Haderlump x Berlin Fashion Week 2024: Nachhaltig, düster, dystopisch
30 Meter Stoff, acht Mäntel, keine Nachbestellung — das ist die Produktionslogik hinter einem der konsequentesten Labels, das die Berliner Modeszene je hervorgebracht hat. Haderlump von Max Reisinger ist nicht das erste Label, das mit Upcycling wirbt — aber das erste, das Deadstock-Mode kommerziell, ästhetisch und handwerklich so ernsthaft zum Funktionieren bringt, dass die deutsche Vogue berichtet und der offizielle Kalender der Berlin Fashion Week einen festen Slot reserviert. Die eigentliche Frage ist nicht, ob das nachhaltig ist. Die Frage ist: Warum hat das nicht längst jemand anders gemacht? Die Antwort liegt in einer Schnitt-Komplexität, an der die meisten Designer scheitern — und genau dort beginnt die Geschichte.
Vom Weißensee-Diplom zum BFW-Kalender: Blueprint eines Systemwechsels
Max Reisinger ist Absolvent der Kunsthochschule Berlin-Weißensee — jener Schule, die einen ungewöhnlich hohen Anteil der relevanten Berliner Designer hervorgebracht hat, von Ottolinger über William Fan bis Reality Studio. Was Weißensee von Antwerpen oder Central Saint Martins unterscheidet, ist methodisch entscheidend: Während Antwerpen konzeptuell denkt (erst die Idee, dann das Material) und CSM die Silhouette in den Mittelpunkt stellt, folgt Weißensee einem Prinzip, das Studierende intern als „Material First“ beschreiben. Man beginnt mit dem Stoff, der vor einem liegt — nicht mit der Skizze. Wer verstehen will, warum Berliner Labels strukturell deadstock-kompatibler sind als ihre internationalen Wettbewerber, findet hier die Antwort.
Reisingers Diplom war bereits ein vollständiges Manifest: dekonstruierte Workwear, Patchwork aus Spendenstoffen, harte Schneiderkunst. Der Name war von Anfang an Programm. Ein „Hadern“ war im historischen Sprachgebrauch ein Lumpen, ein Stoffrest — oft Rohstoff für die frühe Papierherstellung. Das Wort schwingt zwischen Verachtung und Würdigung, exakt der konzeptuelle Spalt, in dem Reisinger arbeitet. Wer den größeren Zusammenhang der Berliner Designer-Generation sucht, findet in unserer Modemarken-Übersicht von A bis Z Vergleichspunkte aus der internationalen Szene.
Der Sustainability Award: Nicht symbolisch, sondern strukturell
Der entscheidende Hebel war der Sustainability Award des Fashion Council Germany — ehemals als Mercedes-Benz Sustainability Award bekannt. 25.000 Euro Preisgeld, mehrmonatiges Mentoring, Pressearbeit, Showroom-Zugang. Wer die Mechanik der deutschen Modeförderung kennt, weiß: Dieser Preis öffnet die Tür zum kuratierten Berliner-Salon-Format, das pro Saison nur rund 20 bis 25 Designer auswählt. Wer die Mechanik einer Modenschau aus eigener Erfahrung kennt, weiß auch: Ohne dieses kuratorische Gütesiegel kommt man im offiziellen BFW-Kalender nicht weit.
Bemerkenswert war die Jurybesetzung — keine Quotenrunde aus Kreislaufwirtschafts-Experten, sondern designgetriebene Auswahl mit Namen wie Marina Hoermanseder und Christiane Arp. Das erklärt, warum Haderlump und nicht ein Hanf-Label gewann. Haderlump zeigt seitdem konsequent jede Saison im Schedule. Das ist das eigentliche Branchensignal — nicht das Debüt, sondern die Kontinuität. Im Vergleich dazu ist die Fashion Week Mailand strukturell kommerzieller, durchkapitalisierter, aber ästhetisch selten so radikal.
