Holy Ghost Modenschau – Berlin Fashion Week 2018
Während andere Berliner Labels 2018 mit Logos schrien und Streetwear-Codes kopierten, schickten Annelie Schubert und Helen Bielfeldt am 21. Januar um 16:00 Uhr eine Kollektion auf den STAGE-Laufsteg, die fast schon trotzig leise war: Holy Ghost zeigte im me Collectors Room in der Auguststraße 68 fließende Silhouetten, gedeckte Töne und genau jene Art von zurückhaltender Eleganz, die in der hauptstädtischen Modeszene damals selten geworden war. Wer das ganze Gespräch mit den beiden Designerinnen lesen will, findet unser ausführliches Interview mit Holy Ghost — und wer Berliner Schauen im Kontext der Saison einordnen möchte, sollte vorher einen Blick auf andere Modenschauen der Berlin Fashion Week werfen.
Warum Holy Ghost 2018 anders war als der Rest der Berlin Fashion Week
Die Berlin Fashion Week hatte 2018 ein Identitätsproblem. Zwischen kommerziellem Hallenkalender und politisch aufgeladenen Off-Schauen suchten viele Labels ihren Platz — und scheiterten oft an der eigenen Beliebigkeit. Holy Ghost hingegen hatte längst eine klare Handschrift entwickelt: weiche Stoffe, kompromisslose Schnitte, eine Farbpalette zwischen Champagner, Rauchgrau und schwarz. Annelie Schubert, eine der beiden Gründerinnen, hatte zuvor 2014 den renommierten Designer for Tomorrow Award von Marc Jacobs persönlich überreicht bekommen — eine Auszeichnung, die in Deutschland kaum ein junges Label vorweisen kann.
Die Schau am STAGE-Standort war bewusst klein gehalten. Während Brands wie Marc Cain in der Kraftwerk-Halle für 1.000 Gäste produzierten, setzten Schubert und Bielfeldt auf Intimität: rund 200 Sitzplätze, gedämpftes Licht, keine Stargäste in der Front Row, dafür Branchenredakteurinnen, Stylistinnen und Einkäufer aus Tokio und Paris. Das ist der Unterschied zwischen einer Schau für Instagram und einer Schau für Buyer — und Holy Ghost hat sich für Letzteres entschieden.
Die Kollektion Autumn/Winter: Materialität als Statement
Was bei Holy Ghost auf dem Laufsteg passierte, war weniger Mode-Spektakel als textile Auseinandersetzung. Crêpe de Chine in Übergröße, Wollmischungen mit asymmetrischen Säumen, Mantelkleider die an die Architektur der frühen Donna Karan-Jahre erinnerten — nur entschlackt, jünger, berlinerischer. Die Designerinnen arbeiteten mit Lagen statt mit Volumen, mit Transparenz statt mit Cut-outs.
Auffällig: kaum Prints. Während andere Labels in der Saison auf Tiermuster wie Leopard und Zebra setzten, blieb Holy Ghost konsequent unifarben. Die einzige Ausnahme — ein subtiles Streifenmuster auf einer Seidenbluse — wirkte deshalb wie ein bewusst gesetzter Akzent, nicht wie eine Trend-Kapitulation. Das ist Mode mit Haltung. Das ist auch das, was Buyer aus Skandinavien und Asien an dem Label schätzen.
Die Inspiration: zwischen Religion und Reduktion
Der Name „Holy Ghost“ ist kein Marketing-Trick. Schubert hat in Interviews mehrfach erklärt, dass sie sich für die Codes religiöser Gewänder interessiert — die Strenge, die Geheimnishaftigkeit, die fast skulpturale Qualität von Priesterroben und Nonnenkleidern. Auf dem Laufsteg übersetzt sich das in hochgeschlossene Ausschnitte, weite Ärmel und einen Hauch Mystik, der dem Label seinen Wiedererkennungswert gibt.
„Wir wollen Frauen anziehen, die nicht jeden Morgen vor dem Spiegel stehen und überlegen müssen, ob ein Look funktioniert. Unsere Stücke sollen einfach funktionieren — beim Meeting, beim Abendessen, beim Reisen. Eleganz darf nicht anstrengend sein.“
Holy Ghost im Kontext: Berliner Mode zwischen Avantgarde und Tragbarkeit
Berlin hat seit den frühen 2000ern den Ruf, entweder zu konzeptuell oder zu kommerziell zu sein. Holy Ghost gelingt der Spagat — und das ist seltener als man denkt. Wie wir im Artikel zur Fashion Week in Mailand zeigen, definieren italienische Häuser Tragbarkeit über Luxus-Materialien und Handwerk; Berliner Labels wie Holy Ghost gehen einen anderen Weg: sie definieren Tragbarkeit über Schnitt und Stofffall.
