FIV Issue #27 mit Riccardo Simonetti: Glow Up! + Berlin Fashion Week Looks
50.000 Euro Preisgeld klingen nach einer großen Zahl – sind aber nicht der Grund, warum sich ernsthafte Make-up-Artists für „Glow Up – Deutschlands nächster Make-up-Star“ bewerben sollten. Der eigentliche Wert sitzt auf der Jury-Bank: Loni Baur ist eine von weltweit unter 50 MAC Senior Artists, Armin Morbach gestaltet seit Jahrzehnten Vogue-Cover, und Host Riccardo Simonetti wurde als jüngster Deutscher LGBTI-Sonderbotschafter im EU-Parlament. In FIV Issue #27 sprechen wir mit Simonetti über das Format, ordnen die Jury industriell ein und nehmen euch backstage zur Berlin Fashion Week mit. Eine Doppelausgabe für alle, die Beauty-Karrieren ernst meinen – und Catwalk-Trends jenseits der Trendliste lesen wollen.

Glow Up Deutschland: Warum das Format der Anti-GNTM-Wettbewerb ist
Wer „Glow Up“ mit deutschen Casting-Drama-Formaten in einen Topf wirft, hat das BBC-Original nie gesehen. „Glow Up: Britain’s Next Make-Up Star“ startete als reines BBC-Three-Online-Format mit anfänglich unter 500.000 Views pro Episode, bevor es nach einem Netflix-Lizenzdeal ins lineare Fernsehen wanderte – ein Karrierepfad, den ZDFneo mit Mediathek-First exakt kopiert. Die UK-Jury besteht aus Val Garland (Global Make-up Director bei L’Oréal Paris) und Dominic Skinner (MAC Senior Artist) – zwei Namen, die in der internationalen Beauty-Branche mehr Gewicht haben als jede Cover-Liste eines Mainstream-Magazins.
Der entscheidende Unterschied zu Formaten wie GNTM und vergleichbaren Casting-Shows: Bei Glow Up gewinnt nicht, wer am stärksten weint, sondern wer Special-Effects-Wunden bauen, Editorial-Looks zeichnen und Bridal-Make-up unter Zeitdruck umsetzen kann. Ophelia Liu, Gewinnerin der ersten UK-Staffel, arbeitete sich nach dem Sieg über Junior-Assists bis ins Umfeld von Pat McGrath Labs hoch – ein Beauty-Imperium, das auf einem Höhepunkt mit rund einer Milliarde US-Dollar bewertet wurde. Realistischer Karrierepfad: 18 bis 24 Monate harte Industrie-Arbeit, kein Über-Nacht-Erfolg.
Make-up ist nicht Maske. Make-up ist Erzählung. – Riccardo Simonetti im FIV-Interview, und es ist der Satz, der Glow Up von jedem anderen Format trennt.
Die deutsche Version übersetzt das Original nicht eins zu eins. Statt zwei festen Industrie-Profis sitzt mit Simonetti ein dritter Stuhl auf der Jury – ein Move, der die Achse „Persönlichkeit“ stärker gewichtet, als es die BBC tut. Ob das die richtige Entscheidung ist, wird sich erst über mehrere Staffeln zeigen. Das UK-Original brauchte drei Staffeln, bis es international ernst genommen wurde.
Die Jury im Reality-Check: Härter als jede TV-Promi-Runde
Die beiden Jurynamen sagen Branchenkennern sofort etwas, dem Mainstream fast nichts – und genau das ist die Stärke der Besetzung. Wer im deutschen Beauty-Markt verstehen will, was eine Senior-Position bedeutet, sollte sich neben den klassischen Pinselherstellern auch ZOEVA anschauen, eine deutsche Marke, die längst in den USA Senior-MUAs bedient.
