Maximilian Gedra x Berlin Fashion Week 2024: Leder, Lack & Stacheln
Während ein einziger Bureau-Betak-Showaufbau in Paris bei 250.000 Euro startet, produziert Maximilian Gedra eine komplette Berlin-Fashion-Week-Schau für rund 25.000 Euro — und liefert ästhetisch trotzdem ab. Stacheln so lang wie eine Streichholzschachtel, Lack der unter Showlights wie flüssiges Quecksilber wirkt, Models die nicht laufen, sondern schreiten: Seine Herbst/Winter-Schau in Berlin-Charlottenburg war keine höfliche Modepräsentation, sondern eine Kampfansage an die brave deutsche Konfektionsmode. Und vor allem: der erste ernstzunehmende Versuch, in Berlin eine kompromisslose Avantgarde-Handschrift zu etablieren, ohne dafür wie alle Vorgänger der Stadt den Rücken kehren zu müssen. Genau das ist die eigentliche Story — nicht das Budget, sondern die strategische Wette gegen den Paris-Reflex. Ein Überblick über das gesamte Spektrum der Saison findet sich in unserer Modetrends-Zusammenfassung der Berlin Fashion Week 2024.
Weißensee-Schule: Warum Gedras Nähte sitzen
Maximilian Gedra studierte an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee Modedesign — der gleichen Schule, aus der zuvor Designer wie Esther Perbandt und das Team hinter Hien Le hervorgingen. Weißensee ist neben der UdK und der Antwerpener Royal Academy einer der wenigen Orte, an denen konsequent technisch gearbeitet wird. Konkret: Studierende drapieren am Körper, bevor sie überhaupt einen Schnitt im 3D-Programm aufrufen dürfen. Diese Reihenfolge ist der Grund, warum Weißensee-Absolventen in internationalen Ateliers begehrt sind. Wer sich mit dem Schritt in die Selbstständigkeit nach dem Studium beschäftigt, findet in unserem Beitrag zu selbstständig werden als Designer im High-Fashion-Bereich konkrete Orientierung.
Ablesbar ist das an Gedras Schnittarbeit im ersten Look der Schau: Die Nähte sitzen, die Vorderkanten fallen, die Ärmelkugel ist sauber eingedreht. Das ist kein Detail für Insider, sondern der Unterschied zwischen einem Designer, der bleibt, und einem, der nach zwei Saisons verschwindet. Wer überlegt, selbst in dieses Umfeld einzusteigen — sei es als Designer oder vor der Kamera — findet in unseren Beiträgen zu Model werden, Model Casting, Model Bewerbung und Model Jobs die handwerklichen Grundlagen. Gedras Casting bewegt sich bewusst außerhalb dieser klassischen Pfade: Soundtrack ein eigens produzierter Score mit verzerrten Streichern, Casting-Director aus der Berliner Subkultur rekrutiert, nicht aus dem Modelagentur-Pool. Ein Vergleich mit den eher mainstreamigen Casting-Routinen von GNTM macht den Bruch sofort sichtbar.
Material-Realität: Toskanisches Lackleder als Cashflow-Killer
Wer Gedras Ästhetik verstehen will, muss zwei Berliner Welten zusammendenken: das Türsteher-Regiment am Berghain, das eine ungeschriebene Designsprache aus Schwarz, Leder und Funktionalität definiert, und die handwerkliche Präzision europäischer Couture-Häuser. Sven Marquardt ist hier kein Zufallsverweis: Gelernter Modefotograf, ab 1989 für das DDR-Magazin Sibylle aktiv, seine Arbeiten liegen im Bestand des Kunstgewerbemuseums Berlin und der Berlinischen Galerie. Die Berghain-Ästhetik ist also längst musealisiert — was ihre Übersetzung in Couture-Codes nicht nur legitim, sondern fast überfällig macht. Einen ähnlich konsequenten Ansatz, der Underground-Ästhetik mit Schnittdisziplin verbindet, zeigt auch Richert Beil auf der Berlin Fashion Week 2024.
Die Kollektion zerfällt in drei Materialwelten: hochglänzender Lack in tiefem Schwarz und gedämpftem Burgund, weiches Nappaleder in skulpturalen Schnitten und metallische Stacheln, die wie Insektenpanzer auf Schultern und Hüften thronen. Was viele Kritiker übersehen: Echtes Lackleder, sogenanntes Patent Leather, kostet im Großhandel ab 80 Euro pro Quadratmeter und kommt fast ausschließlich aus toskanischen Gerbereien wie Conceria Walpier oder Conceria Il Ponte in Quarrata. Die Mehrheit aller Lack-Pieces auf den Laufstegen besteht aus Polyurethan-beschichteten Imitaten — Gedra geht hier konsequent den teuren Weg. Bei Mindestabnahmen von 30 bis 50 Quadratmetern und Vorlaufzeiten zwischen sechs und acht Wochen ist das für ein junges Label ein Cashflow-Killer.
