Berliner Fashion Week 2019 Shows & Designer – Hauptstadt wird zur Modemetropole
22 Jahre Pause, eine Rückkehr auf den Berliner Laufsteg — und plötzlich war klar, was die Berliner Fashion Week wirklich ist: kein Anhängsel der großen Modemetropolen, sondern ein eigenständiges System mit eigener Logik, eigenen Regeln und einem wirtschaftlichen Rückgrat, das die meisten Außenstehenden komplett übersehen. Als Bogner nach zwei Jahrzehnten wieder in Berlin zeigte, war das kein nostalgisches Spektakel, sondern ein strategisches Signal. Wer es verstanden hat, versteht die Berliner Fashion Week besser als jede Besucherzahl es je ausdrücken könnte.
Drei Säulen, ein Missverständnis: Wie die BFW wirtschaftlich funktioniert
Die Berliner Fashion Week ist kein kompakter Runway-Block wie in Mailand oder Paris. Sie ist ein Plattform-Konstrukt aus drei parallelen Formaten, die jedes für sich genommen größer wirken als die Summe der Laufstege: Runway-Shows über die ganze Stadt verteilt, die Premium als zentrales B2B-Handelsevent mit rund 1.800 Ausstellern aus über 60 Ländern — und die Neonyt, hervorgegangen aus der Fusion von Greenshowroom und Ethical Fashion Show, als größte europäische Plattform für nachhaltige Mode mit eigenen GOTS- und Fair-Wear-Anforderungen an die Aussteller.
Das wirtschaftliche Rückgrat der BFW ist nicht der Laufsteg — es ist die Messe. Das B2B-Order-Volumen der Premium übersteigt das kommerzielle Gewicht aller Runway-Shows der Woche zusammen um ein Vielfaches. Buyer aus dem DACH-Raum, Skandinavien, Benelux und zunehmend aus Osteuropa nutzen die Premium als zentrale Ordermesse zwischen den großen Pariser und Mailänder Showrooms. Wer nur die Shows sieht, sieht weniger als die Hälfte dessen, was Berlin als Modeplattform ausmacht. Einen strukturell ähnlichen Blick hinter die Kulissen einer einzelnen Modenschau bietet die Reportage zum Format von Marcel Ostertag.
Berlin ist nicht das Schaufenster der Modeindustrie. Berlin ist das Labor. Wer hier zeigt, testet. Wer in Paris zeigt, verkauft.
Ein weiterer struktureller Einschnitt, der oft unterschätzt wird: Als Mercedes-Benz das Hauptsponsoring beendete, verschwand das ikonische MB-Zelt am Brandenburger Tor — ein Symbol, das über ein Jahrzehnt das visuelle Gesicht der BFW geprägt hatte. Was zunächst wie ein Rückschritt wirkte, entpuppte sich als Befreiungsschlag. Die Shows verteilten sich über die Stadt: Kraftwerk Berlin, E-Werk, Westhafen, private Hotelballsäle, experimentelle Clubs. Diese Dezentralisierung ist heute ein Markenzeichen — und unterscheidet Berlin fundamental von jeder anderen Modewoche der Welt. Parallel hat das 2015 gegründete Fashion Council Germany die Lücke des Konzern-Sponsorings strukturell gefüllt, indem es Designerförderung, Mentoring und politische Lobbyarbeit unter einem Dach bündelte.
Auf einen Blick:
- BFW = Runway-Shows + Premium-Messe + Neonyt (Nachhaltigkeitsplattform)
- Wirtschaftsmotor ist die B2B-Messe, nicht der Laufsteg
- Dezentralisierung nach Ende des MB-Sponsorings als Stärke
- Fashion Council Germany ersetzt Konzern-Sponsoring durch institutionelle Förderung
- Rund 60.000 Besucher pro Saison — andere Disziplin als Paris, nicht schlechtere
Die Designer, die das Format prägen: Drei Strategien, eine Stadt
Bogner, Marina Hoermanseder, William Fan — drei Ansätze, drei Karrierewege, drei sehr unterschiedliche Definitionen davon, wie deutsche Mode heute funktioniert. Wer diese drei versteht, versteht die BFW besser als jede Übersichtsstatistik.
