The Model Book – Model werden Special #5
Pro Saison sehen Mailänder Casting Directors rund 4.000 Mädchen für etwa 40 Shows — die Cast-Quote liegt unter zwei Prozent. Wer in dieser Maschine bestehen will, braucht keine TikTok-Coaches und kein 1.500-Euro-Bootcamp, sondern ein Buch, das die Mechanik dahinter zerlegt. „The Model Book“ von Aleksandra Rupp leistet genau das auf 320 Seiten zum Verkaufspreis von rund 25 Euro — und ist das einzige deutschsprachige Werk zum Thema, das von einer Autorin stammt, die selbst international vor der Kamera stand und später als Bookerin gearbeitet hat. Wer ernsthaft Model werden will, kommt an diesem Buch nicht vorbei.
Unsere These vorab, schonungslos: „The Model Book“ ist nicht das beste Buch über Modeling, das je geschrieben wurde — Michael Gross‘ „Model: The Ugly Business of Beautiful Women“ bleibt der härtere Reportage-Klassiker, und Sara Ziffs Dokumentation „Picture Me“ bleibt das ehrlichste audiovisuelle Zeitdokument. Aber Rupps Buch ist das einzige deutschsprachige Werk, das Newcomerinnen vor den drei klassischen Anfängerfehlern bewahrt: überteuertes Studio-Shooting, dubiose „Mutter-Agentur“-Verträge und der naive Sprung nach Mailand ohne Apartment-Kalkulation. Genau diese drei Punkte kosten Familien jedes Jahr fünfstellige Beträge — und genau hier ist das Buch eine Versicherung. Wer außerdem wissen will, wie das Buch inzwischen international aufgestellt ist, findet das in unserem Bericht zu The Model Book in Englisch, Spanisch und Italienisch.
Warum dieses Buch eine echte Marktlücke füllt
Im deutschsprachigen Raum existiert kaum seriöse Literatur zum Modelberuf. Ratgeber gibt es viele, doch die meisten stammen von Coaches, die selbst nie ein Editorial für eine internationale Vogue, Numéro oder i-D hatten. Wer sich über die TV-Variante des Berufs informiert, landet schnell bei Heidi Klum — eine komplette Übersicht zu GNTM und allen Staffeln samt Gewinnerinnen haben wir separat aufbereitet. Die Realität: TV-Erfolg und internationaler Markterfolg sind zwei völlig getrennte Karrieren. Eine GNTM-Finalistin läuft selten in Paris, ein Top-Newface aus Łódź oder Warschau steht binnen einer Saison auf zwölf Pariser Catwalks und kennt Heidi nur aus dem Fernsehen.
Genau hier setzt das Buch an. Es beantwortet die Fragen, die Mütter und Töchter sich stellen, bevor sie zum ersten Casting fahren: Wie erkennt man eine seriöse Agentur? Was darf eine Agentur verlangen, was nicht? Warum sind Polaroids wichtiger als das aufwendige Fotoshooting im Studio? Und warum ist die „Mutter-Agentur“ in Düsseldorf nicht dasselbe wie eine Booking-Agentur an der Place des Victoires in Paris?
https://www.youtube.com/watch?v=zd3wrlhTZSk
Die wichtigsten Kapitel im Realitäts-Check
„The Model Book“ ist in klare Themenblöcke gegliedert, die jede Phase einer Modelkarriere abbilden — vom ersten Polaroid bis zum Buy-out-Vertrag bei einer internationalen Werbekampagne. Wir nehmen uns die drei Kapitel vor, die den größten Mehrwert bieten — und benennen, wo das Buch Schwächen hat.
Polaroids: Der unterschätzte Türöffner
Im Buch wird ausführlich erklärt, warum Booker bei IMG, DNA, Viva oder Elite keine retuschierten Hochglanzfotos sehen wollen. Sie wollen Polaroids: ungeschminktes Gesicht, Haare offen, Tageslicht, schwarzes Tank Top oder weißes T-Shirt, Skinny Jeans, weiße oder neutrale Wand. Standard sind vier bis sechs Aufnahmen: Face frontal, Profil links und rechts, Full Body frontal, Full Body von der Seite, eine Walking-Shot-Sequenz. Dieser Standard wurde Anfang der 2000er von den großen New Yorker Agenturen faktisch normiert — vorher waren aufwendige Composite Cards mit Studio-Looks Branchenstandard. Wer heute mit einem 800-Euro-Studio-Shooting zur Agentur kommt, signalisiert: „Ich verstehe das Geschäft nicht.“ Diese Insider-Logik findet sich in keinem YouTube-Tutorial so pointiert wie in diesem Buch. Mehr zum Ablauf liest du in unserem Special zur Model Bewerbung.
