Marcel Ostertag: bunte Fäden in der Sommerkollektion – Berlin Fashion Week

Während andere Designer im Juli 2022 noch fieberhaft Trendprognosen wälzten, schickte Marcel Ostertag im E-Werk Berlin Models in flamingofarbenen Abendkleidern und türkisen Tüllvolants über den Catwalk – und tat damit genau das, was er seit über 15 Jahren tut: das Gegenteil dessen, was die Branche gerade für richtig hält. Seine Sommerkollektion 2023 trägt den Namen „Salt“, und sie ist eine der ehrlichsten Modenschauen der vergangenen Berlin Fashion Week. Kein Rückgriff auf die übliche Y2K-Welle, kein erzwungenes Quiet Luxury, kein TikTok-Pandering. Stattdessen: handgemalte Prints, bunte Fäden, Palmenmotive – und ein Designer, der sich traut, in einer Saison, die alle „minimal“ nennen, maximalistisch zu bleiben.

Warum „Salt“ mehr ist als nur eine Sommerkollektion

Marcel Ostertag, geboren 1981 in Bayern, gehört zu jener seltenen Spezies deutscher Designer, die es geschafft haben, sich international Gehör zu verschaffen, ohne dabei den eigenen Ton zu verlieren. Nach seinem Abschluss an der Mailänder Domus Academy gründete er sein Label 2006 – also in einem Jahr, in dem die deutsche Mode noch zwischen Jil-Sander-Strenge und Jogginghose oszillierte. Heute zeigt er parallel in New York und Berlin, und genau diese Pendelbewegung erklärt, warum „Salt“ so funktioniert: Die Kollektion ist eine Hommage an den Moment, in dem man nach einem Tag am Meer das Salz auf der Haut spürt, die Sonne auf den Schultern, die Leichtigkeit im Kopf.

Übersetzt in Mode heißt das: Abendkleider in Flamingo Pink, fließende Maxi-Silhouetten, Blusen mit Blumenstickereien, leichte Hosenanzüge mit goldenen Akzenten. Die Farbpalette reicht von zarten Peach- und Apricot-Tönen über Sky Blue bis zu intensivem Türkis – Farben, die man eher in einer mediterranen Strandbar als auf einer Berliner Runway erwartet. Genau das ist der Punkt.

Die Handschrift: bunte Fäden statt Logo-Mania

Was Ostertag von vielen seiner deutschen Kollegen unterscheidet, ist die Detailverliebtheit. Während Häuser wie Dior oder Gucci ihre Kollektionen zunehmend über Logos und Markencodes definieren, bleibt Ostertag bei dem, was er handwerklich am besten kann: Stickerei, Druck, Stoffverarbeitung. Bunte Fäden ziehen sich als wiederkehrendes Motiv durch die Kollektion – mal als gestickte Blumenranke an einem Seidenkleid, mal als kontrastierende Naht an einem cremefarbenen Blazer, mal als Fransenbesatz an einem Rocksaum. Es ist diese Liebe zum Handwerk, die seine Mode auch in zehn Jahren noch tragbar macht.

Besonders auffällig: Die Palmenprints und Blumenmuster wirken nie touristisch oder kitschig. Das liegt daran, dass Ostertag sie nicht als Print von der Stange einkauft, sondern in Zusammenarbeit mit Künstlern entwickelt – ein Ansatz, den auch Häuser wie Prada in ihren Resort-Kollektionen verfolgen, der in Deutschland aber selten so konsequent umgesetzt wird.

„Ich folge keinen Trends. Ich folge Gefühlen. Wenn ein Stoff sich richtig anfühlt, dann landet er in der Kollektion – egal, ob er gerade auf Pinterest viral geht oder nicht.“ – Marcel Ostertag

Die Show im E-Werk: Berlins ehrlichster Catwalk-Moment

Das E-Werk in Berlin-Mitte, ein ehemaliges Umspannwerk aus den 1920er-Jahren, ist seit Jahren einer der ikonischsten Veranstaltungsorte der Fashion Week-Saison. Industrieller Beton trifft auf hohe Decken, raue Wände auf perfektes Licht – die ideale Bühne für Mode, die nicht poliert wirken will. Ostertag wählte den Ort bewusst: Sein „Salt“-Konzept lebt vom Kontrast zwischen rauer Kulisse und zarter Stofflichkeit. Models in pastellfarbenen Tüllkleidern liefen an unverputzten Wänden vorbei, während handgewebte Tücher und florale Drucke das Setting förmlich aufluden.