Bogner: Heritage als Comeback-Strategie
Die Rückkehr von Bogner auf den Berliner Laufsteg nach über zwei Jahrzehnten war kalkuliertes Brand-Building. Eine Traditionsmarke mit starker Sportswear-DNA nutzte die BFW, um international wieder sichtbar zu werden — ohne sofort auf Mailand oder Paris setzen zu müssen. Der Laufsteg als Repositionierungs-Instrument, nicht als Verkaufskanal. Das Kraftwerk Berlin als Location war keine Zufallswahl: Die Industriearchitektur des Gebäudes spiegelt genau jene Spannung zwischen Tradition und Avantgarde wider, die Bogner als Marke neu definieren wollte. Dieses Modell — Heritage-Marke nutzt Berlin als Testbühne vor dem internationalen Rollout — ist übertragbar und wird zu selten kopiert. Die Sport-Couture-Crossovers aus der Show wanderten anschließend in die kommerziellen Hauptkollektionen, ein Muster, das bei Nike und Puma in vergleichbarer Form zur Strategie geworden ist.
Marina Hoermanseder: Von Berlin auf den Red Carpet
Hoermanseder ist das überzeugendste Argument gegen die These, Berlin sei zu klein für internationale Karrieren. Ihre Lederriemen-Korsagen — ein unverwechselbares Signatur-Element — trugen Lady Gaga und Beyoncé, bevor der Name in den deutschen Feuilletons fest etabliert war. Als erste BFW-Designerin listete sie bei Net-a-Porter, einem der selektivsten globalen Luxus-E-Tailer überhaupt. Ihre Schlaraffenland-Inszenierung im Kraftwerk Berlin war mehr Performancekunst als klassische Modenschau — Lebkuchenherzen, Bühnenarchitektur, immersive Räume. Der Weg führte von Berlin direkt auf internationale Red Carpets, ohne Umweg über Mailand. Wer verstehen will, wie die Fashion Week Mailand im Vergleich strukturiert ist, erkennt sofort, warum Hoermanseders Strategie auf Berlin angewiesen war — und nicht auf die dortige Konkurrenz mit Gucci, Prada oder Dolce & Gabbana.
William Fan: Die Show als Theaterstück
William Fan bricht konsequent mit dem klassischen Runway-Format. Seine Shows sind immersive Theaterstücke, in denen gender-fluide Silhouetten und Streetwear-Couture-Crossover nicht präsentiert, sondern erlebt werden. Das ist näher an Kunstperformance als an Verkaufspräsentation. Und genau deshalb funktioniert es in Berlin, wo diese Ambiguität kein Problem ist, sondern Programm. Für Labels wie NA-KD oder Zalando, die die BFW gezielt als Bühne für Influencer-Kooperationen nutzen, wäre Fans Format undenkbar — in Mailand ebenso wie im eigenen Portfolio.
| Designer | Stilrichtung | Strategischer Ansatz |
|---|---|---|
| Bogner | Sportswear / Heritage Luxury | Runway als Repositionierungsinstrument nach langer Pause |
| Marina Hoermanseder | Couture mit Lederriemen-Signatur | Berlin als Sprungbrett auf internationale Red Carpets |
| William Fan | Gender-fluide Streetwear-Couture | Show als immersives Theaterstück |
| Lena Hoschek | Retro / Vintage-Glamour | Markenführung über Storytelling und Influencer-Reichweite |
| Riani | Premium Womenswear | Wachstum über Multibrand-Retail statt Flagship |
| Dawid Tomaszewski | Femininer Luxus | Positionierung zwischen BFW und internationalem Wholesale |
Warum Berlin nie Paris wird — und das der eigentliche Vorteil ist
Die Zahlen sind eindeutig: Die BFW zieht pro Saison rund 60.000 Besucher. Die Pariser Fashion Week bewegt über eine Million wirtschaftlich Beteiligte und einen Umsatzhebel im zweistelligen Milliardenbereich. Das ist kein Vergleich — das sind zwei verschiedene Disziplinen. Wer Berlin daran misst, misst Leichtathletik an Formel-1-Rundenzeiten.
Die großen deutschen Namen — Hugo Boss, Jil Sander, Wolfgang Joop — haben Berlin längst Richtung Mailand und Paris verlassen. Das ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Spezialisierung. Berlin filtert. Wer den Sprung schafft, geht weiter. Wer bleibt, baut sich eine treue Nische auf. Marken wie Gucci oder Dior haben Berlin nie gebraucht — sie haben die Stadt höchstens als zusätzliche PR-Bühne genutzt, etwa über Dior Beauty-Aktivierungen oder das Showcasing aktueller Dior Taschen.
