Haderlump: Denim, Lederjacken & Militäruniformen – Berlin Fashion Week AW23/24
Aus alten Fallschirmen, ausgemusterten Militäruniformen und zerschnittenen Lederjacken entsteht in einem Berliner Atelier eine der radikalsten Antworten auf Fast Fashion, die die deutsche Modeszene in den letzten Jahren gesehen hat. Haderlump — der Name stammt aus dem süddeutsch-österreichischen Sprachraum und bedeutet so viel wie „zerlumpter Mensch“ — hat mit der Debüt-Kollektion „Dystopia“ auf der Berlin Fashion Week ein Statement gesetzt: Mode ohne neue Ressourcen, ohne Deadline-Druck einer globalen Lieferkette, ohne Kompromisse beim Design.
Während andere Labels über Nachhaltigkeit reden, näht Haderlump aus Bundeswehr-Surplus und NVA-Ripstop-Nylon. Das Ergebnis ist düster, brutal und gleichzeitig hochmodisch — und stellt die Frage, ob die Zukunft der Mode nicht längst in der Vergangenheit liegt.
Wer ist Haderlump? Johann Ehrhardt und die Anti-Fast-Fashion-Vision aus Berlin
Hinter Haderlump steht Designer Johann Ehrhardt, der das Label in Berlin gegründet hat und sich von Beginn an einem klaren Prinzip verschrieb: kein einziges Stück neu produzierter Stoff. Das ist kein Marketing-Claim, sondern Konstruktionsprinzip. Wer eine vollständige Übersicht relevanter Modemarken A–Z sucht, wird Haderlump unter den jungen, konzeptgetriebenen Berliner Labels finden — neben Namen, die in der internationalen Herrenmode längst diskutiert werden.
Der Name als Programm
„Haderlump“ ist eine bewusst gewählte Anti-Luxus-Geste. Während Häuser wie Dior, Gucci oder Prada über Jahrzehnte ein Vokabular der Eleganz aufgebaut haben, dreht Ehrhardt das Spiel um. Der Lump, der Zerlumpte, das Zerschlissene wird zum Helden. Diese semantische Provokation funktioniert nur deshalb so gut, weil die Verarbeitung das genaue Gegenteil ist: präzise Schnitte, durchdachte Silhouetten, kompromisslose Atelierqualität.

„Dystopia“: Was die Debüt-Kollektion über die Zukunft der Mode erzählt
Der Titel „Dystopia“ ist keine ästhetische Pose, sondern ein erzählerisches Gerüst. Die Kollektion zeigt, wie Kleidung aussehen könnte, wenn neue Ressourcen knapp werden — ein Szenario, das in der Modeindustrie längst keine Science-Fiction mehr ist. Die UN-Umweltkommission rechnet die Textilindustrie zu den drei umweltschädlichsten Branchen weltweit. Haderlump nimmt diese Realität als Ausgangspunkt und macht sie zum Look.
Die Materialquellen im Detail
Was in der Kollektion verarbeitet wird, ist überprüfbar herkunftsstark:
- ✓ Deadstock-Stoffe aus europäischen Textillagern, die sonst entsorgt würden
- ✓ Gebrauchte Jeans aus Second-Hand-Beständen (siehe auch unser Überblick zu Jeans Marken)
- ✓ Lederjacken — zerschnitten, neu zusammengesetzt, mit sichtbaren Patina-Spuren
- ✓ Militäruniformen aus NVA- und Bundeswehr-Surplus, ein Reservoir, das in Deutschland besonders groß ist
- ✓ Fallschirme aus Ripstop-Nylon mit 30+ Jahren Materialhaltbarkeit
Diese Materiallogik unterscheidet Haderlump fundamental von Marken wie Diesel oder Puma, die Nachhaltigkeit als Linie innerhalb eines weiterhin neuproduzierenden Systems anbieten. Bei Haderlump ist Upcycling nicht Kapitel — es ist das ganze Buch.

„Jedes Kleidungsstück, das schon existiert, ist ein Argument gegen jedes Kleidungsstück, das wir neu produzieren.“
Vom Fallschirm zum Runway: Die Konstruktionslogik dahinter
Der spannendste Aspekt von Haderlump ist nicht das Konzept, sondern die Handwerkstechnik. Aus einem ausgemusterten Fallschirm lassen sich — je nach Größe — bis zu drei vollständige Outerwear-Stücke fertigen. Ripstop-Nylon ist reißfest, leicht, wasserabweisend und behält seine Eigenschaften über Jahrzehnte. Was als militärisches Sicherheitsmaterial konstruiert wurde, wird zur urbanen Schutzschicht.
Warum NVA- und Bundeswehr-Surplus?
Deutschland hat durch die Wiedervereinigung ein einzigartiges Reservoir an Militärtextilien. NVA-Bestände wurden in den 1990er-Jahren in großen Mengen ausgemustert, vieles davon liegt bis heute in Surplus-Lagern. Die Stoffe sind extrem robust gewebt, oft chemisch unbehandelt im Vergleich zu modernen Funktionsmaterialien — und damit ideale Kandidaten für Re-Design.
| Material | Herkunft | Eigenschaft | Einsatz bei Haderlump |
|---|---|---|---|
| Ripstop-Nylon | Fallschirme, Surplus | Reißfest, leicht | Outerwear, Parka |
| Denim | Second-Hand-Jeans | Patina, Charakter | Patchwork-Hosen, Jacken |
| Leder | Bikerjacken | Robust, langlebig | Re-Design Jacken, Details |
| Wollköper | Militäruniformen | Schwer, wärmend | Mäntel, Hosen |
| Deadstock-Baumwolle | Textillager-Restbestände | Variabel | Hemden, Liner |
Wer sich tiefer mit Lederverarbeitung beschäftigt, sollte einen Blick auf unsere Auflistung der teuersten Lederjacken der Welt werfen — Haderlump steht ästhetisch in einer ähnlichen Liga, aber konzeptionell auf der entgegengesetzten Seite des Spektrums.

