Tod’s x Fashion Week Mailand 2022
Während Gucci, Prada und Versace auf der Mailänder Fashion Week 2022 mit lauten Inszenierungen, Promi-Frontrows und LED-Wänden um Aufmerksamkeit kämpften, machte Tod’s das exakte Gegenteil — und genau das war die Botschaft. Kein Spektakel, keine Pyrotechnik, kein Star-DJ. Stattdessen: gedeckte Farben, weiches Licht, präzise Schnitte. Tod’s setzte auf der Mailänder Fashion Week ein Statement, das in der heutigen Modewelt fast schon revolutionär wirkt — weniger ist wieder mehr, und Handwerk schlägt Hype.
Tod’s: Die stille Macht des italienischen Luxus
Die Tod’s S.p.A. mit Hauptsitz in Sant’Elpidio a Mare in den Marken ist einer dieser italienischen Modekonzerne, die nie laut sein mussten, um global zu wachsen. Gegründet in den 1970er Jahren von Diego Della Valle, der das Familienunternehmen seines Großvaters übernahm, hat sich das Haus konsequent auf eine Disziplin konzentriert: perfekt verarbeitetes Leder. Während andere Marken in den 2000ern in Logo-Mania und Streetwear-Kollaborationen abdrifteten, blieb Tod’s bei einer Linie, die fast altmodisch wirkt — und genau deshalb heute wieder relevant ist.
Der berühmteste Schuh des Hauses, der Gommino, entstand bereits in den 1970er Jahren: ein weicher Leder-Mokassin mit 133 Gumminoppen an Sohle und Ferse, ursprünglich entwickelt für Autofahrer, die ein dünnes, biegsames Schuhwerk brauchten. Heute ist er in über 100 Farbvarianten erhältlich und kostet je nach Ausführung zwischen 450 und 700 Euro. Wer ihn einmal getragen hat, versteht sofort, warum er kultisch verehrt wird — und warum Imitationen aus Fast-Fashion-Häusern wie Pimkie oder anderen Mainstream-Brands das Original nie ersetzen können.
Wie Diana, Agnelli und ein Tonband die Marke groß machten
Es gibt Momente in der Modegeschichte, die ein Unternehmen über Nacht in den Olymp katapultieren. Für Tod’s waren es zwei. Der erste: Giovanni Agnelli, der legendäre Fiat-Patron und vielleicht stilprägendste Italiener des 20. Jahrhunderts, trug in den 1980er Jahren öffentlich Tod’s-Mokassins — gerne mit der Armbanduhr über dem Hemdärmel und einem schief gebundenen Krawattenknoten. Was Agnelli trug, kopierte ganz Mailand. Der zweite Moment: Prinzessin Diana mit einer Tod’s-D-Bag in den 1990ern. Die Tasche, später nach ihr in „D-Bag“ umbenannt, wurde zum Verkaufsschlager und ist bis heute eine der meistkopierten Handtaschen-Silhouetten der Welt.
Diese Form von Promi-Marketing — organisch, beiläufig, ohne bezahlten Vertrag — ist heute fast unmöglich geworden. Marken wie Gucci oder Prada zahlen heute Millionen für Brand Ambassadors. Tod’s hingegen profitierte von einer Ära, in der Stil noch nicht inszeniert, sondern gelebt wurde. Della Valle selbst sagte einmal in einem Interview mit der italienischen Vogue: „Wir verkaufen keine Schuhe. Wir verkaufen eine Idee von italienischer Lebensart.“
„Luxus ist nicht das, was man zeigt. Luxus ist das, was man fühlt, wenn niemand hinschaut.“ — Diego Della Valle, Gründer von Tod’s
Die Sommerkollektion 2023: Reduktion als Statement
Die auf der MFW 2022 präsentierte Sommerkollektion 2023 ist im Grunde ein Manifest. Die Farbpalette: Sand, Creme, Hellgrau, gedämpftes Olivgrün, ein einziger Akzent in zartem Rosé. Die Materialien: weiches Nappaleder, ungefütterte Wolle, leichte Baumwolle. Die Silhouetten: lockere Hosen mit hohem Bund, oversized Hemdblusen, fließende Maxiröcke, dazu der unvermeidliche Gommino in neuen Sommer-Editionen mit perforiertem Obermaterial.
Was auffällt: Tod’s verzichtet komplett auf laute Tiermuster, Logos oder Statement-Prints. Während Leoparden- und Zebra-Muster auf vielen anderen Mailänder Laufstegen 2022 zurückkehrten, blieb Tod’s bei einer fast schon stoischen Schlichtheit. Das ist Mut — denn in einer Saison, in der Aufmerksamkeit die härteste Währung ist, sich bewusst zurückzunehmen, kostet Marktanteile. Oder gewinnt sie zurück, je nachdem wen man fragt.
