Green Showroom – Berlin Fashion Week Autumn/Winter 2016

Während im Zelt am Brandenburger Tor noch über Glitzerkleider und Frontrow-Promis diskutiert wurde, formierte sich am 19. Januar 2016 um 15:00 Uhr im Postbahnhof eine Bewegung, die die deutsche Mode-Industrie nachhaltiger verändern sollte als jede andere Nebenshow der Berliner Fashion Week: Über 40 Labels zeigten im Green Showroom der Autumn/Winter 2016 — und zum ersten Mal stand vegane Mode nicht in der Ökonische, sondern auf dem Laufsteg.

Green Showroom 2016: Warum dieser Termin Mode-Geschichte schrieb

Der Green Showroom existierte 2016 bereits seit acht Saisons — gegründet 2009 von Magdalena Schaffrin und Jana Keller war er Deutschlands erste hochwertige Plattform für nachhaltige Mode auf einer offiziellen Fashion Week. Doch die Januar-Ausgabe 2016 markierte einen Wendepunkt: Gemeinsam mit der parallel stattfindenden Ethical Fashion Show Berlin wurde die Veranstaltung erstmals offiziell unter das Dach der Messe Frankfurt gestellt — und der inhaltliche Schwerpunkt lag explizit auf veganer Bekleidung und Accessoires.

Das war kein Zufall. 2016 erlebte die vegane Industrie ein Wachstum von über 20 Prozent in Deutschland, und die Modebranche zog endlich nach. Während Luxushäuser wie Gucci erst 2017 ihren Pelz-Verzicht ankündigen würden, zeigten Labels im Postbahnhof bereits Taschen aus Apfelfaser, Schuhe aus Ananasleder (Piñatex) und Strick aus recycelten PET-Flaschen. Wer die Show damals besuchte, sah die Trends, die fünf Jahre später in jeder Mainstream-Kollektion landen sollten.

Die Location: Postbahnhof statt Glamour-Zelt — und warum das genial war

Adresse: Postbahnhof, Straße der Pariser Kommune 8, 10243 Berlin (im Originaltext stand fälschlich 10234 — die korrekte PLZ ist 10243). Der ehemalige Postverteiler aus dem Jahr 1907 war kein Zufallsort. Während die klassische Fashion Week im glitzernden Schauzelt residierte, entschieden sich die Veranstalter bewusst für den rohen Industrie-Charme des Friedrichshainer Backsteinbaus. Die Botschaft: Nachhaltige Mode braucht keine Inszenierung, sondern Substanz.

Architektonisch war der Postbahnhof perfekt — hohe Decken, Tageslicht, unverputzte Wände. Für Fotografen ein Traum, für Käufer eine Konzentration auf das Produkt. Während im Hauptzelt Frontrow-Schaulaufen stattfand, wurde hier tatsächlich verkauft: Order-Listen statt Influencer-Posing.

Die Labels und die Macher: Wer 2016 wirklich relevant war

Zu den Highlights der AW16-Ausgabe gehörten Lanius aus Köln (faire Strickmode mit GOTS-Zertifizierung seit 1999), Format Design aus Hamburg, Lasalina mit recycelten Statement-Pieces und Umasan, das vegane Berliner Label der Schwestern Sandra und Anja Umann, das damals schon Madonna und Liv Tyler zu seinen Kundinnen zählte. Auch internationale Marken wie Bibico aus Spanien und People Tree aus Großbritannien — der Pionier des Fair-Trade-Designs seit 1991 — waren vertreten.

Was den Green Showroom von einer reinen Öko-Messe unterschied: Die kuratorische Härte. Jedes Label musste mindestens einen der drei Standards erfüllen — Eco, Social oder Vegan. Wer nur ein „grünes Image“ hatte, kam nicht durchs Casting. Diese Strenge unterscheidet den Green Showroom bis heute von Greenwashing-Plattformen, die in den Folgejahren wie Pilze aus dem Boden schossen.