Der Berliner Kontext: Warum dieses Label nur hier entstehen konnte
Berlin ist seit Jahren das europäische Zentrum für konzeptuelle, dezidiert nicht-luxuriöse Mode. Während die Fashion Week Mailand weiterhin von Heritage-Häusern dominiert wird und Paris die Bühne der globalen Luxus-Konzerne bleibt, hat sich Berlin als Plattform für Marken etabliert, die Mode als Recherche begreifen.
Das Berlin-Contemporary-Programm
Haderlump präsentierte „Dystopia“ als Teil des „Berlin Contemporary“-Programms, kuratiert vom Fashion Council Germany. Dieses Format wurde geschaffen, um genau jene Designer sichtbar zu machen, die nicht in das klassische Schauen-Schema passen — keine Massenware, keine reinen Influencer-Auftritte, sondern Kollektionen mit erzählerischer Substanz. Es ist die deutsche Antwort auf das, was in New York oder London längst etabliert ist.
Auf einen Blick: Was Haderlump besonders macht
- − 100% Upcycling-Prinzip ohne neue Stoffe
- − Materialquellen aus Surplus-Lagern und Deadstock
- − Unikat-Charakter durch variable Ausgangsmaterialien
- − Preisniveau im Bereich kleinerer Luxusmarken
- − Konzept statt Kollektion: jede Saison erzählerisch geprägt
- − Berliner Atelier-Produktion, keine Auslagerung
Wer trägt Haderlump — und was kostet ein Stück?
Die Preisarchitektur eines Upcycling-Labels funktioniert anders als bei Standard-Modemarken. Weil jedes Stück aus unterschiedlichem Ausgangsmaterial entsteht, gibt es keine echte Skalierung. Eine Jacke kostet bei Haderlump je nach Aufwand zwischen 450 und 1.200 Euro — ein Preis, der über Mainstream-Plattformen oder Marken wie NA-KD deutlich liegt, aber unter klassischem Luxus von Dolce & Gabbana oder Dior Taschen.
Die Käuferschicht ist entsprechend spezifisch: Architektinnen, Kuratoren, Musiker, ein internationales Publikum, das in Berlin, Antwerpen, Tokio und Kopenhagen zuhause ist. Wer Haderlump trägt, signalisiert weniger Statussymbol als Haltung.
Styling-Empfehlungen aus der Redaktion
- ✓ Haderlump-Outerwear mit puristischen Basics kombinieren — die Stücke brauchen Raum
- ✓ Schwere Stiefel statt feiner Lederschuhe (Stichwort: High Heels nur als bewusster Bruch)
- ✓ Denim-on-Denim funktioniert, wenn Waschungen bewusst differieren
- ✓ Tiermuster wie Leopard oder Zebra als Akzent — sparsam dosiert
- ✓ Keine Logos anderer Marken — Haderlump steht für Anti-Branding
Haderlump im Vergleich: Wie sich das Label in der Branche verortet
Um Haderlump richtig einzuordnen, hilft ein Blick auf benachbarte Strömungen. Klassische Denim-getriebene Marken wie in unserer Sommer-Denim-Übersicht oder Kollektionen wie Tom Tailor Denim aus Mailand und G-Star Raw mit den Elevator Boys arbeiten ebenfalls mit Jeans, aber innerhalb industrieller Produktionslogik. Haderlump verlässt diese Logik vollständig.
Wer eine breitere Übersicht der internationalen Designer-Landschaft sucht, findet bei uns Sortierungen nach Anfangsbuchstaben — etwa Modemarken mit D, Modemarken mit N, Modemarken mit P oder Modemarken mit Z. Auch die selteneren Buchstaben sind abgedeckt: Marken mit Y, mit Q und mit X. Haderlump selbst gehört in die Kategorie H — ein Buchstabe, in dem sich erstaunlich viele Berliner Avantgarde-Labels sammeln.
Die Entwicklung des Labels
Nach der Debüt-Kollektion hat Haderlump kontinuierlich weiter gezeigt. Wer den nächsten Schritt des Labels nachvollziehen möchte, findet die Folgekollektion in unserem Bericht Haderlump x Berlin Fashion Week: Nachhaltig, düster, dystopisch. Auch wer sich grundsätzlich für Berliner Modenschauen interessiert, sollte unsere Reportage zur Modenschau von Marcel Ostertag kennen.
Was die Branche von Haderlump lernen kann
Die eigentliche These dieses Labels lautet: Nachhaltigkeit ist kein Add-on, sondern ein Konstruktionsprinzip. Marken, die Upcycling als zusätzliche Linie führen, lösen das Grundproblem nicht. Haderlump zeigt, dass ein vollständig zirkuläres Geschäftsmodell ästhetisch funktionieren kann — und zwar nicht im Bio-Hanf-Beige-Spektrum, sondern in einer harten, urbanen, modernen Bildsprache.
Für angehende Designer, die in der Branche Fuß fassen wollen, ist das eine Lehrstunde. Wer sich für die andere Seite des Geschäfts interessiert — also wie man als Model in die Branche kommt, was beim Casting zählt, wie eine professionelle Bewerbung aussieht, welche Jobs realistisch sind und wie man international in New York, London oder Paris arbeitet —, findet bei uns eigene Guides. Auch die Welt der T