Armin Morbach: Tush, Vogue und drei Berufe in einer Person
Armin Morbach ist Gründer von Tush, einem unabhängigen Mode- und Beauty-Magazin, das nur zweimal jährlich erscheint, unter 20.000er-Auflage bleibt und am Kiosk rund 18 Euro pro Heft kostet. Einfluss kommt hier nicht durch Reichweite, sondern durch Distribution: Tush liegt laut Branchenangaben in über 80 Prozent der relevanten Pariser Pressrooms aus – darunter Chanel, Saint Laurent und Dior. Wer einmal dort drin ist, bewegt Editor:innen und Stylist:innen direkt. Morbach hat mit Claudia Schiffer, Heidi Klum und Naomi Campbell gearbeitet, Cover für Vogue Deutschland gestaltet und ist Hairstylist, Make-up Artist und Fotograf in Personalunion – eine Kombination, die in Europa vielleicht zehn Personen vorweisen können.
Loni Baur: Eine Position, die nicht beworben werden kann
Loni Baur ist Senior Artist bei MAC Cosmetics – eine globale Position, die weltweit unter 50 Personen halten. Das MAC Senior Artist-Programm wurde 1998 von Gordon Espinet aufgebaut und hat heute geschätzt rund 40 aktive Träger:innen. Eingeladen wird man dazu nicht durch Bewerbung, sondern durch Backstage-Performance bei Tier-1-Fashion-Weeks über sieben Jahre und mehr. Intern ist die Rolle mit einer unbezahlten Mentoring-Verpflichtung von rund 20 Tagen pro Jahr verbunden – das erklärt, warum Senior Artists überhaupt Jury-Slots annehmen: Es ist Teil des Jobs, nicht Nebenverdienst. Baur stand hinter den Looks zahlreicher Schauen, unter anderem für Karl Lagerfeld zu dessen Lebzeiten. Wer eine Marke wie Dior oder Gucci backstage verstehen will, lernt von Profis wie ihr.
| Jury-Mitglied | Hintergrund | Bewertet primär |
|---|---|---|
| Armin Morbach | Tush-Magazine, Editorial-Fotografie, Vogue-Cover | Konzept, Bildsprache, Storytelling |
| Loni Baur | MAC Senior Artist, Runway, Lagerfeld-Schauen | Technik, Präzision, Hauttöne, Produktwissen |
| Riccardo Simonetti | Host, EU-LGBTI-Botschafter, Autor | Persönlichkeit, Haltung, Diversität |
| UK-Vergleich: Val Garland | L’Oréal Paris Global Make-up Director | Industrie-Tauglichkeit international |
| UK-Vergleich: Dominic Skinner | MAC Senior Artist UK | Handwerk, Pinselführung, Technik |
Diese Konstellation ist klüger, als sie wirkt: Morbach prüft, ob ein Look eine Geschichte erzählt. Baur prüft, ob die Hand sitzt. Simonetti fragt, ob der Mensch hinter dem Pinsel überzeugt. Drei Achsen, drei verschiedene Karrieren, ein Urteil. Wer parallel die internationale Beauty-Schiene verstehen will, sollte sich auch Dior Beauty ansehen – ein Haus, das die Codes definiert, an denen jede Adaption gemessen wird.
Was Bewerber:innen wirklich ins Portfolio gehört
Wer auf eine kommende Staffel hofft, sollte verstehen, was die Jury bewertet. Das BBC-Original zeigt seit Jahren das gleiche Muster: Technik schlägt Trend, Konzept schlägt Hübsch, Persönlichkeit schlägt Perfektion. Die typischen Challenges – „Face-Off“ gegen einen anderen Artist, der „Professionals‘ Choice“ mit Industrie-Brief, der „Assistant“-Test im Schatten eines Pro-MUAs – fragen genau das ab. Wer ein Portfolio aufbaut, braucht weniger Instagram-Reichweite und mehr unterschiedliche Disziplinen: Bridal, Drag, Body-Painting, Editorial, SFX. Wer den Beauty-Bereich strukturell angeht, sollte auch unsere Tipps zu Modeln und Casting kennen, denn die Bewerbungslogik ist verwandt: Casting-Mechanik, Bewerbungsstruktur und das Verständnis von Modeljobs hinter der Kamera funktionieren nach denselben Regeln.