Castings: Unter einer Minute Entscheidung
Ein eigenes Kapitel widmet sich dem Casting-Verhalten — und das ist Gold wert. Bei einem Show-Casting in Mailand laufen pro Tag bis zu 200 Mädchen vor demselben Casting Director. Die Entscheidung fällt unter einer Minute, oft in 20 bis 30 Sekunden. Das Buch erklärt, wie Walk, Comp-Card und Auftreten zusammenspielen — und warum Sympathie oft wichtiger ist als perfekte Maße. Wer tiefer einsteigen will, sollte parallel unseren Artikel zum Model Casting lesen, in dem wir konkrete Casting-Situationen aus der Praxis durchgehen.
Verträge und Agenturen: Das Kleingedruckte, das Karrieren ruiniert
Hier wird das Buch besonders wertvoll für Eltern. Es erklärt Exklusivklauseln, Provisionsstrukturen und die Apartment-Falle. Branchenstandard in Deutschland: 20 Prozent Commission vom Modelhonorar plus 20 Prozent Service Fee vom Kunden — die „20+20“-Regel. In New York liegt die Service Fee häufig identisch bei 20 Prozent on top, während die Model-Commission je nach Agentur zwischen 10 und 20 Prozent variiert. In Paris ist das Modell ähnlich, in Tokio und Seoul dagegen arbeiten Agenturen oft mit Pauschal-Buyouts plus Apartment-Pflicht — eine völlig andere Mathematik. Wer das nicht versteht, verschenkt fünfstellige Beträge pro Jahr. Wie Modelagenturen dabei international miteinander vernetzt sind und zusammenarbeiten, erklärt unser Artikel zur internationalen Modelagentur und ihrer Funktionsweise hinter den Kulissen.
„Ein gutes Polaroid sagt mehr über ein Mädchen aus als zehn bearbeitete Studioaufnahmen. Wir sehen die Knochenstruktur, die Proportionen, die Haut — und vor allem: die Persönlichkeit. Wer mit Composite-Cards aus dem Heimatstudio kommt, wird nicht ernst genommen.“ — sinngemäß aus einem Booker-Interview, das die Logik hinter dem Buch perfekt zusammenfasst.
Auf einen Blick — die kritischen Vertragspunkte:
- − Exklusivklausel: territorial oder global vereinbart?
- − Apartment-Vorschüsse: werden vom ersten Honorar abgezogen
- − Buy-out-Rechte: Werbekampagnen separat vergüten
- − Vertragslaufzeit: Standard zwei Jahre, nicht fünf
- − Kündigungsfrist: schriftlich, mit klar definierter Frist
- − Visa-Kosten: J-1 oder O-1 für die USA, 1.000–4.000 USD je nach Anwalt
Die Apartment-Falle: Rechnen, bevor man fliegt
Das wichtigste Kapitel für Eltern handelt nicht vom Laufsteg, sondern von der Buchhaltung. Modelapartments in Mailand kosten Newcomerinnen zwischen 800 und 1.200 Euro pro Monat — direkt abgezogen vom späteren Honorar. Hinzu kommen Comp-Card-Druck (rund 150 Euro), Visa-Kosten für USA und Asien, Booker-Telefon-Fees, Taxis zwischen Castings und manchmal eine Pauschale für die Website der Agentur. Wer in einer Saison nicht genug bucht, kommt mit einem Minus von 2.000 bis 4.000 Euro nach Hause. Diese Kalkulation fehlt in 90 Prozent aller Online-Ratgeber komplett. Aleksandra Rupp rechnet sie schwarz auf weiß vor — und genau das macht das Buch unbequem ehrlich.
Wer sich parallel für die Geschäftsmodelle der großen Häuser interessiert, findet bei uns Hintergründe zu Christian Dior, Gucci und Prada — die Marken, deren Castings die Saison eines Newface entscheiden. Wer dort gebucht wird, läuft danach auch bei Dolce & Gabbana in Mailand und auf der Fashion Week Mailand. Eine umfassende Übersicht zu Häusern und Labels liefert unsere Modemarken-Datenbank von A bis Z.
