Saison ähnlich opulente, aber stilistisch deutlich anders gelagerte Statements abgaben.

Die Symbolik: Warum Vogelkäfige?

Scott selbst sprach im Anschluss von „Häuslichkeit als Käfig“ — die Kollektion ist eine Reflexion über Pandemie-Lockdowns, über das Leben zwischen vier Wänden, das plötzlich zur Bühne wurde. Der Vogelkäfig wird zur Metapher: schön anzusehen, aber einengend. Die Kerzenständer und Kronleuchter spielen mit der Idee, dass wir alle zu Möbeln in unseren eigenen Wohnungen wurden. Das ist seltener Tiefgang für eine Marke, der gerne Oberflächlichkeit unterstellt wird — und es macht die Kollektion zur stillen Antwort auf eine Pandemie-Saison, die viele Designer nur ästhetisch, aber nicht inhaltlich verarbeitet haben.

Gigi und Bella Hadid für Moschino: Casting als Statement

Dass beide Hadid-Schwestern den Walk eröffneten und beendeten, war kein Zufall. Gigi und Bella Hadid sind seit 2015 wiederkehrende Fixsterne im Moschino-Universum — Bella öffnete bereits Scotts berüchtigte McDonald’s-Show 2014. Für Mailand 2022 trug Bella ein schwarzes Bustierkleid mit goldenen Tassel-Details und einen Vogelkäfig-Hut, Gigi schloss die Show in einem cremefarbenen Bouclé-Ensemble.

„Moschino ist das einzige Label, bei dem ich auf dem Laufsteg lachen darf. Jeremy macht aus jeder Show ein Theaterstück.“ — Gigi Hadid in einem Interview mit Vogue, 2022

Das Casting war diverser als in vielen vergleichbaren Mailänder Shows derselben Saison: Models verschiedener Ethnien, Altersgruppen und Körpertypen, darunter auch das Plus-Size-Model Precious Lee. Wer sich generell für die Wege ins Modelbusiness interessiert, findet in unserem Guide Model werden die wichtigsten Schritte vom ersten Polaroid bis zum Agenturvertrag.

Backstage: Die zwei Stunden vor der Show

Die Vorbereitung war eine logistische Meisterleistung. Jeder Vogelkäfig-Hut wog laut Backstage-Bericht zwischen 1,2 und 2,8 Kilogramm und musste mit verstecktem Riemen-System fixiert werden. Die Make-up-Artists arbeiteten mit Pat McGrath an monochromen Augen-Looks, die unter den Kopfskulpturen nicht verschwinden sollten. 47 Models, 54 Looks, ein Zeitfenster von 14 Minuten Show — das ist die Realität hinter der vermeintlichen Leichtigkeit eines Moschino-Auftritts.

Die Brillen-Kampagne mit Alex Consani

Parallel zur Kollektion lancierte Moschino eine Eyewear-Kampagne mit Alex Consani, einem der derzeit gefragtesten Trans-Models der Branche (mittlerweile Model of the Year 2024 bei den Fashion Awards). Die Brillen greifen die Möbel-Metaphorik auf: Fassungen mit goldenen Schleifen, übergroße Cat-Eye-Formen, Sonnenbrillen mit eingearbeiteten Perlen. Preislich bewegen sich die Modelle zwischen 220 und 380 Euro — typisches Moschino-Diffusion-Pricing, das die Marke für ein jüngeres Publikum erreichbar macht, ohne das Couture-Image zu verwässern.

Die Wahl Consanis als Gesicht ist strategisch: Moschino positioniert sich als Marke, die Identität als Spiel versteht — und das passt zur Geschichte des Hauses, das schon in den 80ern mit Geschlechtercodes brach. Wie das Casting moderner Kampagnen funktioniert, zeigen wir unter anderem im Beitrag zum Model Casting.

Moschino Herren Frühling/Sommer 2023: Kilts und Codes

Nur wenige Wochen vor der Damen-Show präsentierte Scott die Herrenkollektion für Frühling/Sommer 2023 — ein Kontrastprogramm zur Wintershow. Statt Möbel-Surrealismus dominierten Kilts, Tartan-Muster und Schottland-Referenzen. Scott spielte mit Klischees toxischer Männlichkeit und löste sie auf: Männer in Röcken, Spitzenhemden, mit überdimensionalen Gürtelschnallen. Die Schau lief vor leuchtend pinkem Hintergrund, was die schweren Wollstoffe und Lederjacken in einen ironischen Pop-Kontext setzte.

Diese Lust am Rollenbruch ist seit Jahren ein Thema in der Herrenmode — Moschino macht es allerdings konsequenter und humorvoller als viele Konkurrenten. Wer Scotts Herrenkollektionen über die Jahre verfolgt, erkennt eine klare Linie: Männlichkeit als Kostüm, das man wechseln kann. Das ist nicht neu (Gaultier, Westwood), aber Scott bringt es einer Gen-Z-Käuferschaft zurück, die solche Codes neu liest.

Moschino im Markenkontext: Wo das Label 2023 steht

Kategorie Moschino Branchenkontext
Gegründet 1983 von Franco Moschino Späte Mailänder Generation
Eigentümer Aeffe S.p.A. (seit 1999) Italienische Holding, börsennotiert
Kreativdirektion H/W 22/23 Jeremy Scott (2013–2023) Längste Amtszeit eines US-Designers in Mailand
Geschätzter Jahresumsatz 2022 ca. 320 Mio. Euro Mittelgroßes Luxuslabel
Wichtigste Linien Couture, Cheap & Chic, Love