Lena Hoschek Modenschau – Berlin Fashion Week Autumn / Winter 2016

Als Lena Hoschek am 19. Januar 2016 um Punkt 12:00 Uhr ihre Models über den Laufsteg im Zelt am Brandenburger Tor schickte, war es kein Zufall, dass sie die Mercedes-Benz Fashion Week Berlin eröffnete. Wer die deutsche Hauptstadt-Modewoche in den letzten Jahren beobachtet hat, weiß: Hoschek ist eine der wenigen Designerinnen im deutschsprachigen Raum, die wirklich verkauft, was sie zeigt. Keine Kunstinstallation auf dem Catwalk, keine unverkäuflichen Statement-Stücke — sondern Mode, die Frauen zwischen 25 und 55 tatsächlich anziehen. Genau das macht ihre Herbst/Winter-Kollektion 2016 so spannend: Sie ist die seltene Schnittmenge aus Vintage-Romantik, österreichischem Handwerk und kommerzieller Realität. Wir haben uns die Show angesehen, die Modenschau analysiert und Lena Hoschek nach dem Finale exklusiv zum Interview getroffen.

Pin-Up trifft Trachten: Warum Hoscheks Handschrift unverwechselbar ist

Lena Hoschek hat ihr Label 2005 in Graz gegründet — mit gerade einmal 24 Jahren und nach einer Lehre als Damenkleidermacherin sowie einem kurzen, aber prägenden Stint bei Vivienne Westwood in London. Diese Mischung aus akademischer Schneiderausbildung und britischer Punk-Romantik ist bis heute der DNA-Code ihrer Kollektionen. Während andere junge Designer in den 2000ern auf minimalistischen Avantgarde-Schick setzten, entschied sich Hoschek bewusst für das Gegenteil: Wespentaillen, weite Röcke, gepunktete Stoffe, Cherry-Prints, Petticoat-Silhouetten.

Für die Autumn/Winter-Kollektion 2016 hat sie ihre Pin-Up-Referenzen mit einer erdigeren, fast alpinen Farbpalette gekreuzt. Tannengrün, Bordeaux, Senfgelb und gedeckte Brauntöne dominieren — kombiniert mit Karomustern, schweren Wollstoffen und eingearbeiteten Trachten-Elementen wie Stehkragen und Schnürungen. Wer ihre Vorliebe für markante Muster kennt, wird auch dieses Mal nicht enttäuscht: Florale Prints auf Samt, schottische Tartans und Hahnentritt finden sich quer durch die rund 40 Looks.

Die Show: Eröffnung der Fashion Week mit Ansage

Dass Hoschek den Eröffnungs-Slot der Berliner Fashion Week bekam, war ein klares Signal der Veranstalter. In einer Saison, in der das deutsche Modegeschehen zunehmend zwischen Berlin, Mailand und den großen Häusern in Paris zerrieben wurde, brauchte es eine Designerin, die Kameras anzieht und Käufer mitbringt. Hoschek liefert beides. Ihre Front Row in Berlin war prominent besetzt mit österreichischen und deutschen Schauspielerinnen, Bloggerinnen und internationalen Einkäufern.

Der Catwalk selbst war typisch Hoschek: kein bombastisches Bühnenbild, kein verspielter Lichtzauber. Stattdessen klare Choreografie, tragbare Looks, und Models, die nicht aussahen, als hätten sie drei Wochen nichts gegessen. Genau diese Bodenständigkeit — auch wenn das Wort abgenutzt klingt — ist Teil des Markenversprechens. Im Gegensatz zu vielen Großen der Branche, die wir in unserer Übersicht aller Modemarken von A bis Z einsortiert haben, positioniert sich Hoschek bewusst als Nischenmarke mit großer Loyalität.

Das Interview: Was Lena Hoschek selbst über die Show sagt

Unsere Redakteurin Michelle hat Lena direkt nach der Show im Backstage-Bereich des Runway-Zelts am Brandenburger Tor getroffen. Was bei Designer-Interviews normalerweise nach 90 Sekunden in PR-Floskeln zerfließt, blieb bei Hoschek erstaunlich konkret. Sie sprach über ihr persönliches Highlight der Kollektion, über die Herausforderung, eine Show in der ersten Reihe der Fashion Week zu eröffnen, und über die Frage, warum sie nach über zehn Jahren immer noch dem Vintage-Stil treu bleibt.

