Glück Clothes x Berlin Fashion Week 2024: Surreale Fashion Fantasie

33 Jahre Couture-Vakuum in Berlin — und ein Designer aus Charkiw füllt es. Während die deutsche Hauptstadt seit der Schließung des Hauses Uli Richter Anfang der Neunziger als Synonym für Streetwear, Minimalismus und Konzeptmode gilt, hat Egor Bashtovenko mit Glück Clothes etwas geschafft, das weder Konfektionsmarken noch Avantgarde-Labels in Berlin je versucht haben: ein konsequentes Couture-nahes Made-to-Order-Modell mit ostukrainischer Schneidertradition. Wer die „Surrealistic Dreamscape“-Show als weitere Newcomer-Präsentation einsortiert, übersieht den eigentlichen Punkt — Bashtovenko ist der zeitliche Vorläufer der ukrainischen Couture-Diaspora und hat sein Atelier zwei Jahre vor Kriegsbeginn freiwillig nach Berlin verlegt. Mitten in der Pandemie, ohne Notwendigkeit, ohne Krise.

Das Wichtigste in 30 Sekunden:

  • ✓ Glück Clothes: in Berlin gegründet, vor der ukrainischen Couture-Welle
  • ✓ Einziges Berliner Label mit konsequentem Made-to-Order-Modell
  • ✓ Ästhetik: ostukrainische Couture-Tradition trifft Berliner Subkultur
  • ✓ Direkter Wettbewerb sind italienische Häuser, nicht Berliner Streetwear
  • ✓ Erste echte Couture-Wiederaufnahme in Berlin seit Uli Richter und Heinz Oestergaard
  • ✓ Preisspanne pro Stück: rund 2.800 bis 14.000 Euro je nach Komplexität
  • ✓ Lieferzeit: 6–12 Wochen ab Anzahlung, zwei bis drei Anproben inklusive

Wer ist Egor Bashtovenko? Vom Charkiwer Atelier nach Berlin-Friedrichshain

Bashtovenko stammt aus Charkiw, der zweitgrößten Stadt der Ukraine und seit den frühen Zweitausendern ein heimliches Couture-Zentrum Osteuropas. Die Charkiw State Academy of Design and Arts gilt unter Kennern als ostslawisches Pendant zur Königlichen Akademie in Antwerpen — mit einem entscheidenden Unterschied: Während Antwerpen Dekonstruktion lehrt, lehrt Charkiw Konstruktion. Korsage, Drapierung, Schulterbau, Crinolinenbau. Handwerk, das in Westeuropa fast nur noch in Pariser Häusern überlebt hat.

Bashtovenko verließ die Ukraine nicht aus Notwendigkeit, sondern aus strategischem Kalkül. Berlin bot drei Vorteile, die Kyjiw oder Charkiw nicht liefern konnten: ein internationales Klientel, die Nähe zu deutschen Industrie-Vermögen und eine Modeszene, in der ein Couture-Label keine direkte Konkurrenz fürchten muss. Wer das nachvollziehen will, sollte sich die Berliner Designerlandschaft im Vergleich zu Märkten wie der Fashion Week Mailand oder dem Luxus-Shopping in New York vor Augen halten — Berlin ist im obersten Couture-Segment praktisch leerer Raum.

Warum Glück Clothes die ukrainische Couture-Diaspora vorweggenommen hat

Das ist die eigentliche Pointe dieser Kollektion, und sie wird in der gängigen Berichterstattung übersehen: Während Lilia Litkovskaya ihr Atelier nach dem Kriegsausbruch nach Paris verlegte — wie wir in unserer Berichterstattung zur Litkovska Berlin Fashion Week AW23/24 dokumentiert haben —, Ivan Frolov mittlerweile zwischen Kyjiw und westeuropäischen Showrooms pendelt und Svitlana Bevza regelmäßig in New York zeigt, hatte Bashtovenko diesen Weg Jahre vorher gewählt. Glück Clothes wurde in Berlin gegründet — als bewusste Standortentscheidung, nicht als Fluchtpunkt.

Die handwerklichen Codes, die diese ostukrainische Schule auszeichnen, gehen auf die Charkiw State Academy of Design and Arts zurück: streng taillierte Korsagen mit zwölf bis achtzehn Stahlstäben aus Spiralfederstahl statt Plastik-Boning, dramatisch gehobene Schultern mit doppelter Rosshaareinlage, eine fast skulpturale Auffassung von Stoff. Diese Linienführung ist in Berliner Showrooms eine Seltenheit. Sie steht näher an italienischen Häusern wie Prada, Gucci oder Dolce & Gabbana als an typischer Berliner Streetwear.

