Etro x Mailand Fashion Week 2022
60 Prozent. So hoch ist der Anteil der Stoffe, die Etro bis heute selbst webt — eine Quote, die in der Luxusbranche praktisch einzigartig ist und erklärt, warum die Mailänder Show 2022 wie ein wandelndes Stoffarchiv wirkte. Während Konkurrenten ihre Kollektionen über Lieferanten in Como und Biella zusammenstückeln, kommt bei Etro der Twill, der Jacquard und das ikonische Paisley aus der eigenen Produktion. Auf der Mailänder Fashion Week präsentierte das Haus die Spring/Summer 2023 — und wer genau hinsah, erkannte sofort: Das ist kein Saisontrend, das ist Familien-DNA in Bewegung.
Marco De Vincenzo trifft Paisley — der Bruch mit der Familientradition
Die Show 2022 war historisch, auch wenn das in vielen Berichten unterging: Es war die erste Kollektion unter Marco De Vincenzo als Creative Director. Zum ersten Mal seit der Gründung 1968 lag die kreative Verantwortung damit nicht mehr in den Händen der Familie Etro selbst. Veronica Etro, die zuvor die Damenkollektionen verantwortete, übergab das Steuer — und De Vincenzo, vorher 14 Jahre bei Fendi, brachte sofort eine neue Tonalität mit. Weniger Boho-Hippie, mehr architektonische Strenge. Das Paisley blieb, aber es wurde dekonstruiert: vergrößert, fragmentiert, manchmal nur als Schatten auf transparenten Layern.
Wer die Maison-Codes kennt, sah sofort den Eingriff. Etro war jahrelang der Inbegriff von Mailänder Lebenskunst — bunt, üppig, ein bisschen Bohème mit Villa am Comer See. De Vincenzo schliff diese Üppigkeit zurück, ohne sie zu verraten. Die Sommerkollektion 2023 zeigte fließende Hosen in Beige- und Sandtönen, kombiniert mit knallorangenen Seidenblusen und Paisley-Drucken, die wie Aquarell auf der Haut wirkten. Das ist der Unterschied zwischen einem Saisonjob und einer Vision.
La Nuova Tradizione — warum Etro nicht Gucci ist
Etro wird oft mit anderen italienischen Häusern in einen Topf geworfen, aber das verfehlt den Kern. Während Gucci in den letzten Jahren auf laute Maximal-Ästhetik setzte und Dolce & Gabbana die süditalienische Folklore zelebriert, positioniert Etro sich anders: als textiles Labor mit Wurzeln in der Stoffweberei. Gerolamo „Gimmo“ Etro startete 1968 als Stoffhändler, der Reisesouvenirs aus Indien und Kaschmir nach Mailand brachte. Das Paisley, das später zum Logo-Ersatz wurde, ist kein Marketing-Symbol — es ist ein Reise-Mitbringsel, das zur Markensprache wurde.
Die Philosophie la nuova tradizione ist deshalb mehr als ein Slogan. Sie bedeutet: Wir nehmen ein 200 Jahre altes persisches Motiv und drucken es auf einen technischen Stoff. Wir weben Kaschmir mit Lurex. Wir machen Krawatten in Farbkombinationen, vor denen jeder Anzugträger der Wall Street zurückschrecken würde — und verkaufen sie trotzdem in Manhattan.
„Etro hat das Paisley nie als Druck verstanden, sondern als Sprache.“ — eine Beobachtung, die sich beim Blick auf 50+ Saisons Kollektionsarchiv bestätigt.
Die Kollektion SS23 im Detail — Farben, Schnitte, Insider-Beobachtungen
Wer die Show im September 2022 live verfolgte oder die Streams nachgesehen hat, dem fielen drei Dinge auf, die in den Standardrezensionen fehlten:
- Farbpalette: Ein deutlicher Shift zu erdigen Tönen — Terrakotta, Salbei, gebranntes Sienna — kombiniert mit knalligen Akzenten in Magenta und Türkis. Das ist klassisches Mailänder Color-Blocking, aber gefiltert durch ein 70er-Jahre-Riviera-Gefühl.
- Silhouetten: Weite Hosen mit hoher Taille, kurze Boleros, fließende Maxikleider. Wenig Tailoring im klassischen Sinn — De Vincenzo arbeitet mit Drapierung statt mit Schnitt.
- Accessoires: Schmale Gürtel mit Paisley-Schnallen, Foulards als Kopftücher, niedrige Sandalen. Keine It-Bag-Strategie wie bei Dior Taschen oder Prada — Etro spielt das Accessoire-Spiel bewusst leiser.
Wie wir im Artikel zu Mailand Fashion Week beschreiben, ist die MFW immer ein Spiegel dessen, was Italien gerade an die internationale Käuferschicht verkaufen will — und 2022 war das Ruhe nach der Maximalismus-Phase. Etro traf diesen Nerv präzise.
Etro im Markenkontext — Einordnung im italienischen Luxussegment
Etro ist seit 2021 mehrheitlich in Besitz von L Catterton, dem von LVMH unterstützten Private-Equity-Fonds. Die Familie hält weiterhin Anteile, aber die Kapitalstruktur hat sich verändert — und damit auch die Erwartung an internationale Skalierung. Das erklärt teilweise den Wechsel zu De Vincenzo: Man braucht eine kreative Stimme, die in Paris, New York und Shanghai funktioniert, nicht nur in der Brera.
| Marke | Gegründet | Signature | Positionierung |
|---|---|---|---|
| Etro | 1968 | Paisley, Eigenproduktion Stoffe | Bohemian Luxury |
| Gucci | 1921 | GG-Logo, Maximalismus | Statement Luxury |
| Prada | 1913 | Nylon, intellektuelle Kühle | Conceptual Luxury |
| Dolce & Gabbana | 1985 | Sizilien-Folklore | Theatrical Luxury |
Wo Etro jetzt steht — und wohin es geht
Die SS23-Show war kein Reset, sondern eine Justierung. Wer Etro liebt wegen der lauten Drucke und der opulenten Layering-Looks, wird auch unter De Vincenzo bedient — nur reduzierter, präziser, mit mehr Atemraum zwischen den Statements. Wer Etro neu entdeckt, weil die Marke in Magazinen wieder häufiger auftaucht, sollte wissen: Das ist kein Trend-Comeback, das ist eine 56 Jahre alte Familienfirma, die gerade ihren ersten externen Designer im Driver Seat hat.
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