Die Stacheln selbst sind übrigens kein Galvanik-Massenteil, sondern werden nach Gedras Aussage in einem brandenburgischen Metallbaubetrieb aus Edelstahl gedreht und einzeln punktverschweißt. Wer das mit den Schraub-Pyramiden vergleicht, die bei Streetwear-Marken im Rockabilly-Look oder in Punk-Adaptionen verwendet werden, sieht den Unterschied sofort: Gedras Stacheln sind massiv, nicht hohl.
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Genderfluide Schnittführung: Mehr als ein Marketingbegriff
Gedra bricht systematisch mit Geschlechternormen — aber nicht über Cast-Diversität, sondern über die Konstruktion selbst. Die Schulterlinie der Damen-Looks misst 46 bis 48 Zentimeter und liegt damit auf männlichem Standardmaß; die Herren-Mieder folgen einer femininen Taillenführung mit Abnähern unterhalb der Brust. Was als Damenmode beginnt, kippt im nächsten Look in Herrenmode, und umgekehrt. Diese fließende Logik verbindet ihn mit Häusern wie Rick Owens oder Ann Demeulemeester — aber mit einem genuin berlinerischen Twist. Während Owens in Paris eine fast spirituelle Schwere kultiviert, bleibt Gedra urban, härter, technischer. Seine Korsagen sind keine romantische Referenz an die Belle Époque, sondern Schutzpanzer für die Großstadt. Wer den ruhigen Kontrapunkt sucht, findet in unserer Sammlung von Mode-Zitaten von Lagerfeld bis Chanel die andere Seite — Gedra steht im genauen Kontrast dazu. Einen interessanten Vergleichspunkt innerhalb der gleichen Saison liefert auch Bobkova mit ihrer japanischen Schnittdisziplin auf der Berlin Fashion Week 2024.
„Eine Korsage ist keine Einschränkung. Eine Korsage ist eine Entscheidung, sichtbar zu sein. In Berlin trägt man sie nicht zum Diner, sondern zur Verteidigung.“ — Maximilian Gedra, Backstage
Auf einen Blick — die DNA der Kollektion:
- Drei Materialien, maximal zwei pro Look
- Toskanisches Patent Leather statt PU-Imitat
- Schulterlinien auf männlichem Standardmaß, Taillen feminin geführt
- Stacheln aus massivem Edelstahl, punktverschweißt
- Show-Tempo bewusst halbiert auf rund 14 Sekunden pro Look
Die drei Schlüssel-Looks und ihre handwerklichen Referenzen
Eine Avantgarde-Schau lebt nicht von der Quantität, sondern von Pieces, die ikonisch genug sind, um als Einzelstücke in fremden Stylings zu funktionieren. Genau hier liegt Gedras kommerzielles Kalkül: Ein Stachel-Gürtel oder ein Lack-Cape kann in völlig andere Looks integriert werden — und wandert so über Stylisten in Editorials, ohne dass je ein Komplettlook verkauft werden muss. Dieses Modell hat Demna Gvasalia bei Vetements perfektioniert, lange bevor er Balenciaga übernahm. Es ist das einzig funktionierende Geschäftsmodell für ein junges Avantgarde-Label ohne Konzern im Rücken — und der Grund, warum Gedras Ansatz ökonomisch tragfähiger ist als der vieler Vorgänger der Berliner Avantgarde-Linie um Kostas Murkudis, Bernhard Willhelm oder Vladimir Karaleev, die alle erst nach einem Wechsel nach Paris internationale Reichweite gewannen. Wer parallel andere Berliner Designer-Handschriften sucht, sollte sich die Modenschau-Arbeit von Marcel Ostertag ansehen — eine Position, die das Spektrum der Hauptstadt-Mode jenseits von Gedra aufspannt. Ein Blick auf die Modemarken-Übersicht zeigt zusätzlich, in welcher Liga Gedra spielt — und in welcher noch nicht. Wer verstehen will, wie sich die Berliner Avantgarde-Szene über mehrere Saisons entwickelt hat, findet in unserem Rückblick auf die Berlin Fashion Week Sommer 2023 einen aufschlussreichen Vergleichspunkt.
