Cannabis gegen Übelkeit: Chemo, Antiemetikum & Studien
- Dronabinol seit 1985 FDA-zugelassen für Chemotherapie-Übelkeit – eine der ältesten Cannabis-Indikationen
- CB1 in der Area postrema (Brechzentrum) hemmt direkt die serotonerge Übelkeits-Signalkaskade
- THC + Ondansetron (5-HT3-Antagonist) = signifikant besser als Ondansetron allein (Meiri 2007)
Cannabis als Antiemetikum: Ein etablierter Einsatzbereich
Übelkeit und Erbrechen bei Chemotherapie (Chemotherapy-Induced Nausea and Vomiting, CINV) sind für viele Krebspatienten die belastendsten Nebenwirkungen. Cannabis ist in diesem Bereich am besten medizinisch belegt und historisch das erste klinisch eingesetzte Cannabinoid: Dronabinol (synthetisches THC) erhielt 1985 in den USA FDA-Zulassung für CINV.
Neurobiologische Mechanismen
Das Brechzentrum (Area postrema) und der Nucleus tractus solitarius im Hirnstamm exprimieren CB1-Rezeptoren. THC aktiviert diese Rezeptoren und hemmt damit die serotonerge und dopaminerge Übelkeits-Signalkaskade:
THC-Mechanismus:
– CB1-Aktivierung in der Area postrema → hemmt Substanz P und 5-HT3-Freisetzung → Brechreiz-Dämpfung
– Dopaminerges System (D2-Rezeptoren): THC hemmt Dopaminausschüttung → antiemetisch (ähnlich wie klassische Antiemetika wie Metoclopramid)
– Appetitförderung via Hypothalamus (CB1) → Gegengewicht zur Chemotherapie-induzierten Anorexie
CBD-Mechanismus:
– 5-HT1A-Agonismus: reduziert Übelkeit über Serotonin-Modulation (ähnlich wie Ondansetron)
– FAAH-Hemmung: erhöht Anandamid → zusätzliche antiemetische Komponente
– Anxiolyse: Antizipatorische Übelkeit (Pavlov-konditionierte Übelkeit vor Chemo) durch CBD-Angstdämpfung reduzierbar
Studienlage: Cannabis gegen CINV
| Studie | Design | Ergebnis |
|---|---|---|
| Meiri et al. 2007 (Oncology) | RCT, n=64 Chemo-Patienten, THC:CBD-Kapsel vs. Placebo vs. Prochlorperazin | THC:CBD effektiver als Prochlorperazin bei CINV; 73 % Responder in Cannabinoid-Gruppe |
| Nabilon-Meta-Analyse, Machado Rocha 2008 (Eur J Cancer Care) | 30 RCTs, n=1.366, Cannabinoide vs. klassische Antiemetika | Cannabinoide effektiver als Prochlorperazin, Metoclopramid, Haloperidol; schlechter als Ondansetron bei akuter Übelkeit |
| Strasser et al. 2006 (Lancet Oncol) | RCT, n=243 Krebspatienten, Cannabis-Extrakt vs. THC vs. Placebo | Kein Unterschied zu Placebo bei Appetit; aber Übelkeits-Responder-Rate tendenziell besser in Cannabinoid-Gruppen |
| Duran et al. 2010 (J Pain Symptom Manage) | RCT, n=16, Sativex (THC:CBD 1:1) bei CINV-refraktärem Erbrechen | Signifikante Reduktion von Erbrechen und Übelkeit; gut verträglich |
Zugelassene Präparate
Dronabinol (Marinol, Syndros): Synthetisches THC. In Deutschland als Dronabinol-Kapseln oder -Tropfen auf BtM-Rezept verfügbar. Indikation: CINV und HIV-Anorexie. Vorteil: Standardisierte Dosierung. Nachteil: Kein Entourage-Effekt (kein CBD, keine Terpene).
Nabilon (Cesamet): Synthetisches THC-Analogon. Stärker als Dronabinol. Ebenfalls BtM-Rezept. In UK und Kanada häufig eingesetzt, in Deutschland selten verfügbar.
Sativex (Nabiximols): THC:CBD 1:1 Oromukosalspray. In Deutschland als Kombipräparat für MS-Spastik zugelassen; CINV off-label.
Blüten/Öle auf Cannabis-Rezept: Vollspektrum-Produkte mit THC und CBD. Flexible Dosierung, Entourage-Effekt möglich. GKV-Erstattung bei CINV-Indikation möglich.
Cannabis bei antizipatorischer Übelkeit
Bis zu 25 % der Chemopatienten entwickeln antizipatorische Übelkeit – Übelkeit bereits vor der Chemo durch Konditionierung (Anblick der Klinik, Gerüche). Ondansetron und klassische Antiemetika versagen hier oft. CBD mit seiner Anxiolyse kann die antizipatorische Übelkeit dämpfen, da Angst der Hauptauslöser ist.
FAQ: Cannabis gegen Übelkeit
Zusammenfassung
Cannabis bei Chemotherapie-Übelkeit ist der am besten belegte medizinische Cannabinoid-Einsatz. Dronabinol ist seit 1985 zugelassen; Meta-Analysen zeigen Überlegenheit gegenüber älteren Antiemetika. THC wirkt über CB1 im Brechzentrum, CBD über 5-HT1A und Anxiolyse bei antizipatorischer Übelkeit. Bei refraktärer CINV ist Cannabis häufig die letzte wirksame Option. Cannabis auf Rezept beantragen erklärt den GKV-Erstattungsweg; für Krebspatienten auch relevant: Cannabis bei Tumorschmerz.








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