Anne Gorke Modenschau – Berlin Fashion Week Autumn/Winter 2016

Während andere Designer im Januar 2016 mit lauten Prints und Logo-Mania um Aufmerksamkeit kämpften, schickte Anne Gorke am 22. Januar um 12:00 Uhr eine Kollektion über den Runway am Brandenburger Tor, die das genaue Gegenteil verkörperte: leise, langsam, ehrlich. Wer an diesem Vormittag im Zelt saß, sah keine Show fürs Influencer-Publikum, sondern eine fast meditative Studie über Materialität, Schnitt und nachhaltige Produktion. Die ausführlichen Hintergründe gibt es in unserem Interview mit Mode-Designerin Anne Gorke — wer das Label verstehen will, sollte beide Texte zusammen lesen.

Die Show am Brandenburger Tor: Warum diese 12 Minuten anders waren

Berliner Fashion Week, Mittagsslot, Runway-Zelt am Brandenburger Tor — eigentlich ein klassischer Setzkasten. Doch Anne Gorke nutzte die Bühne nicht, um sich anzubiedern. Während Kommerz-Labels in der Hauptstadt regelmäßig zwischen Streetwear-Hype und Couture-Anleihen schwanken, hielt das Weimarer Label seine Linie: skulpturale Schnitte, gedeckte Farben, ein Tempo, das den Stoffen Raum lässt. Models gingen langsamer als gewohnt, fast bewusst gegen den Tiktok-Beat, den die Branche damals gerade einübte. Genau dieser Mut zur Reduktion macht den Auftritt im Rückblick relevant — viele lautere Kollektionen jener Saison sind längst vergessen, Gorkes Schnittsprache wirkt nach.

Wer Modenschauen als Format einordnen möchte, findet eine spannende Gegenüberstellung in unserem Beitrag zur Modenschau von Marcel Ostertag, der in derselben Saison ebenfalls auf der BFW lief — zwei Handschriften, zwei Welten.

Material, Nachhaltigkeit und das, was „öko“ damals wirklich bedeutete

2016 war „Sustainable Fashion“ ein Buzzword, das gerade erst aus der Nische ins Establishment rutschte. Stella McCartney war seit Jahren Vorreiterin, H&M brachte gerade die „Conscious Exclusive“-Kollektion in Schwung, doch unabhängige Designer wie Anne Gorke arbeiteten schon lange vorher mit zertifizierten Stoffen, ohne daraus Marketing-Kapital zu schlagen. Die Autumn/Winter-Kollektion 2016 setzte auf hochwertige Wollqualitäten, fließende Viskose-Mischungen und Farbtöne, die direkt aus einem winterlichen Thüringer Wald kommen könnten: Moosgrün, Steingrau, Aschebraun, gebrochenes Weiß.

Was Gorke damals von vielen Mitbewerbern unterschied: Sie verzichtete auf demonstrative „Eco“-Insignien. Keine sichtbaren Hanf-Etiketten, keine plakativen Slogans. Nachhaltigkeit war Produktentscheidung, nicht Print. Diese Haltung steht im starken Kontrast zur Logo-Hysterie, die parallel bei Häusern wie Gucci oder Prada wieder aufkam — beides legitime, aber komplett gegensätzliche Antworten auf die Frage, was Mode 2016 sein wollte.

Schnittsprache: Skulptur trifft Tragbarkeit

Das vielleicht unterschätzteste Element der Kollektion war die Schnittführung. Anne Gorke arbeitet mit einem Verständnis für Volumen, das eher an japanische Designer-Tradition (Yamamoto, Kawakubo) erinnert als an westliche Tailoring-Schulen. Mäntel mit überzeichneten Schultern, Kleider mit asymmetrischen Säumen, Hosen, die im Bund tief sitzen und am Knöchel präzise enden — das sind Stücke, die im Kleiderschrank Jahre überleben, weil sie nicht an Trends gekoppelt sind.