Look 1: Der Lack-Trenchcoat
Ein Trenchcoat in tiefschwarzem Lack, der die klassischen Burberry-Codes der 1920er auf den Kopf stellt. Statt Gabardine: glänzender Lack. Statt beiger Diskretion: aggressive Reflexion. Die Schultern sind architektonisch erhöht, die Taille mit einem breiten Lackgürtel zusammengefasst. Wer historische Trenchcoat-Konstruktion kennt, sieht: Gedra behält das Storm-Flap-Detail bei, transformiert es aber in ein dekoratives Element. Das D-Ring-Detail am Gürtel — ursprünglich für Handgranaten — wird zur reinen Hardware-Anmutung. Das ist Designhandwerk, kein Zitatenspiel. Kombiniert wurde der Look mit überknielangen Stiefeln in Lack-Optik, deren Silhouette an die High Heels mit roten Sohlen von Louboutin erinnert, ohne deren Codes direkt zu zitieren.

Look 2: Das Stachel-Korsett — und die Mr.-Pearl-Frage
Ein Mieder mit Metallstacheln, das gleichzeitig schützt und bedroht. Die Mugler-Referenz ist offensichtlich — Manfred Thierry Mugler arbeitete für seine Couture-Kollektion „Les Insectes“ mit Spezialisten wie Mr. Pearl an Metallkorsetts, deren Stücke heute im Musée des Arts Décoratifs Paris liegen. Mark Erskine, branchenintern als Mr. Pearl bekannt, arbeitet seit Jahren fast ausschließlich für John Galliano im Rahmen der Margiela-Artisanal-Linie und ist über persönliche Empfehlung praktisch nicht mehr buchbar. Einen faszinierenden Einblick in Gallianos Arbeit auf diesem Niveau bietet unser Beitrag zu den Haute Couture Shows in Paris 2024.
Die handwerkliche Schwierigkeit liegt im Inneren: Ein professionelles Korsett besteht aus zwölf bis vierundzwanzig Bahnen Coutil-Innenfutter, in die Spiralstahl an gebogenen Stellen und Federstahl an geraden Stellen eingearbeitet wird. Wer das ohne diese Kenntnis fertigt, produziert Kostüm, keine Konstruktion. Wer eine Metallkorsage in dieser Qualität will, arbeitet entweder mit Ateliers wie Sylvain Nuffer oder direkt mit Kostümbildnerinnen aus der Opernwelt — Bayreuth, Wiener Staatsoper, Bayerische Staatsoper sind die drei Adressen, die Branchenkenner nennen. Gedras Mieder steht in einer Linie, deren Zugang künstlich verknappt ist — und geht weiter als Mugler: Während Mugler glamourös war, ist Gedra konfrontativ.
Look 3: Die Lederrobe
Bodenlange Robe aus weichem Nappaleder mit dramatischem Cape-Element. Zeigt, dass Gedra nicht nur provozieren, sondern auch ernsthaft Volumen modellieren kann — ein Können, das man sonst nur bei Couture-Häusern mit jahrzehntelanger Tradition findet. Vergleichbare Cape-Konstruktionen kennt man von Dolce & Gabbana oder aus den Alta-Moda-Schauen italienischer Maisons. Die Materialkosten für eine solche Robe — bei vegetabil gegerbtem Buttero-Leder aus Quarrata zu etwa 12 bis 15 Euro pro Quadratdezimeter — liegen rohstofflich schnell zwischen 2.500 und 4.000 Euro. Buttero ist ein Pflanzgerbe-Leder mit 60 Tagen Gerbzeit, das in der Lederwarenbranche als Benchmark gilt. Gedra positioniert sich rohstofflich auf Couture-Niveau, lange bevor Arbeitsstunden, Marge oder Showroom-Kosten eingerechnet sind. Wer einen thematisch verwandten Berliner Ansatz mit düsteren, materialstarken Looks sucht, sollte auch einen Blick auf Haderlump auf der Berlin Fashion Week 2024 werfen.

Fotos: Gillian Neumann
- ✓ Lack-Trenchcoat: Burberry-Code radikal umgedreht, Storm-Flap dekorativ
- ✓ Stachel-Korsett: direkte Linie zu Mugler „Les Insectes“, Coutil mit Spiralstahl
- ✓ Lederrobe: 2.500–4.000 € reine Materialkosten, Buttero-Leder aus Quarrata
- ✓ Drei Materialien, maximal zwei pro Look — Gedras eigene Stilregel
- ✓ Show-Tempo halbiert: bewusste Slow-Walk-Choreografie als Markenzeichen
Das 1:10-Budget-Verhältnis: Berlin gegen Paris
Um Gedras Position einzuordnen, hilft ein nüchterner Blick auf das Spielfeld. Häuser wie Dior, Prada oder Gucci operieren mit Marketingbudgets im hohen zweistelligen Millionenbereich. Gedra arbeitet mit einem Bruchteil davon — und liefert ästhetisch trotzdem ab. Die Förderlinie „Berlin Contemporary“ des Fashion Council Germany umfasst pro Saison nur acht bis zehn Designer und z












