Dzhus x Berlin Fashion Week 2024: Nachhaltige avantgarde Mode
Sechzehn dokumentierte Trageweisen aus einem einzigen Mantel, dreißig Prozent des Umsatzes dauerhaft an ukrainische Tierschutzorganisationen, eine Produktion, die in Kyiv mit Generatoren gegen Stromausfälle ankämpft — Irina Dzhus liefert auf der Berlin Fashion Week die kompromissloseste Antwort, die die Avantgarde-Mode auf das Überproduktionsproblem der Branche bisher gefunden hat. Während andere Häuser zwischen Mailand und New York von Capsule zu Capsule taumeln, baut Dzhus seit der Gründung in Kyiv modulare Architekturen aus Stoff, die das Verhältnis zwischen Käuferin und Kleiderschrank fundamental verschieben. Die Show im Rahmen des Reference Festivals war keine Modenschau im klassischen Sinn — sie war eine technische Demonstration unter Kriegsbedingungen.
Die Designerin tritt selbst auf den Laufsteg, geht an die Models heran und transformiert deren Outfits in Echtzeit. Ein Mantel wird in unter zwei Minuten zur Bolero-Weste, das Kleid zur strukturierten Schultertasche. Aus einem Look werden zwei. Manchmal drei. Manchmal sechzehn. Genau hier liegt der Bruch zu allem, was sonst auf den großen Schauen zwischen Mailand und Paris passiert — und genau hier liegt der Grund, warum Dzhus-Stücke längst im Modemuseum Antwerpen hängen, während andere Berliner Newcomer noch um Pressefotos kämpfen.

Warum Dzhus den Mercedes-Benz-Schedule meidet
Dzhus läuft in Berlin nicht im offiziellen Mercedes-Benz-Schedule, sondern auf dem Reference Festival — der Off-Plattform, die Mumi Haiati gegründet hat. Haiati ist kein Newcomer: Seine Agentur Reference Studios betreut die PR von Balenciaga, Vetements und Acne Studios, das Festival ist die natürliche Erweiterung dieses Netzwerks. Wer dort zeigt, sucht keine Massenpresse, sondern Buyer mit Konzeptverständnis, Kuratorinnen und Sammler. Auf derselben Plattform liefen in vergangenen Saisons Ottolinger, GmbH und Avellano — die Liga, in der Dzhus tatsächlich konkurriert. Einen umfassenden Überblick über das gesamte Berliner Showprogramm liefert unsere Zusammenfassung der Modetrends 2024 von der Berlin Fashion Week.
Im Publikum sitzt nicht die Influencer-Front-Row, sondern Einkäufer von Dover Street Market, Antonioli und H. Lorenzo. Eine grundsätzlich andere Zielsetzung als bei einer klassischen Modenschau mit Sponsorenwand. Die Brücke nach Westen kam für Dzhus übrigens nicht über London oder Paris. Das internationale Debüt fand auf der Mercedes-Benz Fashion Week Tbilisi statt — über Georgien, nicht über die klassischen Hauptstädte. Erst danach folgten Stationen in Kyiv, Berlin und im Showroom-Zirkel rund um die Pariser Modewoche. Diese georgische Route, die auch Demna Gvasalia und seine Generation geprägt hat, ist eine eigene Avantgarde-Geografie, die in westlichen Mode-Reportagen oft unterschlagen wird.
https://youtube.com/watch?v=8sJ9Fz1S0wQ
Reference Festival auf einen Blick
- Off-Plattform der Berlin Fashion Week, gegründet von Mumi Haiati (Reference Studios)
- Heimat osteuropäischer und konzeptueller Avantgarde-Labels
- Bisherige Teilnehmer: Ottolinger, GmbH, Avellano, Dzhus
- Publikum: Buyer von Dover Street Market, Antonioli, H. Lorenzo
- Funktion: Türöffner für Concept-Stores, nicht für Tagespresse
Vegan im Kriegszustand: Was Materialethik bei Dzhus konkret heißt
Wenn Marken heute „nachhaltig“ sagen, meinen sie meistens ein einzelnes Capsule oder eine recycelte Polyester-Linie. Dzhus arbeitet seit der Gründung ausschließlich vegan — kein Leder, keine Wolle, keine Seide, keine tierischen Klebstoffe. Das ist im Avantgarde-Segment eine extreme Seltenheit. Häuser wie Dior oder Dolce & Gabbana setzen weiterhin massiv auf tierische Materialien; selbst progressive Sportmarken wie Nike oder Puma bieten lediglich vereinzelte vegane Modelle. Eine Übersicht ähnlich positionierter Labels findet sich in unserer Sammlung der Modemarken mit D, in der auch Diesel als Gegenpol zur Avantgarde-Logik einsortiert ist.