Berlin und New York: Die einzige sinnvolle Parallele
Das Modell, das Berlin am ehesten entspricht, ist New York: Dort existieren neben den großen Häusern unabhängige Designer wie Donna Karan / DKNY mit eigenem Publikum und eigener Relevanz — ohne dass Paris-Prestige die einzige Währung ist. Berlin ist das europäische Äquivalent dieser Logik. Wer tiefer in die New Yorker Modeszene einsteigen möchte, findet einen ausführlichen Guide zu Mode und Shopping in New York und ergänzend zum Luxus-Shopping in New York.
Das Wichtigste in Kurzform:
- Berlin und New York funktionieren nach derselben Logik: Relevanz ohne Paris-Prestige
- Große deutsche Labels verlassen Berlin Richtung Mailand — das ist Erfolg, kein Versagen
- BFW filtert Talente, die später weltweit Karriere machen
- Neonyt positioniert Berlin als globale Referenz für nachhaltige Mode
Front Row, Ästhetik und die Mechanik der Berliner Aufmerksamkeit
Eine Modenschau ohne Front-Row-Besetzung ist heute kaum denkbar — doch Berlin hat sich einen eigenen Mix erarbeitet, der sich von Paris fundamental unterscheidet. Stefanie Giesinger, Toni Garrn, international Winnie Harlow oder Lottie Moss, gelegentlich Hollywood-Gesichter — und regelmäßig Teilnehmerinnen und Gewinnerinnen aus GNTM, entweder als Models auf dem Laufsteg oder als Gesichter in der ersten Reihe. Diese Durchlässigkeit ist kein Zufall. Sie ist Konzept.
Während die Front Row in Paris fast ausschließlich aus A-Listern und internationalen Chefredakteurinnen besteht, sitzt in Berlin die aufstrebende Influencerin neben der Modejournalistin. Marken wie ZOEVA nutzen die BFW gezielt als Bühne für Influencer-Kooperationen — ein Format, das in Mailand in dieser Form undenkbar wäre. Auch Massmarket-Player wie Pimkie oder Denim-Häuser wie Diesel nutzen Berliner Side-Events, um direkt am Endkunden zu testen, was die großen Jeans-Marken sonst nur über Wholesale-Kanäle messen.
Berliner Ästhetik: Was auf dem Laufsteg entsteht und woher es kommt
Was bleibt von einer Saison? Selten die Hauptkollektion — fast immer das Detail. Ein bestimmter Cut, eine Farbpalette, ein Material. In Berlin sind es die unkonventionellen Inszenierungen, die kopiert werden: gender-fluide Silhouetten, Sneaker zum Abendkleid, Sport-Couture-Crossover. Auch in der Herrenmode hat Berlin früh gezeigt, dass Tailoring und Streetwear nicht im Widerspruch stehen müssen.
Tierprints, Lederriemen, Korsagen, Rüschen — die Berliner Bühne ist mutiger als die Pariser, aber kommerziell weniger zugänglich als die Mailänder. Wer die wichtigsten Print-Codes einordnen will, sollte den Guide zu Tiermustern wie Leopard und Zebra kennen. Auch Referenzen wie der Rockabilly-Look oder ikonische Pieces wie High Heels mit roter Sohle tauchen auf Berliner Laufstegen regelmäßig als bewusste Mode-Zitate auf — ganz so wie die berühmten Mode-Zitate von Lagerfeld und Chanel es beschreiben. Selbst Edelstein-Akzente wie Painit finden über Schmuck-Kooperationen ihren Weg auf den Berliner Runway.
Checkliste: So liest man eine Fashion-Week-Show wie ein Profi
- ✓ Achte auf das erste und das letzte Outfit — sie definieren den Spannungsbogen der gesamten Kollektion
- ✓ Beobachte die Schuhe: Sie verraten die kommerzielle Strategie der Marke besser als jede Pressemitteilung
- ✓ Notiere wiederkehrende Materialien — sie tauchen in der Folgesaison als Trend auf
- ✓ Wer sitzt in der Front Row? Die Gästeliste sagt mehr über die Markenpositionierung als jede Kollektion
- ✓ Achte auf das Casting der Models —
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