„Nachhaltigkeit ist kein Trend, sondern eine Verantwortung. Wer 2016 noch nicht angefangen hat, hat 2026 keinen Markt mehr.“ — Magdalena Schaffrin, Mitgründerin Green Showroom

Vegan auf dem Laufsteg: Was die Materialien von 2016 heute bedeuten

Die AW16-Show war ein Materiallabor. Wer genau hinschaute, sah die Zukunft. Hier die wichtigsten Innovationen, die im Postbahnhof gezeigt wurden:

Material Herkunft Marktreife 2016 Status heute
Piñatex (Ananasleder) Philippinen Prototyp-Phase Bei H&M, Hugo Boss im Einsatz
Apfelleder Südtirol Erste Taschen Standard im Veggie-Segment
Recyceltes PET Industrieabfall Erste Strick-Linien Branchenstandard
Tencel/Lyocell Eukalyptusholz Established Mainstream
SeaCell (Algenfaser) Nordsee Nischenprodukt Premium-Sport

Wer 2016 in den Postbahnhof kam, kaufte keine fertigen Bestseller — er kaufte Zukunft. Genau das ist der Unterschied zwischen einer Verkaufsmesse und einer Modenschau, die Geschichte schreibt, wie wir im Artikel zur Modenschau-Inszenierung bereits am Beispiel anderer Designer gezeigt haben.

Berliner Fashion Week 2016 im Kontext: Mainstream vs. Substanz

Die AW16-Ausgabe der Berliner Fashion Week (18.–22. Januar 2016) war geprägt von einem auffälligen Spannungsverhältnis. Während im Mercedes-Benz-Zelt am Brandenburger Tor die üblichen Verdächtigen — Lena Hoschek, Marcel Ostertag, Riani — ihre kommerziellen Linien zeigten, fand die eigentliche kreative Bewegung an den Rändern statt: im Green Showroom, bei der Ethical Fashion Show, in den Off-Locations rund um den Hackeschen Markt.

Berlin hatte 2016 ein Problem, das man heute klar benennen kann: Die Stadt war modisch zu „nett“. Während Mailand mit Gucci und Prada die internationale Agenda diktierte und New York mit Kommerz dominierte, suchte Berlin seine Identität. Der Green Showroom lieferte sie — aber das offizielle Berlin brauchte weitere fünf Jahre, um es zu verstehen. Erst 2022 wurde Nachhaltigkeit zum offiziellen Hauptkriterium der gesamten Berlin Fashion Week. Sechs Jahre nach AW16.

Was Käufer und Konsumenten 2016 mitnahmen — und heute noch tragen

Anders als bei klassischen Fashion-Weeks, wo nach der Show die Pieces im Showroom landen und sechs Monate später im Store, war der Green Showroom unmittelbar zugänglich. Viele Labels verkauften direkt vor Ort an Endkunden, andere nutzten die Messe für B2B-Kontakte mit Boutiquen und Online-Plattformen wie Zalando, das 2016 sein erstes nachhaltiges Segment auf den Weg brachte.

Die Lehre für heutige Käufer: Wer nachhaltig einkaufen will, sollte nicht auf Mainstream-Kollektionen warten. Die wirklich innovativen Pieces entstehen bei Labels mit 5–50 Mitarbeitern — nicht bei Konzernen mit Compliance-Abteilungen. Wer beim Thema Jeans ein Beispiel sucht: Marken wie Kuyichi (1999 gegründet, erste Jeans aus Bio-Baumwolle weltweit) waren auf dem Green Showroom vertreten, lange bevor Levi’s „Wellthread“ launchte.

Vegan vs. Bio: Der Unterschied, den die meisten verwechseln

Ein wichtiger Aspekt, den die AW16-Schau klarmachte: Vegan ist nicht automatisch nachhaltig. Eine Polyester-Jacke ist vegan, aber ökologisch eine Katastrophe. Eine Wolljacke aus extensiver Schafhaltung ist nicht vegan, aber CO2-bilanziell oft besser. Der Green Showroom 2016 zeigte beide Welten — und ließ den Käufer entscheiden, welcher Wert für ihn Priorität hat.

Diese Differenzierung ist 2024 wichtiger denn je: Greenwashing-Skandale bei großen Marken zeigen, dass Labels wie „vegan“ oder „nachhaltig“ ohne Drittanbieter-Zertifizierung (GOTS, IVN Best, Fair Wear Foundation) wenig wert sind.

Das Vermächtnis: Vom Nischen-Event zum Branchenstandard

2018 wurde der Green Showroom in Neonyt umbenannt und expandierte massiv — bis zu 250 Labels pro Saison. 2020 zog er nach Frankfurt, 2022 zurück nach Berlin. Die AW16-Ausgabe im Postbahnhof gilt heute als die letzte „intime“ Phase, bevor Nachhaltigkeit zum Mainstream-Marketing wurde.

Wer 2016 dort war, erinnert sich an direkte Gespräche mit Designern, an Kollektionen, die noch nicht durch zwölf Marketing-Filter liefen, an eine Aufbruchstimmung, die heutige Großveranstaltungen kaum noch erreichen. Es war Mode-Aktivismus mit Ladekassen.