„Kleidung soll individuelle Geschichten erzählen und Einzigartigkeit ausdrücken — sie ist kein Produkt, sondern ein Werkzeug der Selbstdefinition.“ — Egor Bashtovenko, Gründer Glück Clothes

Bashtovenkos gestalterische Handschrift verbindet osteuropäische Couture-Traditionen mit Berliner Subkultur — und genau diese Mischung ist sein eigentliches Asset. Wo andere Berliner Designer entweder rein konzeptuell oder rein kommerziell arbeiten, besetzt er die Lücke dazwischen. Eine Position, die in der Tradition großer Mode-Zitate von Lagerfeld und Chanel steht: Mode als Selbstbehauptung, nicht als Mitläuferschaft.

SF1OG, William Fan, Glück: Wer besetzt welche Nische?

Wer Glück richtig einordnen will, muss vergleichen — und zwar mit konkreten Berliner Labels. SF1OG arbeitet mit dekonstruierter Romantik und Vintage-Reuse, William Fan mit cleanem Genderfluid-Tailoring zwischen ostasiatischer Schnitttradition und Berliner Reduktion, eine Modenschau wie die von Marcel Ostertag setzt Akzente in Richtung opulenter Eveningwear. Glück besetzt davon abweichend ein klar definiertes Couture-Segment, das in Berlin sonst niemand bedient — auch Labels wie Richert Beil, die im Avantgarde-Underground arbeiten, oder Bobkova mit ihrer japanischen Schnittdisziplin stoßen in diesen Bereich nicht vor.

Surrealistic Dreamscape: Wo der Surrealismus tatsächlich beginnt

Der Showtitel verspricht Surrealismus, und ausnahmsweise einmal löst eine Berliner Show dieses Versprechen ein. Bashtovenko arbeitet nicht mit Dalís schmelzenden Uhren — er zitiert Elsa Schiaparellis Trompe-l’Œil-Tradition und Magrittes Spiel mit Maßstabsverschiebung. Das zeigt sich in Schulterproportionen, die anatomisch unmöglich sind, in Säumen, die wie eingefroren wirken, und in metallisierten Oberflächen, die das Bühnenlicht so zerlegen, dass Silhouetten kurzzeitig verschwinden.

Die Kollektion lebt von einem klaren Spannungsfeld: opulentes Gold trifft auf bühnenhaftes Rot, schimmernde Oberflächen kontrastieren mit matten Texturen, strenge Schneiderkunst wird durch theatralische Volumen aufgebrochen. Bashtovenko zitiert klassische Couture-Codes — taillierte Korsagen, betonte Schultern, dramatische Schleppen — bricht sie aber konsequent mit unkonventionellen Materialien: metallisierte Lamé-Folien, transparente Tüll-Overlays, skulptural gewickelte Drapierungen aus Duchesse-Satin mit Flächengewichten zwischen 180 und 240 Gramm pro Quadratmeter. Das ist deutlich schwerer als typische Berliner Designermode, die selten über 140 g/m² hinausgeht.

Glück Clothes Modenschau Berlin Fashion Week Look in Gold und Rot

https://www.youtube.com/watch?v=2Yw7s1F5RhE

Look 1 — Die goldene Silhouette aus Lamé

Der Eröffnungslook setzt den Ton: ein bodenlanges Ensemble in flüssigem Gold-Lamé, das wie ein Standbild aus einem surrealistischen Gemälde wirkt. Die Silhouette ist klassisch streng — angeschnittene Schulter, hoher Taillenpunkt, schmale Hüfte —, das Material reflektiert das Bühnenlicht in alle Richtungen und erzeugt einen Effekt, der bewusst an die Lichtinstallationen großer Techno-Clubs erinnert. Das Stück erfordert nach Atelier-Angaben rund 70 bis 90 Schneiderstunden, weil das Lamé bei jeder Naht doppelt eingeschlagen werden muss, um Ausfransen zu verhindern. Hinzu kommt die Pflege-Realität: metallisiertes Lamé mit Polyester-Kern verträgt Hitze nur bis etwa 110 Grad — gebügelt wird ausschließlich über Seidenpapier auf niedrigster Stufe, und jede chemische Reinigung kostet etwa drei bis fünf Prozent Reflexionsleistung. Vier bis sechs Reinigungen sind das realistische Lebenszyklus-Limit. Der Look funktioniert als Editorial-Piece ebenso wie als Red-Carpet-Statement, wo er stilistisch in der Liga von Christian Dior spielt — passend dazu kuratieren wir auch Dior Taschen und Dior Beauty für den kompletten Auftritt.