Kollektion „Salt“ – SS 2023
Show-Ort E-Werk, Berlin-Mitte
Farbpalette Peach, Sky Blue, Flamingo Pink, Türkis, Gold
Schlüsselmotive Palmenprints, Blumenstickereien, bunte Fäden
Schlüsselsilhouetten Fließende Maxi-Kleider, weiße Hosenanzüge mit Goldakzenten, Tüll-Volants
Fotograf Robert Schlesinger

Wo Ostertag im internationalen Vergleich steht

Wer Ostertag nur als „deutschen Designer“ einsortiert, verkennt seine Position. Seit 2014 zeigt er regelmäßig auf der New York Fashion Week, mit Stars wie Christina Aguilera und Caitlyn Jenner in der Front Row. In Sachen ästhetischer DNA steht er damit näher an New Yorker Designerinnen wie Donna Karan / DKNY als an klassisch deutschen Häusern – die gleiche Liebe zur fließenden Silhouette, die gleiche Obsession für tragbare Eleganz, die gleiche Weigerung, sich für Trends zu verbiegen.

Wie wir im Artikel zu Marcel Ostertags Modenschauen bereits gezeigt haben, ist sein wiederkehrendes Thema die Verbindung von Naturmotiven mit urbaner Tragbarkeit. „Salt“ führt diesen roten Faden konsequent weiter und ist damit kein Bruch, sondern eine Fortschreibung.

Was die Kollektion für die Saison bedeutet

Sommer 2023 wird – wenn man den Catwalks von Mailand, Paris und New York glauben darf – eine Saison der leisen Töne. Beige, Off-White, Sand, gedämpfte Erdtöne. Genau in diesem Moment präsentiert Ostertag eine Kollektion, die Farbe nicht nur duldet, sondern feiert. Das ist mutig. Und es ist marktstrategisch klüger, als es auf den ersten Blick aussieht: Während Konsumentinnen sich nach drei Saisons Quiet Luxury langsam nach Ausdruck zurücksehnen, positioniert sich Ostertag als Anlaufstelle für genau diese Sehnsucht.

Wer einen Blick auf die handgemalten Prints wirft, erkennt schnell die Verwandtschaft zu Resort-Kollektionen großer Luxushäuser – nur zu einem Bruchteil des Preises. Die florale und natürliche Mustersprache, die diese Saison ohnehin ein Comeback feiert, übersetzt Ostertag in eine eigenständige Bildsprache, die weder kopiert noch beliebig wirkt.

Für wen „Salt“ tatsächlich gemacht ist

Im Gegensatz zu vielen Designern, die ihre Catwalk-Kollektionen primär als PR-Vehikel verstehen und ihr Geld mit Bags und Logo-T-Shirts verdienen, sind Ostertags Stücke tatsächlich tragbar. Das ist seltener als man denkt. Die „Salt“-Looks lassen sich gut mit klassischen Basics kombinieren – einem weißen Hemd, einer guten Jeans, schlichten Sandalen. Genau diese Mischbarkeit ist es, die Ostertag von rein konzeptueller Mode unterscheidet.

Die Zielgruppe: Frauen zwischen 30 und 55, die genug Selbstbewusstsein haben, um nicht jedem Trend hinterherzulaufen, und die in Mode mehr sehen als nur Kleidung. Käuferinnen, die nicht in der Filiale von Zalando blättern, sondern bewusst in ausgewählte Stücke investieren. Dass Ostertag dabei nicht in das übliche Luxus-Pricing-Schema verfällt, macht ihn auch für jüngere Käuferinnen interessant, die ihren ersten Designereinkauf planen.

Berlin Fashion Week 2023: Ostertag als Korrektiv

Die Berlin Fashion Week hat ein Imageproblem. Im Vergleich zu Paris oder Mailand wird sie international oft belächelt – zu klein, zu uneinheitlich, zu sehr an Subkultur orientiert. Genau hier liefert Ostertag das, was der Standort dringend braucht: international anschlussfähige Mode mit klarer Handschrift. Während andere deutsche Designer entweder ins Streetwear-Segment abdriften oder sich an minimalistischen Konzepten festklammern, zeigt Ostertag, dass auch farbenfrohe, weibliche, romantische Mode auf höchstem Niveau aus Deutschland kommen kann.

Das ist nicht selbstverständlich. Wer die deutsche Modegeschichte der letzten 20 Jahre verfolgt hat, weiß, dass Designer mit dieser Ästhetik hierzulande schnell als „zu wenig konzeptuell“ abgestempelt werden. Dass Ostertag sich davon nie hat beeindrucken lassen, ist seine eigentliche Leistung.

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