Alberta Ferretti x Mailand Fashion Week 2022
Während andere Designer 2022 mit Logomania, Y2K-Revival und schreienden Prints um Aufmerksamkeit kämpften, schickte Alberta Ferretti im September auf der Mailänder Fashion Week Modelle in fließenden Chiffon-Roben über den Laufsteg, als hätte der laute Modezirkus drumherum nie existiert. Genau das ist seit über 50 Jahren ihr Markenzeichen — und genau deshalb funktioniert ihre Marke in einer Branche, die sich alle drei Saisons neu erfindet.
Die Frau, die mit zwölf das erste Kleid nähte
Alberta Ferretti wurde 1950 in Cattolica an der italienischen Adriaküste geboren. Ihre Mutter Vera betrieb dort eine Schneiderei, und Alberta verbrachte ihre Kindheit zwischen Stoffballen, Schnittmustern und Kundinnen, die sich für Hochzeiten und Galas einkleiden ließen. Mit zwölf Jahren entwarf sie ihr erstes Kleid — eine Anekdote, die sie selbst gerne erzählt und die in der Modepresse oft zitiert wird. Mit 18 eröffnete sie 1968 ihre erste Boutique in Cattolica, die „Jolly Boutique“, und verkaufte dort neben eigenen Stücken bereits Designer wie Versace und Armani, lange bevor diese Namen weltweit bekannt waren.
1981 zeigte sie ihre erste eigene Kollektion auf der Mailänder Modewoche. Ein Jahr später gründete sie zusammen mit ihrem Bruder Massimo Ferretti die Aeffe-Gruppe — heute ein börsennotierter Mode-Konzern, der unter anderem Moschino, Pollini und Philosophy di Lorenzo Serafini im Portfolio hat. Aeffe ist seit 2007 an der Borsa Italiana gelistet und beschäftigt rund 1.400 Mitarbeiter. Diese unternehmerische Doppelrolle — Designerin und Konzernmitgründerin — unterscheidet Ferretti von vielen Kolleginnen, die zwar ihren Namen auf Etiketten setzen, aber nicht über die wirtschaftliche Substanz dahinter verfügen.
Frühling/Sommer 2023: Romantik als Statement
Die auf der MFW im September 2022 präsentierte Frühjahr/Sommer-Kollektion 2023 war kein Bruch, sondern eine Vertiefung von Ferrettis Handschrift. Wer den Laufsteg verfolgt hat, sah: hauchzarter Seidenchiffon in Eierschale, Puderrosa und Salbeigrün, asymmetrische Säume, drapierte Mieder, Stickereien aus Kristallen und floralen Applikationen. Die Silhouetten orientieren sich an klassischer griechischer Drapierung — Stoffe fließen, ohne den Körper zu zwingen.
Was Ferretti von vielen Mitbewerberinnen unterscheidet: Sie verzichtet bewusst auf Logos. Kein Monogramm, kein Markenschriftzug, keine plakative Erkennbarkeit. Wer ein Ferretti-Kleid trägt, erkennt es am Schnitt, am Stoffgefühl, an der Farbnuance. Das ist mutig in einer Zeit, in der Marken wie Gucci oder Prada ihre Logos zur Hauptattraktion machen — und es erklärt, warum Ferretti vor allem bei Kundinnen jenseits der 30 funktioniert, die nicht mehr beweisen müssen, was sie tragen.
Red-Carpet-Liebling und Hollywood-Konstante
Ferrettis Kleider sind seit den 1990ern fester Bestandteil internationaler Award-Shows. Cate Blanchett, Tilda Swinton, Julianne Moore, Anne Hathaway und Kirsten Dunst gehören zu den Stammkundinnen. Bei den Oscars 2002 trug Halle Berry ein burgunderrotes Ferretti-Kleid, als sie als erste Schwarze Frau den Oscar als beste Hauptdarstellerin gewann — ein historischer Moment, der die Marke in einer einzigen Nacht in alle relevanten Modezeitschriften brachte.
„Ich entwerfe Kleider für Frauen, die sich selbst kennen. Mode soll nicht die Persönlichkeit überdecken, sondern sie sichtbarer machen.“ — Alberta Ferretti
Diese Philosophie spiegelt sich in der Preisgestaltung wider. Ein klassisches Ferretti-Abendkleid kostet zwischen 1.800 und 4.500 Euro, Couture-Stücke aus der Limited-Edition-Linie reichen bis 12.000 Euro. Die Diffusion-Linie „Philosophy di Alberta Ferretti“, inzwischen unter Lorenzo Serafini umbenannt, war früher der Einstieg für jüngere Kundinnen — heute ist sie eine eigenständige Marke mit anderer Designsprache.
