Free Assange Petition

175 Jahre Haft für Journalismus — das ist die Strafe, die Julian Assange in den USA droht, wenn er dort wegen der Veröffentlichung geheimer Militärdokumente verurteilt wird. Zum Vergleich: Ein verurteilter Mörder bekommt in Deutschland im Schnitt 15 Jahre. Reporter ohne Grenzen hat deshalb eine Petition gestartet, die bis zum 7. September 2020 — dem Tag, an dem die Auslieferungsverhandlungen am Londoner Central Criminal Court fortgesetzt werden — 100.000 Unterschriften weltweit sammeln will. Wir bei fivmagazine.de stehen normalerweise für Mode, Beauty und Lifestyle — von Dior bis Gucci. Aber Pressefreiheit betrifft auch uns. Ohne unabhängige Recherche gäbe es keine kritische Berichterstattung über Lieferketten, Greenwashing oder Arbeitsbedingungen in der Modeindustrie. Deshalb dieser Aufruf.

Warum der Fall Assange jeden Journalisten betrifft

Julian Assange, geboren 1971 in Townsville, Australien, gründete WikiLeaks im Jahr 2006. Die Plattform veröffentlichte 2010 das berühmte „Collateral Murder“-Video — Aufnahmen aus einem US-Apache-Hubschrauber, der 2007 in Bagdad zwölf Zivilisten erschoss, darunter zwei Reuters-Journalisten. Es folgten die „Afghan War Diaries“, die „Iraq War Logs“ und die diplomatischen Depeschen („Cablegate“) — insgesamt rund 750.000 vertrauliche Dokumente. Veröffentlicht wurden diese in Kooperation mit Medien, die zum Establishment gehören: Spiegel, Guardian, New York Times, Le Monde, El País.

Das Pikante: Genau das ist der Vorwurf der US-Anklage. Assange wird unter dem Espionage Act von 1917 angeklagt — einem Gesetz aus dem Ersten Weltkrieg, das ursprünglich gegen deutsche Spione gerichtet war. Der Espionage Act kennt keine „Public Interest Defense“, also keinen Verteidigungsgrund „öffentliches Interesse“. Wer angeklagt wird, kann vor Gericht nicht argumentieren, dass die Veröffentlichung dem Gemeinwohl diente. Würde Assange ausgeliefert und verurteilt, wäre das ein Präzedenzfall, der jeden investigativen Journalisten weltweit treffen könnte, sobald er US-Geheimnisse berichtet.

Die Petition von Reporter ohne Grenzen — was sie konkret fordert

„Wir fordern Großbritannien auf, Wikileaks-Gründer Julian Assange nicht an die USA auszuliefern. Dort drohen ihm bis zu 175 Jahre Haft – allein dafür, dass er internationalen Medien Informationen zur Verfügung gestellt hat, die von großem öffentlichen Interesse waren.“ — Reporter ohne Grenzen

Reporter ohne Grenzen (RSF) ist keine Aktivisten-Gruppe vom Rand. Die Organisation wurde 1985 in Montpellier gegründet und veröffentlicht jährlich die international anerkannte Rangliste der Pressefreiheit. Auf dieser Liste belegt Deutschland 2020 Platz 11, die USA Platz 45 — und das Vereinigte Königreich, das aktuell über Assanges Schicksal entscheidet, nur Platz 35. Die Petition richtet sich an die britische Innenministerin und fordert, die Auslieferung zu stoppen. Die Übergabe der gesammelten Unterschriften ist für den Morgen des 7. September geplant, parallel zum Verhandlungsbeginn am Old Bailey, dem zentralen Strafgerichtshof in London.

Hier geht es direkt zur Petition — eine Unterschrift dauert weniger als 30 Sekunden.

