IVANMAN: Männermode aus der Hauptstadt – Fashion Week Berlin
Während die meisten Berliner Designer im Januar 2010 noch über Streetwear und Subkultur sprachen, gründete ein 28-jähriger ESMOD-Absolvent ein Männermode-Label, das Avantgarde mit klassischer Schneidertradition verschmolz – und damit fast im Alleingang die Wahrnehmung Berliner Menswear veränderte. Ivan Mandzukic, besser bekannt als IVANMAN, gehört heute zu den prägendsten Stimmen der deutschen Herrenmode und beweist Saison für Saison, dass die Hauptstadt nicht nur Streetwear, sondern auch architektonisch durchdachte Männermode kann.
Vom ESMOD-Studenten zum Berliner Eigengewächs
Ivan Mandzukic studierte an der ESMOD Berlin – jener Schule, die seit 1841 in Paris weltweit Designer:innen ausbildet und deren Berliner Dependance seit 1994 als Talentschmiede deutscher Mode gilt. 2010, direkt nach dem Abschluss, wagte er den Sprung ins eigene Label. Was viele junge Designer in den ersten zwei Jahren scheitern lässt – fehlende Handschrift – hatte Mandzukic von Anfang an: eine klare Vision für Männer, die sich nicht zwischen „Anzug“ und „Casual“ entscheiden wollen, sondern eine dritte Sprache suchen.
Dass IVANMAN nicht nach Mailand oder Paris abwanderte, ist bewusste Entscheidung. Berlin ist für das Label nicht Notlösung, sondern Programm. Die rauen Texturen, die ungewohnten Farbkombinationen und die scheinbar unfertigen Säume sind nur in einer Stadt denkbar, in der Architektur, Beton und Industriekultur den Alltag prägen. Ein Blick auf die Fashion Week Mailand zeigt sofort den Kontrast: Wo italienische Designer Eleganz perfektionieren, dekonstruiert Mandzukic sie – und setzt sie neu zusammen.
Der IVANMAN-Stil: Geometrie als Statement
Wer eine IVANMAN-Kollektion analysiert, erkennt drei wiederkehrende Elemente: klare Linien, minimalistische Silhouetten und grafisch-geometrische Details. Klingt nach japanischer Schule à la Yohji Yamamoto, ist aber pragmatischer. Mandzukic verzichtet auf Drama im Volumen und konzentriert sich auf Schnitt und Proportion. Ein Mantel ist bei IVANMAN selten nur Mantel – er ist eine Studie über die Verlängerung der Schulterlinie, die Verschiebung der Knopfleiste, die Asymmetrie des Revers.
Besonders auffällig: der Umgang mit Farbe. Während konservative Männermode bei Marineblau, Anthrazit und Camel haltmacht, mischt Mandzukic Pastelltöne mit Erdfarben, setzt Senf gegen Aubergine, kombiniert Petrol mit Ziegelrot. Wer sich von grafischen Mustern wie Animal-Prints inspirieren lässt, findet bei IVANMAN das männliche Pendant: Geometrie statt Tier, Fläche statt Fleck.
„Farben sind mein Werkzeug, ich liebe sie alle.“ – Ivan Mandzukic
Dieses Zitat ist mehr als Floskel. Es erklärt, warum IVANMAN-Männer nicht aussehen wie aus dem Anzug-Showroom, sondern wie kuratierte Persönlichkeiten. Ein senffarbener Pullover über einer kobaltblauen Hose – bei den meisten Designern wäre das Modesünde. Bei Mandzukic wird es Signature.
Fashion Week Berlin: Die Show im E-Werk
Während andere Labels in den klassischen Zelten am Brandenburger Tor zeigen, inszenierte IVANMAN seine 2019er-Schau in einer Lounge des E-Werks – jenem ehemaligen Umspannwerk an der Wilhelmstraße, das seit den 90ern Berliner Clubgeschichte schreibt. Die Wahl ist kein Zufall: Industrielle Architektur, hohe Decken, harter Beton. Genau die Bühne, die zu IVANMANs Ästhetik passt.
Spannend war auch das Show-Format. Während traditionelle Modenschauen mit langem Catwalk und Fotograf:innen-Pit funktionieren, drehte IVANMAN das Konzept um: Eine zentrale Bühne in der Mitte, das Publikum darum herum. Die Models stiegen vor den Augen der Gäste auf das Podest, blieben dort fast statuenhaft stehen und ließen sich aus 360 Grad betrachten. Wer schon einmal eine klassische Modenschau wie die von Marcel Ostertag gesehen hat, erkennt sofort den Unterschied: Hier ging es nicht um den Walk, sondern um die Skulptur. Die Kleidung als Objekt, der Mann als Statue – ein Format, das man eher aus zeitgenössischer Kunst als aus der Modewelt kennt.
