Model Coaching Backstage + Interview: Model Guru Lutz Marquardt (Tipps für GNTM Castings)
15 bis 30 Sekunden — länger hat ein Model bei einem Top-Casting nicht, um Booker und Designer zu überzeugen. Wer in dieser Zeit nicht den richtigen Walk, die richtige Hand-Position und die richtige Energie liefert, ist raus, bevor der erste Satz gesprochen ist. Genau hier setzt das Coaching von Lutz Marquardt an, das wir in Berlin backstage begleitet haben. Während GNTM jede Staffel aufs Neue suggeriert, ein Casting sei vor allem Bauchgefühl und Charisma, zeigt die Realität: Modeln ist Handwerk. Trainierbar. Mit klaren Regeln.
Wir haben Marquardt beim Coaching mit Models von CM Models begleitet — denselben Models, die du nach der Pandemie wieder auf den Laufstegen in Paris, London, Mailand, Shanghai und New York sehen wirst. Und wir haben Antworten auf die Fragen mitgebracht, die jeder stellt, der ernsthaft mit dem Gedanken spielt, Model zu werden: Was sind die echten Voraussetzungen? Was prüft die Jury? Und was macht den Unterschied zwischen einem Casting-Aus und einem Vertrag mit einer internationalen Agentur?
Was die Jury in den ersten 30 Sekunden wirklich entscheidet
Ein verbreiteter Irrtum: Beim Casting würde der Walk bewertet. Stimmt nur halb. Was Booker in den ersten Sekunden scannen, ist eine Gesamtkomposition aus drei Elementen — und der Walk ist davon das offensichtlichste, aber nicht das wichtigste.
Die drei Filter eines Castings
Erstens: das Polaroid. Ohne Make-up, ohne Filter, oft im weißen T-Shirt. Hier entscheidet das Knochengerüst, nicht das Styling. Zweitens: der Walk — und zwar in einer Kadenz, die international auf etwa 110 bis 120 BPM eingespielt wird. Wer zu langsam läuft, wirkt unsicher; wer zu schnell läuft, zerstört die Linie des Designs. Drittens: das Kurzgespräch. Hier fällt fast jede zweite Bewerberin durch — nicht wegen Aussehens, sondern wegen Auftreten. Eine selbstständige, klare Antwort schlägt jeden auswendig gelernten Pitch.
„Models scheitern selten an ihrem Gesicht. Sie scheitern an ihren Händen, ihren Schultern und an einem Walk, der aussieht, als würden sie auf Eiern gehen.“ — sinngemäß die Erkenntnis aus Stunden Coaching-Beobachtung
Genau diese Hand-Position ist es, die Coaches wie Marquardt am häufigsten korrigieren. Schätzungen aus der Branche zufolge entfallen rund 80 Prozent aller Korrekturen im Coaching auf Hände, Schulterachse und Blickführung — nicht auf den Walk selbst. Wer also Stunden vor dem Spiegel läuft, aber die Hände nicht im Griff hat, trainiert das falsche Detail.
Die sieben Coaching-Inhalte: Vom Walk bis zur Hand-Position
Ein vollständiges Coaching bei Marquardt dauert fünf Stunden, mit bis zu 20 Models gleichzeitig. Dass unser Termin im kleineren Rahmen stattfand, war Glück — so konnten wir genauer hinschauen. Was tatsächlich trainiert wird, ist deutlich konkreter als die üblichen Buzzwords „Selbstbewusstsein“ und „Ausstrahlung“:
- ✓ Runway-Walk in vorgegebener BPM-Kadenz, mit und ohne Musik
- ✓ Hand-Position: nie verkrampft, nie steif neben dem Körper
- ✓ Schulterachse und Beckenrotation — die Basis jeder Linie
- ✓ Posing solo und in Gruppen, für Editorial und Kampagne
- ✓ Polaroid-Haltung: Front, Profil, Ganzkörper ohne Trick
- ✓ Casting-Smalltalk: kurze, eigenständige Antworten
- ✓ Personality-Block: wie man im Showroom auffällt, ohne aufzufallen
Wer sich auf eine Model-Bewerbung vorbereitet, sollte mindestens diese sieben Bausteine beherrschen. Ein einzelner perfekter Walk reicht nicht. Eine starke Sedcard ohne Walk-Training auch nicht.
Warum Gruppen-Posing der unterschätzte Skill ist
In Kampagnen wird selten ein einzelnes Model fotografiert. Wer in der Gruppe nicht weiß, wie er Raum einnimmt, ohne die anderen zu verdecken, fliegt aus dem Set. Genau deshalb trainiert Marquardt diesen Block intensiv — und es ist der Punkt, an dem auch erfahrene Models häufig schwächeln. Eindrücke aus echten Modenschauen zeigen das immer wieder: Designer wie Dior, Prada oder Gucci verlangen Choreografie, nicht Solo-Auftritte.