Die Hauptmaterialien: recyceltes Polyester aus Industrieabfällen, Tencel aus zertifiziertem Holzanbau, Deadstock-Denim aus europäischen Webereien und pflanzlich gegerbte Lederalternativen auf Apfel- und Korkbasis. Das Apfelleder stammt unter dem Markennamen Frumat aus Bozen in Südtirol, produziert von der Firma Mabel SRL aus den Reststoffen der südtiroler Apfelsaftindustrie. Wichtig für eine ehrliche Einordnung: Frumat enthält neben dem Apfeltrester einen Polyurethan-Anteil von rund fünfzig Prozent — das Material ist vegan, aber nicht plastikfrei und nicht biologisch abbaubar. Die CO2-Bilanz liegt nach Herstellerangaben rund 80 Prozent unter der von chromgegerbtem Rindsleder. Genau diese Differenzierung macht den Unterschied zwischen sauberer Materialkommunikation und Greenwashing aus, wie es bei Plattformen zwischen Zalando und NA-KD kaum geleistet wird. Die Kollektionen sind PETA-Approved Vegan zertifiziert, der Frumat-Anteil zusätzlich USDA-Biobased-gelistet.
Produktion im Stadtteil Podil
Die Produktion findet weiterhin in Kyiv statt — im Stadtteil Podil, wo das Atelier in einem ehemaligen Industriekomplex sitzt. Die rund zwölf Näherinnen arbeiten teils aus geschützten Räumen, Generatoren überbrücken Stromausfälle, Stoffe werden über den Grenzübergang Korczowa-Krakovets aus Polen ein- und ausgeführt. Die Löhne liegen nach Angaben des Labels rund 40 Prozent über dem ukrainischen Branchenschnitt für Textilarbeiterinnen — ein Detail, das im „Made in Ukraine“-Marketing anderer Labels selten transparent gemacht wird. Dzhus ist eines der wenigen ukrainischen Häuser, die ohne EU-Förderung weiterproduzieren — finanziert über Direct-to-Consumer-Verkäufe und einen schmalen Ring internationaler Stockists wie Dover Street Market London, H. Lorenzo Los Angeles und Antonioli Mailand. Der monatliche Output liegt bei rund 80 bis 120 Stücken — ein Bruchteil dessen, was vergleichbar bepreiste Häuser wie Prada oder Gucci in derselben Zeit auf den Markt werfen.
„Ein Kleidungsstück sollte sich an das Leben anpassen, nicht das Leben an das Kleidungsstück. Alles andere ist Verschwendung.“ — Irina Dzhus
Hinzu kommt ein Punkt, den kaum eine andere Marke vorweisen kann: Dzhus spendet 30 Prozent des Umsatzes — nicht des Gewinns — an ukrainische Tierschutzorganisationen wie UAnimals und Happy Paw. Nicht ein Prozent, nicht eine Charity-Kapsel pro Saison, sondern ein dauerhafter Anteil an jeder verkauften Einheit. Im Vergleich zu klassischen Fair-Fashion-Anbietern oder zum Sortiment unter Pimkie ist das ein außergewöhnlicher Wert. Weitere Branchenstimmen zur Materialethik finden sich in unserer Sammlung an Mode-Zitaten.
Was vegane Mode bei Dzhus konkret bedeutet
- ✓ Keine tierischen Fasern (Wolle, Seide, Kaschmir, Angora, Mohair)
- ✓ Kein Leder, kein Pelz, keine Federn, keine Hörner oder Knochen
- ✓ Klebstoffe und Verstärkungen ohne tierische Bestandteile
- ✓ Knöpfe und Verschlüsse aus Metall, Holz oder Bio-Kunststoff
- ✓ PETA-Approved Vegan über die gesamte Produktionskette
- ✓ Lederalternativen aus Apfeltrester (Frumat), Kork und recyceltem Polyester
- ✓ Transparente Kommunikation zu PU-Anteilen und Mischmaterialien
Näher an Chalayan als an Prada
Wer Dzhus mit klassischen Luxushäusern wie Prada oder Gucci vergleicht, vergleicht falsch. Der echte Peer sitzt in London: Hussein Chalayan, dessen „Airmail Dress“ aus Tyvek sich in einen Briefumschlag falten lässt und dessen „Remote Control Dress“ Mode als technisches Objekt definiert hat. In dieser Liga spielt Dzhus — konzeptuelle Konstruktion als Designprinzip, nicht als saisonaler Spielereffekt. Vergleiche zu Issey Miyake oder Rei Kawakubo greifen zu kurz, weil dort mathematische Software und akademisches Pattern-Cutting im Zentrum stehen. Dzhus arbeitet rein per Hand.
