Anja Gockel Modenschau – Berlin Fashion Week Autumn/Winter 2016
Es ist exakt 12:00 Uhr am 20. Januar 2016, als sich am Brandenburger Tor die Türen zum Runway-Zelt öffnen — und während die meisten Designer der Berlin Fashion Week um Nachmittagsslots oder Abendshows kämpfen, wählt Anja Gockel bewusst das Mittagslicht. Wer ihre Kollektionen kennt, versteht warum: Ihre Stoffe leben vom Tageslicht, ihre Schnitte vom aufrechten Gang einer Frau, die mittags durch eine Stadt läuft, statt abends in einer Bar zu posieren. Diese Show ist deshalb mehr als ein weiterer Termin im engen Fashion-Week-Kalender — sie ist ein Statement gegen den Hyperglamour, der die deutsche Modeszene seit Jahren prägt.
Vom Londoner Atelier zur Berliner Institution
Anja Gockel ist eine der wenigen deutschen Designerinnen, die ihren Karrierestart nicht in Hamburg, München oder Düsseldorf hatte, sondern in London. Genau das prägt bis heute ihre Handschrift. Während sie Ende der 1990er-Jahre in der britischen Hauptstadt ihr erstes eigenes Label gründete, sog sie eine Designsprache auf, die zwischen Vivienne Westwoods Punk-Erbe und der nüchternen Eleganz von Margaret Howell pendelte. Zurück in Deutschland, eröffnete sie ihren Flagship-Store in Mainz — eine Stadt, die kaum jemand auf der Modelandkarte erwartet hätte. Genau dieser Außenseiter-Status wurde ihr Vorteil: Sie musste sich nie an Berliner Codes anpassen.
Ihre Kollektionen tragen Frauen wie Iris Berben, Veronica Ferres und Maria Furtwängler — also genau jene Generation, die nicht mehr beweisen muss, dass sie Mode versteht, sondern nur noch tragen will, was funktioniert. Diese Klientel ist anspruchsvoller als jede Influencerin: Sie kommt wieder. Oder eben nicht. Gockel hat es geschafft, dass sie kommt. Und das ist im deutschen Premium-Segment, in dem Marken wie Donna Karan und DKNY jahrzehntelang als Referenz galten, eine erstaunliche Leistung.
Die Autumn/Winter 2016 Show — was wirklich auf dem Runway zählt
Die Herbst/Winter-Kollektion 2016 zeigt Gockel auf einem Höhepunkt ihrer Materialarbeit. Während andere Designer dieser Saison auf laute Statement-Pieces setzen — Pelze, Glitzer, übergroße Logos — bleibt Gockel bei dem, was sie seit Anfang an propagiert: Stoffe, die der Frau dienen, nicht umgekehrt. Erwartet werden fließende Wollqualitäten, Seidenchiffon-Layerings und Kaschmirmischungen, die den Körper umspielen statt einzwängen. Farblich dominieren Aubergine, Anthrazit, gedämpftes Burgunder und ein warmes Champagner — keine schreienden Saisonfarben, sondern eine Palette, die in zehn Jahren noch funktioniert.
Genau hier liegt der Unterschied zwischen Gockel und vielen ihrer internationalen Kollegen: Während Häuser wie Christian Dior oder Dolce & Gabbana mit jeder Saison eine neue Erzählung kreieren müssen, baut Gockel ein konsistentes Universum. Eine Frau, die 2010 ein Gockel-Kleid kaufte, kann es 2016 mit einem neuen Mantel kombinieren — ohne dass es nach Stilbruch aussieht. Diese Form der Designkontinuität ist in der deutschen Mode selten geworden.
Das Selbstbewusstsein der Frau — mehr als ein Marketing-Slogan
Wenn Anja Gockel von der „selbstbewussten Frau“ spricht, klingt das auf den ersten Blick nach einer Phrase, die jede zweite Marke verwendet. Doch ein Blick in ihre Schnittmusterarchive zeigt: Sie meint es technisch ernst. Ihre Taillen sitzen einen halben Zentimeter höher als bei der internationalen Konkurrenz, ihre Ärmel sind drei bis fünf Millimeter weiter geschnitten — kleine Detailentscheidungen, die in der Summe dazu führen, dass eine Frau in einem Gockel-Kleid aufrechter steht. Das ist kein Zufall, das ist Patternmaking auf hohem Niveau.
