Mode & Schneiderei: Designerin Lena Hoschek – Fashion Week
Mit 18 nähte sie ihr erstes Dirndl gemeinsam mit ihrer Großmutter — heute trägt halb Hollywood ihre Trachten- und Retro-Couture. Lena Hoschek ist eine der wenigen österreichischen Designerinnen, die es geschafft haben, traditionelle Schneiderkunst mit Pin-up-Ästhetik der 1950er Jahre zu einem unverwechselbaren Markenzeichen zu verschmelzen. Wer ihre Shows auf der Mailänder Fashion Week oder in Berlin gesehen hat, weiß: Hier geht es nicht um schnelle Trends, sondern um eine Designerin, die jede Naht ernst nimmt — und die Mode-Industrie damit seit über 15 Jahren irritiert und begeistert zugleich.
Vom Dirndl zur Vivienne-Westwood-Schule: Der ungewöhnliche Werdegang
Die Geschichte beginnt in Graz, in einer Werkstatt, in der Lena Hoschek als Teenager mit ihrer Oma am Tisch sitzt und Stoffe zuschneidet. Dieses Detail ist mehr als eine niedliche Anekdote — es erklärt, warum ihre Mode bis heute eine Handwerklichkeit ausstrahlt, die in der digitalen Fast-Fashion-Ära fast schon revolutionär wirkt. 2003 schloss sie ihr Diplom an der renommierten Modeschule Hetzendorf in Wien ab, jener Institution, aus der unter anderem auch Helmut Lang hervorging. Statt direkt eine eigene Linie zu gründen, packte sie ihre Koffer und ging für acht Monate nach London — direkt ins Atelier von Vivienne Westwood.
Diese Zeit prägte Hoschek nachhaltig. Westwood lehrte sie, dass Mode immer auch eine Haltung ist. Provokation, Femininität, britischer Punk, korsettierte Silhouetten: All das findet sich später in abgewandelter Form in Hoscheks eigener Handschrift wieder. Anders als viele Absolventen, die nach einem Westwood-Praktikum in das Vakuum der Branche fallen, kehrte Hoschek 2005 zurück nach Graz und eröffnete dort ihr eigenes Atelier. Das war mutig — und ungewöhnlich. Denn die meisten großen Modemarken haben ihre Wurzeln in Paris, Mailand oder New York, nicht in der österreichischen Provinz.
Die Hoschek-Handschrift: Warum 50er-Jahre-Silhouetten heute funktionieren
Wer eine Lena-Hoschek-Kollektion analysiert, erkennt sofort drei wiederkehrende Elemente: die Wespentaille, der schwingende Tellerrock und der plakative Print. Klingt zunächst nach Kostüm — ist aber das Gegenteil. Hoschek interpretiert die Femininität der 1950er Jahre nicht als Hommage an Doris Day, sondern als Statement gegen die Geschlechtslosigkeit moderner Streetwear. Während die Branche zwischen Hoodies, Oversized-Blazern und Unisex-Kollektionen oszilliert, hält Hoschek konsequent an Korsagen, Spitzenblusen und Petticoats fest.
Ihre Stoffe stammen häufig aus traditionsreichen italienischen und österreichischen Webereien. Die Drucke entwickelt sie selbst — von Kirschen über tropische Vögel bis zu orientalischen Ornamenten. Das Ergebnis ist eine Mode, die nicht versucht, „zeitlos“ zu sein, sondern bewusst aus der Zeit fällt. Genau deshalb funktioniert sie so gut: Eine Frau im Hoschek-Kleid sieht nie aus, als hätte sie bei Zara den letzten Trend mitgenommen. Sie sieht aus, als hätte sie sich entschieden.
Im Vergleich zu klassischen Luxusmarken wie Dior oder Gucci, die Couture-Tradition mit kommerziellen Sneaker-Drops verwässern, bleibt Hoschek erstaunlich kompromisslos. Ihre Couture-Linie „Lena Hoschek Atelier“ fertigt nach wie vor maßgeschneiderte Brautkleider und Abendmode in begrenzter Stückzahl — ein Geschäftsmodell, das viele kleinere Labels längst aufgegeben haben.
Berlin 2010: Der Durchbruch auf dem Laufsteg
Die Mercedes-Benz Fashion Week Berlin im Sommer 2010 war Hoscheks offizielle Eintrittskarte ins internationale Modegeschäft. Ihre Debüt-Show im Bebelplatz-Zelt war ausverkauft, die Front Row gefüllt mit Fashion-Redakteuren, die mit Skepsis kamen — und mit Begeisterung gingen. Die Kollektion „Sweethearts“ zeigte schwingende Röcke, Schluppenblusen, knallrote Lippen und Modelfrisuren, die direkt aus einem Hitchcock-Film stammen könnten. Die deutsche Presse sprach damals von einer „Pin-up-Revolution“.