Wo Ferretti im italienischen Mode-Kosmos steht
Mailand ist keine Stadt der Bescheidenheit. Wer hier auf dem Laufsteg bestehen will, muss Haltung zeigen. Ferretti positioniert sich konsequent zwischen den großen Häusern: Sie ist nicht so opulent wie Dolce & Gabbana, nicht so streng wie Armani, nicht so verspielt wie Moschino. Ihr Platz ist der der „stillen Romantik“ — und genau dieser Nische verdankt sie ihre Langlebigkeit.
Wie wir im Artikel zur Übersicht der Modemarken mit D bereits gezeigt haben, prägen italienische Designer den weltweiten Luxusmarkt seit den 1950er-Jahren. Ferretti gehört zur Generation, die in den 80ern den Durchbruch schaffte — gemeinsam mit Versace, Armani und Christian Dior-Konkurrenten aus Paris. Anders als viele dieser Namen blieb sie eigenständig: Aeffe wurde nie an LVMH oder Kering verkauft, was im heutigen Luxuskonzern-Klima eine Seltenheit ist.
Was die MFW 2022 für Ferretti bedeutet hat
Die Show fand am 21. September 2022 im Palazzo Donizetti statt. Anders als viele Mailänder Häuser, die mittlerweile in spektakuläre Locations ausweichen — Versace inszenierte seine Show in einer ehemaligen Industriehalle, Donna Karan-Erben gehen oft nach New York — bleibt Ferretti bei klassischen Mailänder Palazzi. Das ist konsequent: Wer Romantik verkauft, inszeniert nicht in Beton.
Die Kollektion wurde von der internationalen Modepresse positiv aufgenommen. „Vogue“ beschrieb sie als „ätherisch und erwachsen“, „Harper’s Bazaar“ lobte die „unaufgeregte Selbstsicherheit“. Kommerziell zählt für Ferretti vor allem der Mittlere Osten und Ostasien — Märkte, in denen elegante Abendmode für Hochzeiten und Galas weiterhin in großen Stückzahlen gefragt ist, während der westliche Markt zunehmend von Casualisierung dominiert wird.
Wer trägt heute Ferretti — und wer sollte es?
Ferretti ist keine Marke für Trendjäger. Wer eine Statement-Tasche oder schnelle Mode-Momente sucht, wird hier nicht fündig — dafür gibt es Zalando oder Pimkie. Ferretti adressiert eine Kundin, die ein Kleid für einen Anlass kauft, der zählt: Hochzeit, Galadinner, runder Geburtstag, Premiere.
Drei Gründe, warum Ferretti für genau diese Anlässe die bessere Wahl ist als viele Mitbewerber:
- Schnitt: Die Drapierungen sind körperfreundlich und kaschieren mehr, als Trägerinnen erwarten. Ferretti-Kleider funktionieren auf Größen 34 bis 44 gleichermaßen.
- Materialqualität: Seide, Chiffon und Spitze stammen größtenteils aus italienischen Webereien in der Lombardei und Toskana. Das spürt man im Tragekomfort und sieht man auf Fotos.
- Wiederverkaufswert: Auf Plattformen wie Vestiaire Collective halten Ferretti-Stücke 50–70 Prozent ihres Originalpreises — deutlich mehr als Fast-Fashion oder Mid-Tier-Designer.
Zahlen, die das Haus Ferretti einordnen
| Kennzahl | Wert |
|---|---|
| Gründung erste Boutique | 1968 (Cattolica) |
| Erste MFW-Show | 1981 |
| Aeffe-Gruppe Umsatz 2022 | ca. 350 Mio. Euro |
| Mitarbeiter Aeffe-Gruppe | ca. 1.400 |
| Boutiquen weltweit | über 60 |
| Preisspanne Hauptkollektion | 800 – 12.000 € |
Vier Jahrzehnte ohne Knick — wie geht das?
Die ehrliche Antwort: durch Verzicht. Ferretti hat sich in 40 Jahren nie neu erfunden, nie einen radikalen Bruch riskiert, nie versucht, jüngere Zielgruppen mit Streetwear oder Sneaker-Kollaborationen zu kapern. Das wirkt im ersten Moment wie Stillstand — ist aber strategisch klug.