Das hat Folgen für die Ästhetik: Das Ergebnis hat einen rauen, fast ingenieurhaften Charakter, der sich von akademisch geschulter Eleganz spürbar unterscheidet. Wer schon einmal eine Schau mit ähnlich strenger Schnittführung gesehen hat, erkennt sofort: Hier wird auf einer ganz anderen technischen Ebene gearbeitet — näher an Architektur als an Couture. Im Vergleich zur breiteren Markenlandschaft, wie sie unsere Übersicht der Modemarken A bis Z abbildet, sitzt Dzhus in einer eigenen, sehr schmalen Nische zwischen Konzeptkunst und tragbarer Skulptur — vergleichbar in der Eigenständigkeit nur mit dem amerikanischen Minimalismus rund um Donna Karan.
Das Konzept, mit dem das Label arbeitet, heißt im Branchenjargon „transformer garments“ — wandelbare Kleidungsstücke. Ein einzelnes Stück besitzt im Schnitt vier bis sieben Trageoptionen. In der Lookbook-Reihe rund um die Kollektion TRANSFORMATION wurden für ein einziges Teil sogar bis zu sechzehn dokumentierte Trageweisen verzeichnet. Reißverschlüsse trennen Panels ab, verdeckte Druckknöpfe verlagern Volumen, ganze Partien lassen sich umstülpen oder abnehmen. Wie das Konzept wandelbarer Kleidung bereits in der Vorsaison funktionierte, dokumentiert unser Bericht zur Dzhus-Schau der FW 2023.
Die drei Mechaniken hinter der Verwandlung
Drei technische Lösungen tauchen in fast jeder Dzhus-Kollektion auf: erstens die reversible Konstruktion mit zwei verschiedenen Außenseiten, zweitens das Detachable-Panel-System mit verdeckten Verbindungen über Snap-Tape und YKK-Excella-Reißverschlüssen, drittens die Volume-Shift-Technik, bei der durch Schnüren oder Falten von Stoffbahnen komplett neue Silhouetten entstehen. Die YKK-Excella-Reißverschlüsse sind dabei kein Detail am Rand — sie sind das technische Rückgrat. Es handelt sich um die japanische Premium-Linie, die auch Tom Ford und Bottega Veneta verbauen; ein 60-Zentimeter-Excella kostet im Einkauf rund 18 Euro, ein normaler YKK liegt bei zwei. Wer einen Dzhus-Mantel öffnet, hört diesen Unterschied.
Diese Logik wurde nicht erst für Berlin entwickelt. Sie geht zurück auf frühere Kollektionen wie INERTIA, SUBORDINATION und das ikonische EXOSKELETON, mit dem Dzhus den „Black Sheep Award“ der Plattform Not Just A Label gewann. Dieser Preis, vergeben durch Stefan Siegel, war der eigentliche Türöffner zu Dover Street Market und in den internationalen Concept-Store-Kreis — nicht die Berliner Schauen, nicht Paris, sondern eine kuratierte Online-Plattform. EXOSKELETON wurde komplett aus Deadstock-Möbelstoffen genäht, lange bevor „Deadstock“ ein Marketingbegriff wurde. Wer Dzhus heute Greenwashing vorwerfen wollte, hätte ein Datierungsproblem.
Dzhus vs. Avantgarde-Wettbewerb im direkten Vergleich
| Label | Material-Ethik | Trageoptionen | Preis Mantel |
|---|---|---|---|
| Dzhus | 100% vegan, Deadstock + Frumat | 4–16 pro Stück | 850–2.400 € |
| Hussein Chalayan | Tech-Fokus, gemischt | 1–3 pro Stück | 1.800–4.500 € |
| Issey Miyake | Synthetik-Fokus | Faltlogik, kein Modul | 1.200–3.000 € |
| Comme des Garçons | gemischt, kein Vegan-Fokus | 1 pro Stück | 1.500–6.000 € |
| Ottolinger | teils Deadstock | 1–2 pro Stück | 900–2.200 € |
AGGREGATION: Brutalismus, Beton und sowjetische Konstruktivisten
Die Herbst-Winter-Kollektion trägt den