„Ich entwerfe keine Mode für Editorials, ich entwerfe für Frauen, die morgens vor dem Schrank stehen und etwas anziehen wollen, in dem sie sich gut fühlen — und das auch in fünf Jahren noch.“ — Lena Hoschek im Interview mit fiv Magazine

Diese Haltung erklärt auch, warum Hoschek-Stücke auf dem Vintage- und Resale-Markt überdurchschnittliche Wiederverkaufspreise erzielen. Ein Cocktailkleid aus der Kollektion 2010 wird heute noch für 60–70 % des Originalpreises gehandelt — ein Wert, von dem die meisten Mainstream-Marken nur träumen können.

Die Looks im Detail: Was hängenbleibt

Drei Schlüsselstücke der Herbst/Winter-Kollektion 2016 sind uns besonders aufgefallen — und sie zeigen, warum Hoscheks Ansatz funktioniert:

Look Material Stilreferenz
Bordeauxfarbenes Tellerkleid mit Gürtel Schwerer Wollkrepp Dior New Look 1947
Karierter Mantel mit Pelzkragen Tweed mit Kunstfellbesatz Britisches Country-Tailoring
Schwarzes Spitzenkleid mit Stehkragen Französische Chantilly-Spitze Edwardianische Romantik

Was alle drei Stücke verbindet: Sie funktionieren ohne Inszenierung. Man kann sie zur Hochzeit, ins Büro oder zum Weihnachtsessen tragen. In einer Branche, die immer mehr in Richtung instagrammable One-Hit-Wonder driftet, ist das fast schon ein Statement. Wer sich für die Mechanik solcher Schauen genauer interessiert, findet in unserem Guide zum Modeln auch die Einblicke aus Sicht der Models, die diese Kollektionen tragen.

Fashion Week Berlin 2016: Wo Hoschek im großen Bild steht

Die Berliner Fashion Week hat traditionell ein Imageproblem im Vergleich zu Paris, Mailand und New York. Während New York mit seiner Mischung aus kommerzieller Mode und Streetstyle internationale Einkäufer magnetisch anzieht, kämpft Berlin seit Jahren um Relevanz. Designer wie Lena Hoschek, Marina Hoermanseder und Marcel Ostertag sind dabei das Rückgrat — sie zeigen Saison für Saison Kollektionen, die nicht nur die Presse, sondern auch den Handel überzeugen.

Ein interessanter Kontrast: Während Mega-Marken wie Dior, Gucci oder Prada mit Marketing-Budgets im dreistelligen Millionenbereich operieren, baut Hoschek ihre Marke organisch. Ihr Flagship-Store in Wien, der Online-Shop und ein gut gepflegtes Händlernetzwerk reichen aus, um die Kollektionen zu vertreiben — ohne den Druck der Quartalsergebnisse börsennotierter Konzerne. Wie wir im Artikel zu Premium-Jeansmarken gezeigt haben, ist genau dieser Mittelweg zwischen Indie und Mainstream der schwierigste — und der wertvollste.

Die Videos: Show und Backstage in voller Länge

Wer die Atmosphäre der Schau selbst nachfühlen möchte, sieht hier das offizielle Interview mit Lena Hoschek nach der Show — inklusive ihrer Einschätzung, welcher Look ihr Lieblingsstück der Saison ist:

Bonus: Der komplette Laufsteg-Mitschnitt

Und für alle, die den Catwalk Look für Look sehen möchten — vom ersten Modell bis zum Finale mit Lena Hoschek selbst:

Praktisch: Wo man Lena Hoschek kaufen kann

  • Show-Adresse 2016: Runway am Brandenburger Tor, Straße des 17. Juni, 10117 Berlin
  • Online-Shop: shop.lenahoschek.com
  • Flagship-Stores: Wien (Gutenberggasse), Salzburg, Berlin
  • Preisniveau: Kleider ab ca. 250 €, Mäntel ab ca. 500 €, Couture-Stücke 800 €+
  • Stilrichtung: Vintage-Couture mit Trachten- und Pin-Up-Einflüssen

Weiterlesen: Mode, Models und Designerinnen auf fiv

Wer sich nach der Hoschek-Show weiter durch die Modewelt klicken möchte: Wir haben die Geschichte aller GNTM-Staffeln zusammengefasst — viele der Gewinnerinnen liefen ebenfalls b