Element Anne Gorke AW16 Mainstream BFW AW16
Farbpalette Erdtöne, gebrochene Naturfarben Schwarz, Burgund, Camel
Silhouette oversized, skulptural tailliert, body-conscious
Materialfokus zertifizierte Wolle, Viskose Synthetics, Leder
Show-Tempo bewusst langsam schnell, beat-getrieben
Branding kein sichtbares Logo Logo-zentriert

„Ich entwerfe keine Kleider, die laut sein müssen. Ich entwerfe Kleider, die einer Frau Raum geben, selbst laut zu sein.“ — sinngemäß ein Gedanke, der sich durch Gorkes Arbeit zieht und der sie von vielen Berliner Kolleginnen jener Zeit unterscheidet.

Berlin als Modestandort 2016 — und wo Anne Gorke darin steht

Die Berliner Fashion Week kämpfte 2016 mit einem Glaubwürdigkeitsproblem: zu wenig internationale Käufer, zu viel Subventionsabhängigkeit, zu wenig Häuser mit globaler Strahlkraft. Während Mailand mit Gucci unter Alessandro Michele gerade einen Hype-Sturm auslöste und Paris die Couture-Hoheit verteidigte, suchte Berlin seine Identität zwischen Streetwear, Avantgarde und kommerziellem Mittelfeld.

Genau in dieser Lücke positionierte sich Anne Gorke: nicht avantgardistisch genug für Reine Kunst, aber zu eigenständig für die Mall. Ein Label für Käuferinnen, die zwischen Massenprodukt und Investmentstück eine dritte Kategorie suchen. Wie wir im Artikel zur Modemarken-Übersicht A-Z zeigen, ist genau dieses Mittelfeld der härteste Markt — und gleichzeitig der, in dem die spannendsten Handschriften entstehen.

Was Käuferinnen aus dieser Kollektion mitnehmen können

Auch wenn Autumn/Winter 2016 mittlerweile Vintage-Status hat: Die Designprinzipien sind aktueller denn je. Wer die Garderobe bewusst aufbauen möchte, findet bei Anne Gorke eine Art Lehrbuch:

  • Volumen statt Verzierung: Ein Mantel mit überzeichneter Schulter ersetzt drei trendige Stücke.
  • Naturtöne als Basis: Moos, Stein, Asche kombinieren sich besser als jedes Saisonrot.
  • Fokus auf Stoffqualität: Zertifizierte Wolle altert würdevoll, Polyester nicht.
  • Asymmetrie als Detail: Ein schräger Saum macht ein simples Kleid sofort signaturhaft.
  • Reduktion als Statement: Kein Logo ist das stärkste Logo.

Diese Prinzipien lassen sich übrigens hervorragend mit Klassikern aus anderen Häusern kombinieren — eine Anne-Gorke-Wollhose passt zu einer Bluse von Dior ebenso wie zu einer schlichten Kaschmirstrick-Variante aus dem Sortiment von Donna Karan. Wer sich für die strukturierte Eleganz im Schuhbereich interessiert, kommt an den ikonischen Louboutin High Heels mit roter Sohle ohnehin nicht vorbei — der Kontrast zwischen Gorkes erdiger Reduktion und einer roten Sohle ist genau der Spannungsbogen, der Outfits interessant macht.

Die Show im Bewegtbild: Zwei Videos, zwei Saisons

Der Youtube-Mitschnitt der Show 2016 zeigt, was ein gedrucktes Lookbook nicht transportieren kann: das Tempo, den Sound-Mix, die Art, wie Models über den Runway laufen. Wer beide Videos vergleicht — die Mercedes-Benz Fashion Week 2015 und die offizielle Schau 2016 — sieht, wie konsequent Gorke ihre Linie weiterentwickelt, ohne sich neu zu erfinden. Das ist in einer Branche, die Reinvention zum Pflichtprogramm erklärt hat, fast schon ein politisches Statement.

Fashion Week Berlin 2016 – ANNE GORKE

2015 Mercedes Benz Fashion Week Berlin

Eckdaten der Show im Überblick

  • Datum: 22. Januar 2016, 12:00 Uhr
  • Location: RUNWAY — Brandenburger Tor, Straße des 17. Juni, 10117 Berlin
  • Saison: Autumn/Winter 2016
  • Designerin: Anne Gorke, ansässig in Weimar
  • Kollektionsfokus: nachhaltige Materialien, skulpturale Schnitte, gedeckte Farbpalette

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