Voraussetzungen: Die harten Zahlen, die niemand laut sagt
GNTM erweckt den Eindruck, alles sei möglich. International gelten klarere Regeln. Wer für High Fashion in Paris oder Mailand arbeiten will, bewegt sich in einem schmalen Korridor. Wer für Commercial, Katalog oder Herrenmode bucht, hat mehr Spielraum. Die folgende Übersicht zeigt die Größenordnungen, mit denen Bookern und Agenturen üblicherweise arbeiten.
| Bereich | Größe Frauen | Größe Männer | Konfektion | Alter (Einstieg) |
|---|---|---|---|---|
| High Fashion (Paris/Mailand) | 1,76 – 1,82 m | 1,85 – 1,92 m | 32 – 36 | 14 – 22 |
| Commercial / Werbung | 1,70 – 1,80 m | 1,80 – 1,90 m | 34 – 40 | 16 – 35 |
| Katalog | 1,70 – 1,78 m | 1,82 – 1,90 m | 34 – 38 | 18 – 40 |
| Curvy / Plus Size | ab 1,72 m | — | 42 – 50 | 18 – 35 |
| GNTM Bewerbung | ab 1,72 m (oft flexibel) | — | 32 – 38 | 16 – 28 |
Das Wichtigste an dieser Tabelle: Die Werte sind Richtwerte. Eine starke Persönlichkeit, ein außergewöhnliches Gesicht oder ein hoher Wiedererkennungswert können einzelne Punkte überstimmen. Wer aber strukturell weit außerhalb liegt, sollte sich auf passende Segmente konzentrieren — Curvy, Sport, Hands & Feet, Senior — statt sich an High Fashion zu verschleißen.
GNTM vs. echte Agentur: Welcher Weg führt wirklich auf den Laufsteg?
Hier kommt der unbequeme Teil. GNTM ist ein TV-Format, keine Agentur. Die Reichweite ist enorm, der direkte Karrierepfad in die High Fashion ist es nicht. Wer auf den Laufstegen von Mailand oder Paris, London und New York laufen will, kommt fast immer über klassische Scouting-Wege: über Mutteragentur in Deutschland, dann über Partneragenturen wie IMG, DNA oder Viva in den jeweiligen Märkten.
Drei realistische Pfade
Pfad eins — direkte Agenturbewerbung: Sedcard, Polaroids, kurzes Anschreiben. Der schnellste, sauberste Weg. Was eine starke Bewerbung ausmacht, haben wir an anderer Stelle ausführlich beschrieben. Pfad zwei — Scouting auf Events, Castings und in der Stadt. Funktioniert weiterhin, auch wenn Instagram vieles ergänzt. Pfad drei — TV-Formate wie GNTM. Möglich, aber kein Garant: Nur ein Bruchteil der Finalistinnen läuft danach für Top-Tier-Designer. Wer es ernst meint, kombiniert: TV-Reichweite plus seriöse Mutteragentur. Ohne zweites Standbein versickert die Karriere nach der Staffel.
Lesetipp dazu: Modelagentin Louisa von Minckwitz hat in einem Spiegel-TV-Beitrag klar beschrieben, wie Agenturen tatsächlich auswählen — und warum das Casting-Bild im Fernsehen wenig mit dem Alltag im Showroom zu tun hat.
Beauty, Sedcard, Mindset: Was vor dem ersten Casting steht
Bevor du überhaupt zu einem Casting gehst, müssen drei Dinge stimmen: Haut, Haare, Hände. Profis wie Hair Stylist und Make-up-Artist Maria geben dazu in unserem Beauty-Interview konkrete Tipps — ohne Filter, ohne Verkaufsabsicht. Polaroids sind ungnadenlos: keine Concealer-Tricks, kein Contouring. Wer gepflegte Haut, gesunde Haare und saubere Nägel mitbringt, hat einen Startvorteil, der nicht zu unterschätzen ist.
Inspiration und weitere Perspektiven liefern Interviews mit Models und Profis aus unserem Archiv: Topmodel Anuthida Ploypetch, Model Corinna Ingenleuf, Fotografin Vicky Baumann und der Fotograf und Model-Entdecker Oliver Rudolph. Jeder dieser Gespräche zeigt: Es gibt nicht den einen Weg — aber es gibt klare Disziplinen, die alle erfolgreichen Models teilen.
Männermodel Fabian Arnold: Was sich nach Los Angeles verändert hat
Vor dem eigentlichen Coaching haben wir bei einem kleinen Shooting der Agentur auch Fabian Arnold getroffen — Männermodel, Instagrammer und längst international gebucht. Was sich nach den Monaten in Los Angeles verändert hat? Vor allem das Tempo: andere Castings, andere Kunden, andere Jobdichte. Updates dazu gibt es regelmäßig auf dem YouTube-Kanal von CM Models.
Das Wichtigste auf einen Blick
- − 15 bis 30 Sekunden hat ein Model beim Top-Casting
- − Walk-Kadenz international: 110 bis 120 BPM
- − 80 Prozent aller Coaching-Korrekturen betreffen Hände und Schultern
- − High Fashion verlangt strenger als Commercial — kenne dein Segment
- − GNTM ersetzt keine Mutteragentur, sondern ergänzt sie bestenfalls
- − Polaroids sind ungnadenlos: Haut, Haare, Hände müssen sitzen
- − Gruppen-Posing ist der unterschätzte Skill für Kampagnen
Wer nach diesem Coaching ernsthaft weitermachen will, findet bei uns vertiefende Beiträge zu Model-Castings, Model-Jobs und der Frage, wie man international in New York, London und Paris arbeitet. Auf dem YouTube-Kanal von Model Guru Lutz Marquardt gibt es zusätzliche Tipps, und wer keine Interviews mehr verpassen will, folgt uns auf YouTube: FIV Magazine. Modeln ist Handwerk — und Handwerk lässt sich lernen.






