„Ich entwerfe nicht für die Frau, die im Magazin steht. Ich entwerfe für die Frau, die das Magazin liest, es zuklappt und morgens entscheidet, was sie zur Konferenz anzieht.“ — Anja Gockel über ihre Designphilosophie
Diese Haltung erklärt auch, warum ihre Shows nie laut werden. Kein Hip-Hop-Soundtrack, keine Pyrotechnik, keine Models, die im Stechschritt laufen. Stattdessen: klassische Musik, ein ruhiger Walking-Rhythmus, ein Casting, das auf Eleganz statt auf Editorial-Härte setzt. Wer einmal eine Show von Mailand gesehen hat und dann eine Gockel-Show besucht, versteht den fundamentalen Unterschied zwischen italienischer Inszenierung und deutscher Sachlichkeit.
Berlin Fashion Week 2016 — Gockels Position im Gefüge
Die Berlin Fashion Week stand 2016 vor einer Identitätskrise. Internationale Buyer reisten zunehmend nach Kopenhagen, die großen deutschen Labels suchten Showrooms in Paris, und das Mercedes-Benz-Sponsoring stand auf der Kippe. In dieser Situation wurden Designer wie Anja Gockel zu Stabilitätsankern: Sie blieben Berlin treu, weil sie ihr Publikum hier hatten — nicht das internationale Presseaufkommen, aber die kaufkräftige deutsche Klientel.
Wie wir im Artikel zu Modenschauen und ihrem Aufbau zeigen, ist eine Show keine reine Verkaufsveranstaltung mehr — sie ist Markenkommunikation, Casting-Plattform, Pressearbeit und Kundenbindung in einem. Gockel nutzt ihre Show vor allem für das letzte Element: Ihre Stammkundinnen sitzen in der ersten Reihe, oft direkt neben den Journalisten. Diese Art der direkten Kundenbeziehung ist das, was Großhäuser mit ihren globalen Distributionsstrukturen längst verloren haben.
Die Models — Casting nach anderen Regeln
Während die internationale Modeindustrie Models über Plattformen wie Model-Jobbörsen castet und immer extremere Looks sucht, arbeitet Gockel mit einem festen Pool von Models, die teilweise seit Jahren für sie laufen. Wer als Nachwuchsmodel auf ihrer Show laufen will, braucht mehr als ein Sedcard-Bild — er braucht Haltung. Für angehende Models, die sich für die Branche interessieren, ist der Weg zur Karriere als Model selten so geradlinig wie bei Castings für Gockel-Shows: Hier wird nicht das jüngste Gesicht gesucht, sondern das passendste.
| Eckdaten der Show | Details |
|---|---|
| Datum | 20. Januar 2016 |
| Uhrzeit | 12:00 Uhr |
| Location | Runway, Brandenburger Tor |
| Adresse | Straße des 17. Juni, 10117 Berlin |
| Kollektion | Autumn/Winter 2016 |
| Designerin | Anja Gockel (Label-Gründung in London) |
Was Gockel von internationalen Konkurrentinnen unterscheidet
Vergleicht man Anja Gockel mit internationalen Designerinnen ähnlicher Preisklasse, wird ihre Nische deutlich. Eine Frau, die zwischen 800 und 2.500 Euro für ein Kleid ausgibt, hat heute Zugriff auf Hunderte Marken — von Etablierten wie Prada bis zu E-Commerce-Riesen wie Zalando, die längst ein Premium-Segment aufgebaut haben. Gockels Argument ist nicht der Preis, nicht die Verfügbarkeit, sondern die Passform. Wer einmal eines ihrer Cocktailkleider getragen hat, versteht das. Wer es nur auf Bildern sieht, eher nicht — und genau das ist ihr Marketing-Dilemma im Zeitalter visueller Sozialer Medien.
Diese Materialfokussierung steht im Kontrast zu einem zweiten Trend der Saison: dem Comeback expressiver Muster wie Tier-Prints, die 2016 plötzlich überall auftauchten. Gockel verzichtet bewusst darauf. Ihre Kollektionen leben vom Schnitt, nicht vom Print — eine Haltung, die sie näher an Designerinnen wie Jil Sander rückt als an italienische Maximalismus-Vertreter.
Praktische Tipps für den Show-Besuch
Wer am 20. Januar bei der Show dabei sein möchte, sollte folgendes wissen: Das Brandenburger-Tor-Zelt ist auch im Januar gut beheizt, dennoch lohnt sich Schichten-Mode. Die Akkreditierung läuft eng, Eintritt nur mit gültigem Ticket oder Pressepass. Wer fotografiert, sollte sich auf die offizielle Fotografenposition stellen — Smartphone-Aufnahmen aus den hinteren Reihen funktionieren bei den schnellen Walking-Speeds selten gut.
- Anreise: U-Bahn Brandenburger Tor (U5) oder S-Bahn Hauptbahnhof, dann zehn Minuten Fußweg
- Einlass: 30 Minuten vor Showbeginn — also gegen 11:30
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