Eine Chronologie, die kaum noch jemand überblickt

Der Fall zieht sich seit über einem Jahrzehnt. Wer den Überblick verloren hat, hier die wichtigsten Stationen:

Jahr Ereignis
2006 Assange gründet WikiLeaks
April 2010 Veröffentlichung des „Collateral Murder“-Videos
Juli 2010 „Afghan War Diaries“ — 75.000 Dokumente
August 2010 Schweden eröffnet Vergewaltigungsermittlungen (2019 eingestellt)
Juni 2012 Assange flüchtet in die Botschaft Ecuadors in London
April 2019 Ecuador entzieht das Asyl, britische Polizei verhaftet ihn
Mai 2019 USA klagen unter dem Espionage Act an — 17 zusätzliche Anklagepunkte
Februar 2020 Beginn der Auslieferungsanhörung in London
September 2020 Fortsetzung der Anhörung am Old Bailey

Besonders bemerkenswert: Nils Melzer, UN-Sonderberichterstatter für Folter, besuchte Assange im Mai 2019 mit zwei medizinischen Experten im Hochsicherheitsgefängnis Belmarsh. Sein Befund: Symptome psychologischer Folter. Melzer, ein Schweizer Völkerrechtler, hat seitdem mehrfach öffentlich erklärt, der Fall sei „der größte Justizskandal unserer Zeit“. Solche Worte fallen einem UN-Diplomaten nicht leicht.

Warum auch ein Modemagazin Stellung bezieht

Pressefreiheit ist kein Nischenthema für Politik-Redaktionen. Wie wir im Artikel zu Herrenmode und ihren Lieferketten zeigen, hängt jede ehrliche Berichterstattung über Marken, Produktion und Arbeitsbedingungen davon ab, dass Journalisten unbehelligt recherchieren können. Wäre der Fall Rana Plaza 2013 — der Einsturz einer Textilfabrik in Bangladesch mit 1.134 Toten — ohne investigative Reporter aufgeklärt worden? Wären die Greenwashing-Praktiken großer Modekonzerne ohne Whistleblower bekannt geworden? Die Antwort ist: Nein.

Auch Modemarken wie Nike, Puma oder Prada stehen regelmäßig im Fokus journalistischer Recherchen — von Steueroptimierung bis Arbeitsrechtsverletzungen. Eine Welt, in der Journalisten 175 Jahre Haft für die Veröffentlichung relevanter Informationen droht, ist eine Welt ohne kritische Wirtschaftsberichterstattung. Wer sich für ehrliche Mode interessiert, sollte deshalb auch unterschreiben.

Was Sie jetzt tun können — drei konkrete Schritte

  • Unterschreiben: Die Petition von Reporter ohne Grenzen ist der direkteste Weg, ein Zeichen zu setzen. Sie ist DSGVO-konform, kostenlos und braucht keine Registrierung.
  • Teilen: Schicken Sie den Petitions-Link an drei Menschen, die Sie kennen. Reichweite ist alles — RSF braucht 100.000 Stimmen weltweit.
  • Informieren: Schauen Sie die Originaldokumente an. WikiLeaks ist weiterhin online erreichbar, das „Collateral Murder“-Video ist auf YouTube frei verfügbar. Bilden Sie sich Ihre eigene Meinung.

Take a vote: Reporter Ohne Grenzen

Pressefreiheit weltweit — eine nüchterne Bestandsaufnahme

Die RSF-Rangliste 2020 zeigt: Nur 8 Prozent der Weltbevölkerung leben in Ländern mit „guter“ Pressefreiheits-Situation. In China sitzen über 100 Journalisten in Haft, in der Türkei mehr als 30. Aber auch westliche Demokratien rutschen ab. Frankreich (Platz 34) hat 2019 ein Gesetz verabschiedet, das Journalisten verbietet, Polizisten bei Einsätzen zu filmen. In Australien — Assanges Heimatland — durchsuchten 2019 Bundespolizisten die Redaktion des öffentlich-rechtlichen Senders ABC.

Der Fall Assange ist also kein isolierter Vorgang, sondern Teil eines größeren Trends. Investigativer Journalismus wird zunehmend kriminalisiert. Whistleblower wie Chelsea Manning, die das „Collateral Murder“-Video an WikiLeaks übergab, saßen jahrelang in Haft. Edward Snowden lebt seit 2013 im russischen Exil. Daniel Hale, der über das US-Drohnenprogramm informierte, wurde 2021 zu 45 Monaten Haft verurteilt. Die Botschaft an potenzielle Whistleblower ist klar: Schweigt — oder zahlt einen hohen Preis.

Was, wenn die Auslieferung kommt?

Sollte Assange ausgeliefert werden, droht ihm in den USA Haft im Bundesgefängnis ADX Florence in Colorado — einer der härtesten Hochsicherheitstrakte der Welt. 23 Stunden Isolation täglich, kein direkter Kontakt zu Mitgefangenen, eingeschränkte Anwalts