Die 2019er-Kollektion arbeitete mit ungewohnten Materialkombinationen: Wolle traf auf technische Synthetik, weiches Cord auf glatten Mantelstoff, matte Oberflächen auf glänzende Akzente. Farblich dominierten gedämpfte Töne – Salbei, Rost, gebrochenes Weiß – durchbrochen von einzelnen Signalfarben. Genau diese Disziplin, nicht alles auf einmal zu wollen, unterscheidet IVANMAN von vielen Berliner Konkurrenten.
Warum Berliner Männermode anders tickt
Berlin hat in der Männermode lange unter dem Klischee gelitten, nur Streetwear, Techno-Ästhetik und schwarze Kapuzenpullover hervorzubringen. IVANMAN, William Fan und einige wenige andere haben dieses Bild aufgebrochen. Sie zeigen, dass es eine deutsche Antwort auf Dior oder Gucci geben kann – nicht durch Kopie, sondern durch eigenständige Handschrift.
Im Vergleich zu international etablierten Häusern wie Dolce & Gabbana, die mit barocker Üppigkeit arbeiten, oder Prada, das intellektuelle Strenge zelebriert, positioniert sich IVANMAN dazwischen: konstruktiv, aber nicht kalt. Wie wir im Artikel zu den Modemarken mit D zeigen, ist die internationale Designer-Landschaft inzwischen so dicht, dass Eigenständigkeit der entscheidende Wettbewerbsvorteil ist – und genau hier punktet das Berliner Label.
Was IVANMAN von Mainstream-Menswear unterscheidet
- Schnitt vor Logo: Keine sichtbaren Branding-Elemente, keine Monogramme – die Identität entsteht durch Form, nicht durch Schriftzug.
- Farbmut ohne Lautstärke: Pastell- und Erdtöne in Kombinationen, die kein Massenhersteller riskieren würde.
- Materialmix als Konzept: Innerhalb eines Looks treffen oft drei bis vier unterschiedliche Stoffe aufeinander – kontrolliert, nicht zufällig.
- Asymmetrie als Detail: Knopfleisten, Säume, Taschen sitzen oft minimal verschoben – ein Code für Kenner:innen.
- Berliner DNA: Industrielle Härte trifft auf handwerkliche Präzision.
Vergleich: Berliner Menswear-Designer im Überblick
| Designer | Gründungsjahr | Stilrichtung | Signature-Element |
|---|---|---|---|
| IVANMAN | 2010 | Avantgarde-Klassik | Geometrie & Farbmut |
| William Fan | 2015 | Genderfluid Tailoring | Asiatische Einflüsse |
| Hien Le | 2010 | Minimalismus | Reduzierte Silhouetten |
| Vladimir Karaleev | 2007 | Konzeptuelle Mode | Drapierungen |
Auffällig: Die Mehrheit dieser Labels startete zwischen 2007 und 2015 – jenem Zeitfenster, in dem Berlin sich endgültig vom „billig, aber sexy“ zur ernstzunehmenden Modemetropole entwickelte. IVANMAN war einer der ersten, der konsequent auf Männermode setzte, während viele Kolleg:innen noch zwischen Damen- und Herrenkollektionen schwankten.
Wie man IVANMAN im Alltag trägt
Ein häufiger Einwand gegen Avantgarde-Mode: zu konzeptuell für den Alltag. Bei IVANMAN stimmt das nur bedingt. Die Schauenstücke sind oft kompromisslos, die Hauptkollektion aber durchaus alltagstauglich. Drei Empfehlungen, wenn man ins Universum einsteigen möchte:
- Der Mantel als Investment: IVANMAN-Mäntel sind das Einstiegsstück schlechthin – architektonisch geschnitten, neutral genug für den Job, distinkt genug für den Abend.
- Der Pullover mit Statement-Farbe: Einfacher Schnitt, ungewöhnliche Farbe – funktioniert über Hemd oder T-Shirt.
- Die Hose mit Detail: Cropped Length, ungewöhnlicher Bund oder asymmetrische Tasche – kombinierbar mit klassischen Sneakern.
Wer sich generell für aktuelle Männermode-Tendenzen interessiert, findet weiterführende Inspiration auch in unseren Beiträgen zu aktuellen Jeans-Marken sowie zu Sportswear-Riesen wie Nike