Modelbuch vs. YouTube vs. Coaching: Der ehrliche Vergleich
Wir haben die fünf häufigsten Informationsquellen für angehende Models verglichen — und das Ergebnis ist eindeutiger, als man denkt.
| Quelle | Kosten | Tiefe | Verlässlichkeit | Empfehlung |
|---|---|---|---|---|
| The Model Book | ca. 25 € | Sehr hoch, strukturiert | Hoch (Insider-Autorin) | Pflichtkauf |
| YouTube-Tutorials | 0 € | Mittel, oft monetarisiert | Schwankend | Ergänzung |
| Modeling-Coaches | 500–3.000 € | Variabel | Häufig fragwürdig | Selten lohnend |
| Agentur-Erstgespräch | 0 € | Hoch, agenturspezifisch | Sehr hoch | Immer machen |
| Bücher international | 15–30 € | Sehr hoch, Reportage | Hoch | Für Fortgeschrittene |
Unser Urteil: Wer 25 Euro für das Buch ausgibt, spart sich oft tausende Euro für selbsternannte Coaches, die nicht selten nur das wiederholen, was strukturierter im Buch steht. Wer den dokumentarischen Blick mag, findet in unserem Spiegel-TV-Interview mit Modelagentin Louisa von Minckwitz eine zweite, harte Branchen-Perspektive aus Hamburg.
Für wen das Buch wirklich gemacht ist — und für wen nicht
Das Buch funktioniert auf drei Ebenen: für Newcomerinnen zwischen 14 und 22, die ihre ersten Schritte planen; für Models, die in Deutschland gut gebucht sind und den Sprung auf den internationalen Markt überlegen; und — oft übersehen — für Eltern, die eine 15-Jährige nach Mailand oder New York schicken wollen. Letztere sind die heimliche Zielgruppe, denn sie unterschreiben am Ende den Vertrag.
Was das Buch nicht ist: ein Versprechen. Es macht aus niemandem ein Model. Aber es gibt jeder Bewerbung eine deutlich höhere Chance, ernst genommen zu werden. Wo das Buch Schwächen hat: Curve- und Plus-Size-Modeling werden nur am Rande behandelt, der Männermarkt — Stichwort Herrenmode — bekommt zu wenig Raum, und die Perspektive bleibt deutsch-zentriert. Wer in Tokio, Seoul oder Sydney bucht, findet hier weniger Anhaltspunkte als für die Achse Paris–Mailand–New York–London. Auch zum Thema Social-Media-Verträge mit Marken wie NA-KD oder Pimkie hätten wir uns mehr Tiefe gewünscht — gerade weil Influencer-Deals heute oft mehr abwerfen als klassische Editorials.
Praktische Tipps aus dem Buch — die Mitnehm-Checkliste
- ✓ Polaroids zuerst: Niemals Geld in ein Studio-Shooting investieren, bevor du nicht bei mindestens fünf Agenturen mit Polaroids vorgesprochen hast.
- ✓ Maße ehrlich angeben: Bei der Sedcard zwei Zentimeter zu schummeln fliegt spätestens beim ersten Fitting auf — und bedeutet das Aus.
- ✓ Mutter-Agentur klären: Eine seriöse deutsche Agentur, die dich an Paris oder New York vermittelt, ist Gold wert. Selbstvermittlung scheitert in 95 Prozent der Fälle. Wie du dabei kostenlos die besten Modelagenturen findest, haben wir in einem eigenen Ratgeber zusammengefasst.
- ✓ Social Media strategisch: Instagram ersetzt keine Agentur, aber 50.000 echte Follower können bei Model Jobs wie Werbekampagnen den Ausschlag geben.
- ✓ Schule zuerst: Das Buch ist hier sehr klar — kein Schulabbruch für eine Karriere, die statistisch nach drei bis fünf Jahren vorbei ist.
- ✓ Geld verstehen: Tagesgagen, Buy-outs, Usage-Rechte — wer das nicht versteht, verschenkt fünfstellige Beträge pro Jahr.
- ✓ Apartment-Kosten kalkulieren: Vor jeder Auslandssaison den Worst Case durchrechnen, nicht den Best Case.
- ✓ Visa rechtzeitig: J-1 oder O-1 für USA-Bookings brauchen Vorlauf, oft mehrere Monate.