Im Vergleich zu großen internationalen Häusern — etwa Christian Dior mit seiner New-Look-Tradition oder Prada mit seiner intellektuellen Strenge — operiert Holy Ghost in einem viel kleineren Rahmen. Aber die DNA ist verwandt: Reduktion, Materialqualität, der Glaube daran, dass eine gut geschnittene Schulter mehr aussagt als ein Logo.
Schau-Daten im Überblick
| Detail | Information |
|---|---|
| Datum | 21. Januar 2018, 16:00 Uhr |
| Location | STAGE — me Collectors Room |
| Adresse | Auguststraße 68, 10117 Berlin |
| Saison | Autumn/Winter 2018 |
| Designerinnen | Annelie Schubert & Helen Bielfeldt |
| Stilrichtung | Minimalistische Eleganz, Casual Luxury |
| Website | holyghost-fashion.com |
Was Nachwuchsdesigner von Holy Ghost lernen können
Holy Ghost ist ein Lehrstück darin, wie man als unabhängiges Label überlebt — ohne Investorenblase, ohne Logo-Hype, ohne Influencer-Strategie. Drei Punkte sind besonders bemerkenswert:
- Konsistenz vor Konjunktur: Die Designerinnen springen nicht auf jeden Trend auf. Wer 2016 eine Holy-Ghost-Bluse gekauft hat, kann sie 2024 immer noch tragen.
- Internationale Buyer statt lokale Hype-Liste: Die wichtigsten Verkaufspunkte liegen in Tokio, Seoul und Paris — nicht in Berlin-Mitte.
- Klare Preispolitik: Die Stücke kosten zwischen 200 und 800 Euro — bewusst unterhalb des klassischen Designer-Segments, deutlich oberhalb von Fast Fashion.
- Schauen als Statement, nicht als Show: 200 Plätze, klare Inszenierung, keine PR-Tricks.
Wer als angehende Modedesignerin oder als angehendes Model verstehen will, wie man in der Branche Fuß fasst, findet bei Holy Ghost ein realistischeres Vorbild als bei vielen Mega-Brands. Auch für Models, die sich gerade auf erste Castings oder Bewerbungen vorbereiten, ist die Schau-Ästhetik von Holy Ghost lehrreich: das Label castet Frauen, die natürlich wirken, statt überstilisiert zu sein. Das ist auch international gefragt — wie unser Guide zum internationalen Modeln zeigt.
Die Kollektion 2018 in der Retrospektive
Drei Jahre nach der Schau lässt sich nüchtern sagen: Holy Ghost lag mit seiner Autumn/Winter-Kollektion 2018 vor der Zeit. Die „Quiet Luxury“-Welle, die ab 2022 Mode-Magazine und TikTok dominierte, hatte Holy Ghost stilistisch bereits 2016 vorweggenommen. Beige Mantelkleider, fließende Hosenanzüge, weiche Strickware — all das, was später durch Phoebe Philos Comeback und The Row gefeiert wurde, hatten die beiden Berlinerinnen längst auf dem Laufsteg.
Das ist die unsichtbare Auszeichnung kleiner, präziser Labels: Sie definieren Trends, ohne dafür den medialen Lautstärke-Bonus zu kassieren. Wer 2018 bei der Holy-Ghost-Schau im me Collectors Room saß, sah eine Kollektion, die heute in jedem Premium-Jeans-und-Basics-Closet selbstverständlich wäre.
Zum Weiterlesen auf fivmagazine.de
Wer sich für unabhängige Designerinnen, Berliner Modeszene und internationale Vergleichswelten interessiert, findet bei uns eine ganze Reihe an vertiefenden Texten. Eine gute Einstiegslektüre ist unsere Modemarken-Übersicht von A bis Z, in der auch kleinere Labels neben Konzernen wie LVMH oder Kering eingeordnet werden. Wer es klassisch mag, sollte einen Blick auf die berühmtesten Mode-Zitate von Lagerfeld, Chanel und Co. werfen — viele davon erklären besser als jede Theorie, warum reduzierte Mode wie die von Holy Gh