Auf einen Blick – was im Portfolio nicht fehlen darf:
- ✓ Editorial-Look mit klarem Konzept (nicht nur „schön“)
- ✓ Bridal-Arbeit unter Zeitdruck dokumentiert
- ✓ Mindestens ein SFX-Beispiel (Wunden, Aging, Fantasy)
- ✓ Drag- oder Bühnen-Make-up als Stilbeweis
- ✓ Verschiedene Hauttöne – Pflicht, nicht Bonus
- ✓ Eine Persönlichkeit, die in 30 Sekunden Camera-Test sitzt
- ✓ Video-Reel von höchstens 60 Sekunden – die Produktion sieht hunderte Bewerbungen
Die Geld-Realität hinter den 50.000 Euro
Die 50.000 Euro Preisgeld klingen nach viel, sind aber nur die halbe Wahrheit. Brutto bleibt nach Abgaben deutlich weniger übrig – und in der ersten UK-Staffel war für die Gewinner:innen nicht das Geld karriereentscheidend, sondern der Anruf eines globalen Beauty-Teams in der Woche nach dem Finale. Spannend: UK-Daten zeigen, dass Plätze zwei bis vier oft die nachhaltigeren Karrieren entwickeln, weil sie ohne Sender-Exklusivverträge und Buy-out-Klauseln direkt frei verhandeln können. Der eigentliche Wert liegt also weniger im Pokal als in der Sichtbarkeit gegenüber den Pro-Teams von MAC, NARS und L’Oréal. Wer im Anschluss an eine Show-Teilnahme international weiterarbeiten will, sollte parallel den Schritt nach New York, London oder Paris mitdenken – die Editorial-Schiene funktioniert nirgendwo nur national. Auch ein Standortwechsel Richtung New York ist nicht romantisch, sondern strukturell logisch: Dort sitzen die Casting-Direktoren, die Beauty-Karrieren skalieren, und dort liegt auch das relevante Luxus-Shopping-Umfeld, das Editorial-Briefings bestimmt.
Berlin Fashion Week: Konzept statt Glamour – und warum das gut ist
Der zweite große Block in FIV Issue #27 sind die Berlin Fashion Week Looks. Ehrlich: Die deutsche Hauptstadt hat es schwer, sich gegen Mailand und Paris zu behaupten. Während Mailand Glamour und Paris Couture liefert, ist Berlins Stärke das Konzeptuelle, das Politische, das Tragbare. Seit der Übergabe der Fashion Week von Mercedes-Benz an Reference Studios hat sich der Schwerpunkt deutlich verschoben: Die Anzahl der offiziellen Schauen wurde von rund 40 auf unter 20 reduziert, dafür wurde stärker kuratiert. Konzept-Brands, Sustainability-orientierte Labels und Designer:innen, die Mode als kulturelle Aussage verstehen, dominieren. Wer den Berliner Catwalk verstehen will, sollte das nicht als Mangel an Glamour lesen, sondern als bewusste Positionierung – vergleichbar mit dem Weg, den Antwerpen oder Kopenhagen gegangen sind.
Wer Termine plant, findet bei uns auch eine Übersicht der Fashion-Week-Daten für London, New York, Berlin, Mailand und Paris – das hilft, die Saison strukturell einzuordnen, statt nur Bilder zu konsumieren. Wer sich generell für die Stadt als Modemetropole interessiert, findet bei uns einen ausführlichen Hintergrund zur Mode-Stadt Berlin.
Die Designer, die man kennen sollte
Wir waren backstage und vor den Shows. Wer den Berliner Catwalk ernsthaft verfolgt, sollte sich diese Namen merken: Marcel Ostertag für poetische Silhouetten, Marcell von Berlin für Glamour mit Hauptstadt-Härte, der besonders im ausführlichen Designer-Interview seine Linie erklärt, dazu holyGhost für die Streetwear-Liga und ihre jüngere Modenschau, sowie Anne Gorke für minimalistische Schnitte. Wer Sustainability sucht, schaut beim Green Showroom. Klassiker wie die Ewa Herzog Modenschau, I’VR Isabel Vollrath und Ioana Ciolacu zeigen, dass Berlin auch leise kann. Eine kuratierte Übersicht aller Shows einer Saison findet ihr in unserem