- − Absolvent der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, Modeklasse („Material First“)
- − Atelier in Lichtenberg, kleines Kernteam, Produktion zweistellig pro Schnitt
- − Träger des Sustainability Award des Fashion Council Germany
- − Kontinuierliche Präsenz im offiziellen BFW-Kalender
- − Presse: deutsche Vogue, AnOther Magazine, Numéro Berlin, SZ-Magazin
- − Stockists: Andreas Murkudis Berlin, Voo Store, ausgewählter internationaler Wholesale

Textilhafen Berlin und Recovo: Wo Haderlump seine Stoffe wirklich herholt
Hier wird es konkret — und genau diese Konkretheit fehlt den meisten Labels, die mit dem Begriff „nachhaltig“ werben. Haderlump nennt seine Quellen beim Namen. Zwei Bezugsquellen tragen den Großteil der Kollektionen, ergänzt durch direkte Lieferantenkontakte und ein wachsendes Eigenarchiv aus Privatspenden. Das Atelier in Lichtenberg liegt nicht zufällig fußläufig zum Textilhafen — kurze Wege sind Teil des Geschäftsmodells, nicht romantische Anekdote.
| Quelle | Material | Konditionen | Besonderheit |
|---|---|---|---|
| Textilhafen Berlin (Lichtenberg) | Alttextilien, Spenden, Lagerware | 3–8 € pro Kilo | Projekt der Berliner Stadtmission; Designer-Tage monatlich, max. 8 Designer parallel, Voranmeldung erforderlich |
| Recovo (Barcelona) | Deadstock-Stoffe von Marken und Mühlen | ab 1 Meter Mindestabnahme, 15–20 % Provision | Größter Deadstock-Marktplatz Europas, über 5 Mio. Meter Bestand, 100+ Marken-Partner |
| Direkte Lieferanten | Spezialstoffe für Schlüsselteile | Individuell verhandelt | Persönliche Beziehung statt anonymer Lieferkette |
| Eigenarchiv / Privatspenden | Vintage-Stücke, Familien-Nachlässe | Keine Kosten | Trägt den biografischen Layer der Kollektionen |
Was diesen Ansatz so radikal macht: Haderlump kauft keine neu produzierten „nachhaltigen“ Stoffe — die Marke nutzt ausschließlich Material, das ohnehin existiert. Damit entfällt die gesamte Umweltlast der Stoff-Neuproduktion: kein neuer Wasserverbrauch, keine neuen Pestizide für Baumwolle, keine neuen CO₂-Emissionen für Polyester-Synthese. Der Kostenvorteil beim Textilhafen-Kilopreis von 3 bis 8 Euro liegt gegenüber Neuware aus italienischen Mühlen um den Faktor zehn — das gewonnene Budget fließt vollständig ins Atelier, also in Schnitt, Verarbeitung und Handarbeit. Das erklärt auch, warum Haderlump strukturell anders kalkuliert als Häuser wie Gucci oder Prada: Material ist der billigste Posten, Handarbeit der teuerste.
Das Schnitt-Problem: Warum Deadstock harte Schneiderkunst erzwingt
Ein Aspekt, den Außenstehende selten verstehen: Wer mit Deadstock arbeitet, kann nicht „Größe 38 in Marineblau nachbestellen“. Existieren von einem Stoff nur 30 Meter, sind nach acht bis zwölf Mänteln die Bahnen aufgebraucht. Reisinger löst das durch ein modulares System aus Patchwork, kombinierten Materialqualitäten und dekonstruierten Schnittmustern. Die sichtbar zerschnittene Ästhetik ist kein Stilmittel — sie ist produktionslogische Konsequenz. Genau dieser Pragmatismus unterscheidet das Label von Konzeptkunst, die im Atelier gut aussieht und am Körper scheitert. Hier liegt auch die Antwort auf die Eingangsfrage: Die meisten Designer können Deadstock nicht, weil ihre Schnittmuster auf unbegrenzt verfügbarem Material basieren. Nimmt man das weg, bricht ihre Produktionslogik zusammen.
Recovo, gegründet von Mònica Rodríguez in Barcelona, listet über 100 Marken-Partner als Verkäufer ihres Überschusses. Die Provision von 15 bis 20 Prozent pro Verkauf erklärt, warum ein Haderlump-Mantel zwischen 800 und 2.500 Euro kostet — der Materialeinsatz ist günstig, die Verarbeitung nicht. Wer Herrenmode sucht, die ähnlich konstruktiv denkt, findet kaum ein deutsches Label, das diesen Anspruch so konsequent durchhält.
Mode aus Stoff, der sonst im Müll gelandet wäre — das ist nicht Marketing, das ist eine andere Betriebssystemlogik für die Modeindustrie.