„Ich entwerfe Mode für Frauen, die wissen, wer sie sind — nicht für Trends, die in sechs Monaten wieder verschwinden.“ — Lena Hoschek über ihre Design-Philosophie
Seit diesem Auftritt ist Hoschek fester Bestandteil der Berliner Fashion Week. Ihre Shows zählen regelmäßig zu den am stärksten fotografierten Events der Saison. 2014 erweiterte sie das Spektrum mit einer aufsehenerregenden Kollektion mit orientalisch inspirierten Mustern — ein Risiko, das aufging und ihre Reichweite über den deutschsprachigen Raum hinaus ausdehnte. Wer die Entwicklung der Berliner Modewoche kennt, weiß: Designerinnen wie Hoschek sind der Grund, dass die Hauptstadt überhaupt international beachtet wird, wie wir im Artikel zu Modenschauen und Laufsteg-Inszenierungen bereits beleuchtet haben.
Die Marken-Architektur: Vier Linien, eine Vision
Was viele nicht wissen: Hinter dem Namen Lena Hoschek steckt mittlerweile ein vielschichtiges Markenkonstrukt mit klar getrennten Linien. Diese Strategie ähnelt der von Dolce & Gabbana, die ebenfalls Hauptlinie, Couture und traditionelle Elemente sauber voneinander trennen. Eine Übersicht über die Linien:
| Linie | Fokus | Preissegment |
| Lena Hoschek Main | Damenkollektion, Retro-Stil, Ready-to-Wear | Premium |
| Lena Hoschek Tradition | Dirndl, Trachtenmode, Wiesn-Couture | Premium bis Luxus |
| Lena Hoschek Atelier | Haute Couture, Brautmode, Maßanfertigung | Luxus |
| Lena Hoschek by Robert La Roche | Brillen-Kooperation | Premium |
Besonders die Tradition-Linie ist ein wirtschaftlicher Glücksgriff: Während andere Designer den deutschsprachigen Trachten-Markt belächeln, hat Hoschek erkannt, dass das Oktoberfest-Geschäft jährlich Millionenumsätze generiert. Ihre Dirndl, oft mit handgestickten Details und Seidenschürzen, kosten zwischen 600 und über 2.000 Euro — und die Wartelisten sind lang. Im Gegensatz zu Massenanbietern wie Zalando oder Pimkie, die Trachten als saisonales Add-on führen, ist die Tradition-Linie eine Ganzjahres-Investition mit echtem Sammlerwert.
Wer Hoschek trägt — und warum das Label kultig wurde
Auf der Kundenliste des Labels finden sich Namen wie Dita Von Teese, die Hoschek mehrfach öffentlich gelobt hat, sowie zahlreiche europäische Schauspielerinnen und Sängerinnen. Der Burlesque-Star ist dabei eine besonders interessante Botschafterin: Niemand verkörpert die Hoschek-Ästhetik so präzise wie sie. Auch Helene Fischer, Lena Gercke und mehrere GNTM-Gewinnerinnen wurden bereits in Hoschek-Kreationen fotografiert.
Die Faszination liegt darin, dass Hoschek-Mode niemals beliebig wirkt. Im Gegensatz zu vielen Jeans-Marken oder Streetwear-Labels, deren Erfolg auf Wiedererkennbarkeit durch Logos basiert, funktioniert Hoschek über Silhouette und Haltung. Man erkennt das Label nicht am Schriftzug, sondern an der Trägerin.
Was Lena Hoschek von anderen Designerinnen unterscheidet
Die deutsche und österreichische Modeszene hat in den letzten zwei Jahrzehnten viele Talente hervorgebracht — wenige sind so beständig geblieben wie Hoschek. Während etwa Jil Sander mehrfach ihr eigenes Label verlassen hat oder Kaviar Gauche zwischenzeitlich strauchelte, ist Hoschek seit 2005 durchgehend kreativ und kommerziell aktiv. Das ist in der Branche eine Seltenheit. Ihre Strategie: Konsequenz statt Reinvention. Jede Saison variiert sie die gleichen Grundideen — Femininität, Retro, plakativer Print — und lässt sich nicht auf den Druck ein, sich neu zu erfinden.
Diese Haltung erinnert an die großen Modeschöpfer der Vergangenheit, deren Aussagen in unserer Sammlung legendärer Mode-Zitate von Lagerfeld, Chanel & Co. bis heute zitiert werden. Karl Lagerfeld sagte einmal: „Trends kommen und gehen, Stil bleibt.“ Hoschek scheint dieses