Besonders stark: die neue Generation der T-Bag, eine Weiterentwicklung der klassischen D-Bag mit weicheren Linien und einem schmalen Henkel. Sie wird in Italien handgenäht, jede Tasche durchläuft etwa 100 Arbeitsschritte, der Endpreis liegt bei rund 2.400 Euro. Das ist viel — aber im Vergleich zu einer Birkin von Hermès (Wartelisten von Jahren, Preise ab 10.000 Euro aufwärts) ein eher demokratischer Luxus.
Tod’s vs. die Konkurrenz: Wo steht die Marke 2023?
Im Lederwaren-Segment des italienischen Luxus konkurriert Tod’s vor allem mit Dolce & Gabbana, Bottega Veneta, Ferragamo und Prada. Wie wir im Artikel zur Übersicht aller Modemarken zeigen, hat sich der Markt in den letzten Jahren stark polarisiert: Auf der einen Seite die laute, junge, Hype-getriebene Seite (Gucci unter Alessandro Michele, Off-White, Balenciaga), auf der anderen die stille, klassische Schule (Loro Piana, Brunello Cucinelli, eben Tod’s).
| Marke | Gründungsjahr | Kernprodukt | Stilrichtung 2023 |
|---|---|---|---|
| Tod’s | 1970er | Gommino, Lederaccessoires | Quiet Luxury, Handwerk |
| Prada | 1913 | Nylon-Taschen, Schuhe | Intellektuell, konzeptuell |
| Gucci | 1921 | Logo-Pieces, Lederwaren | Maximalismus im Wandel |
| Dolce & Gabbana | 1985 | Couture, Prints | Sizilianische Opulenz |
| Bottega Veneta | 1966 | Intrecciato-Leder | Minimalismus, Architektur |
Der entscheidende Unterschied: Tod’s verkauft kein Logo. Wer ein Tod’s-Produkt trägt, erkennt das an der Verarbeitung, am Schnitt, am Leder — nicht am riesigen Schriftzug. Das macht die Marke zur Wahl all jener, die längst über die Phase hinaus sind, in der sie zeigen müssen, was sie sich leisten können. „Quiet Luxury“ nennt das die Branche seit etwa 2022, und Tod’s hat dieses Konzept eigentlich schon immer verkörpert.
Mailänder Fashion Week: Warum die Stadt anders tickt als Paris oder New York
Die Fashion Week in Mailand hat einen anderen Charakter als ihre Schwestern in Paris, New York oder London. Hier geht es weniger um Avantgarde oder Provokation und mehr um Industrie, Handwerk und Kommerz. Die meisten der präsentierenden Häuser — von Dior-Konkurrenten bis zu kleinen Manufakturen — produzieren tatsächlich in Italien, oft im Familienbesitz, oft seit Generationen. Mailand ist die Hauptstadt der italienischen Modeindustrie, nicht der italienischen Modekunst — die liegt eher in Florenz oder Rom.
Tod’s nutzt diese Mailänder DNA geschickt. Statt einer aufwändigen Show im venezianischen Palast oder im Industrieloft setzte das Haus 2022 auf eine intime Präsentation, fast in Atelier-Atmosphäre. Die Models gingen langsam, der Sound war zurückhaltend, die Stimmung erinnerte an die 1990er Jahre, als Modenschauen noch keine Instagram-Spektakel waren. Wer schon mal eine Modenschau live gesehen hat, weiß: Diese Form der Reduktion ist viel anspruchsvoller als der laute Gegenentwurf — denn jedes Detail muss sitzen.
Was Tod’s für den Leser bedeutet — eine ehrliche Empfehlung
Wer in Tod’s investiert, kauft kein Trendprodukt, sondern ein Stück Material, das mit der Zeit besser wird. Ein Gommino aus weichem Wildleder gewinnt nach 200 Tragestunden eine Patina, die kein neues Produkt jemals haben wird. Eine D-Bag aus den 1990ern wird heute auf Vestiaire Collective für 800 bis 1.500 Euro gehandelt — also fast so viel wie der Neupreis damals. Das ist die Definition von Wertstabilität in der Mode.
Mein Rat als Redakteur, der seit zwei Jahrzehnten Modenschauen besucht: Wenn du dir ein einziges Tod’s-Produkt zulegst