Look 2 — Rot als bühnenhaftes Statement

Der zweite Schlüssellook arbeitet mit sattem, fast bühnenhaftem Rot in einer schweren Seidenmischung, vermutlich Seide-Viskose im Verhältnis 70:30. Die Drapierung ist asymmetrisch, die Schulterpartie überzeichnet, der Saum bewusst unregelmäßig — ein Look, der in seiner Theatralität an die opulenten Phasen klassischer Pariser Couture erinnert, wie sie zuletzt etwa die Haute Couture Shows in Paris 2024 mit der Rückkehr von John Galliano eindrucksvoll demonstriert haben. Wer rote Statement-Pieces liebt, findet bei uns auch eine Einordnung zu High Heels mit roter Sohle, dem stilistisch konsequenten Schuh-Match für solche Auftritte. Das passende Make-up dazu setzt auf reduzierte Akzente — Inspiration und Tools dafür liefert ZOEVA mit seinen Couture-affinen Pinsel-Sets. Wer Edelstein-Akzente liebt, sieht den natürlichen Anschluss zu Themen wie dem Painit Edelstein als Inspiration für seltene Couture-Applikationen.

Look 3 — Tailoring trifft Surrealismus

Der dritte Höhepunkt: ein Hosenanzug, der klassisches Herrenschneidertum mit überdimensionierten, fast skulpturalen Schulterelementen kombiniert. Die Schulterpartie wird durch eine doppelte Rosshaareinlage stabilisiert, ein Detail, das sonst nur in Savile-Row-Schneiderei zum Einsatz kommt. Echtes Crin kostet im Großhandel rund 80 bis 120 Euro pro Meter — bei doppelter Lage in Schulter, Revers und Brustpartie steckt allein im Innenleben dieses Anzugs ein Materialwert, der die komplette Verkaufsspanne eines Konfektions-Blazers übersteigt. Der Look funktioniert in der Herrenmode ebenso wie als Damenstatement — ein bewusster Genderfluid-Ansatz, der zur DNA des Labels gehört und Glück anschlussfähig macht an die internationale Diskussion um fluide Mode-Codes, wie sie auch Donna Karan früh geprägt hat. Der Bruch entsteht durch das Material: statt Wollkammgarn ein metallisch beschichteter Twill, der die strenge Form gegen jede Erwartung kippt.

Look-Vergleich auf einen Blick:

  • Look 1 — Gold-Lamé, 70–90 Schneiderstunden, Lebenszyklus 4–6 Reinigungen
  • Look 2 — Seide-Viskose 70:30, asymmetrische Drapierung, Bühnenrot
  • Look 3 — Hosenanzug mit doppelter Rosshaareinlage, Crin-Materialwert vierstellig

Made-to-Order: Wie Glück das Berliner Vertriebsmodell bricht

Während die Mehrheit der Berliner Labels den klassischen Showroom-Wholesale-Boutique-Pfad verfolgt, geht Glück konsequent direkt zur Endkundin. Made-to-Order bedeutet: Bestellung nach Show, individuelle Maße, Produktion auf Anfrage. Das Modell ist nicht neu — Pariser Couture-Häuser arbeiten seit Jahrzehnten so —, aber für Berlin ist es ungewöhnlich. Die Bruttomargen liegen bei Direktverkauf strukturell zwischen 65 und 75 Prozent, klassischer Wholesale endet branchenüblich bei 40 bis 50 Prozent, weil die Boutique die übliche Keystone-Spanne von etwa 2,5x aufschlägt.

Wichtig zur Einordnung: Die Nettomarge nach Show-Kosten liegt deutlich darunter. Ein offizieller Slot über das Fashion Council Germany ist häufig subventioniert und beginnt für geförderte Newcomer bei einem Eigenanteil von rund 5.000 bis 15.000 Euro, während kommerzielle Off-Schedule-Shows mit 25.000 bis 60.000 Euro zu Buche schlagen — abhängig von Venue, Casting und Produktion. Sobald Stylist oder Vertriebsagent dazwischensitzen, schmilzt die scheinbar üppige Direktverkaufsmarge schnell wieder auf Wholesale-Niveau. Gleichzeitig ist das Risiko überschaubar: Es wird nichts produziert, was nicht bezahlt ist. Hinzu kommt der Cashflow-Vorteil — die übliche 50-Prozent-Anzahlung bei Auftragserteilung deckt typischerweise den kompletten Materialeinkauf plus rund 30 Prozent der Schneiderstunden ab, der Rest finanziert sich aus der Restzahlung vor Versand. Working Capital nahe Null. Wer selbst darüber nachdenkt, diesen Weg einzuschlagen, findet bei uns einen umfassenden Überblick zum Thema Selbstständig werden als Designer im High-Fashion-Bereich.

Aspekt Klassische BFW-Show Glück Clothes Show
Venue Kraftwerk / Verti Music Hall nhow Hotel Friedrichshain
Vertriebsmodell Wholesale +