Das Wichtigste in Kürze:
- Textilhafen Berlin: 3–8 €/kg, max. 8 Designer pro Termin
- Recovo Barcelona: über 5 Mio. Meter Deadstock-Bestand
- Atelier Lichtenberg liegt fußläufig zur Hauptquelle
- Faktor 10 Kostenvorteil gegenüber italienischer Neuware
- Eingespartes Materialbudget fließt komplett in Handarbeit

Look für Look: Was auf dem Runway wirklich passierte
Die Herbst-/Winter-Kollektion liest sich wie ein Manifest, das gleichzeitig Schneider-Prüfung ist. Die Show öffnete mit einem aufgeschnittenen Trenchcoat in Anthrazit, dessen rechtes Vorderteil offensichtlich aus einem zweiten, ehemals olivgrünen Mantel stammte — ein Patchwork, das man erst auf den zweiten Blick als solches erkennt. Hier zeigt sich die Material-First-Methodik direkt am Stück: Der Stoff diktierte die Asymmetrie, nicht umgekehrt. Hemden bekamen verlängerte Manschetten, die fast bis zum Boden fielen. Ein Look kombinierte einen kurzen Bolero aus altrosa Seide mit einer schweren Cargohose, der Bund mit Lederriemen handgenäht.
Ein anderer Auftritt zeigte einen knöchellangen Wollmantel in Rost mit eingenähten Resten eines hellgrauen Anzugfutters — die Naht bewusst sichtbar, die Übergänge nicht kaschiert. Die Silhouetten wirken futuristisch, und doch erkennt man klassische Schnittlinien, die jeder ausgebildete Schneider sofort identifiziert: Reverskragen, Pattentaschen, Reiterrock-Falten. Die Farbpalette: gedämpft, erdig, fast monochrom. Rost, Anthrazit, Knochenweiß, ein verstaubtes Olivgrün. Wer auffällige Tiermuster wie Leopard oder Zebra als modisches Statement sucht, ist bei Haderlump falsch — hier zählen ausschließlich Textur und Konstruktion.
Lederpartien wirken patiniert, Wollstoffe rau, Seide changiert zwischen matt und glänzend. Die Show wurde von einem dunklen, industrial geprägten Soundbett begleitet — kein Pop, kein Statement-Track, sondern ein Drone, der den Raum färbte statt beschallte. Optisch liegt Haderlump näher an Marine Serre und Rick Owens als an irgendeiner Öko-Ästhetik. Das ist der eigentliche Trick: Nachhaltigkeit als formale Strenge, nicht als moralische Ansage. Eine Lehre, die übrigens auch in den großen Mode-Zitaten von Lagerfeld und Chanel mitschwingt — Haltung schlägt Botschaft.
Genderfluide Schnitte: Warum Haderlump Kategorien strukturell auflöst
Auffällig: Haderlump arbeitet konsequent ohne Geschlechterkategorien. Die Looks lassen sich kaum klar zuordnen — Röcke kombiniert mit schweren Boots, Anzüge mit dramatischen Schleppen, oversized Mäntel über schmal geschnittenen Hosen. Praktisch heißt das für Käufer: Die Kollektion folgt einer Unisex-Logik mit weit geschnittenen Oberteilen, die über mehrere Konfektionsgrößen hinweg funktionieren. Mäntel fallen tendenziell eine Nummer größer aus als angegeben, Hosen werden bewusst lang gelassen — die Saumkürzung im Atelier ist Teil des Kaufprozesses, nicht Reklamation.
Diese Haltung passt zu einer Käuferschicht, die mit den starren Kategorien älterer Häuser nichts mehr anfangen kann. Wer die internationale Breite der Modewelt erkunden möchte, findet in unserer Modemarken-Übersicht von A bis Z einen guten Ausgangspunkt — Haderlumps Konsequenz ist dort jedoch selten zu finden.
- ✓ Unisex-Schnitte, die über mehrere Konfektionsgrößen funktionieren
- ✓ Mäntel eine Nummer größer als angegeben — einkalkulieren
- ✓ Saumkürzung im Atelier ist Standard, kein Sonderservice
- ✓ Auflage pro Schnitt: 8–12 Stück, dann dauerhaft ausverkauft
- ✓ Kein Nachkauf möglich — Resale über Vestiaire/Grailed beobachten
- ✓ Direktverkauf-Anteil hoch, Wholesale bewusst limitiert












