MYL Berlin: Outfits für den Club – Berlin Fashion Week

Um Punkt 00:01 Uhr nachts geht im Kühlhaus Berlin das Licht an — und das ist kein Zufall. MYL Berlin hat seine Show auf der Berlin Fashion Week 2023 bewusst in die Stunde gelegt, in der die Stadt eigentlich erst aufwacht: nicht zum Frühstück, sondern zum Berghain. Wer Cluboutfits ernst nimmt, zeigt sie nicht um 14 Uhr im Showroom. Diese Inszenierung allein erzählt mehr über die Marke als jeder Pressetext — und macht klar, warum MYL gerade eines der spannendsten Berliner Labels für eine Generation ist, die Mode und Nachtleben nicht mehr trennen will. Wer sich für die Mechanik einer modernen Modenschau interessiert, sieht hier ein Lehrstück.

Warum MYL Berlin um Mitternacht auf den Runway geht

MYL Berlin steht für Inklusivität, Zusammenhalt und ein Miteinander, das sich nicht nur im Lookbook gut macht, sondern in jedem Casting-Detail sichtbar wird. Auf dem Runway laufen Männer und Frauen, dünne und kurvige Körper, junge und ältere Models — alle in derselben ästhetischen Sprache. Das ist 2023 immer noch nicht selbstverständlich. Während große Häuser auf Diversity-Quoten reagieren, baut MYL die Inklusivität direkt in die Marken-DNA ein: Die Schnitte funktionieren genderfluid, die Styling-Logik ignoriert klassische Männer-/Frauen-Codes komplett.

Der Veranstaltungsort, das Kühlhaus in Berlin-Kreuzberg, ist dabei kein zufälliger Spot. Das ehemalige Industrielager mit seinen rohen Betonwänden und der industriellen Höhe ist genau das Gegenteil eines glatten Showrooms in Mailand oder Paris. Wer die Show mit der Fashion Week Mailand vergleicht, sieht sofort den Unterschied: Mailand inszeniert Reichtum, Berlin inszeniert Subkultur. MYL spielt diese Karte konsequent.

Die Looks: Leder, Transparenz und Plateauschuhe als Berliner Uniform

Wer die Kollektion auf wenige Worte herunterbrechen will: oberkörperfrei, kurze Lederhosen, durchsichtige Tops, Lederjacken, Plateau-Shoes und Overknees. Das klingt nach Tom-of-Finland-Zitat, ist aber tatsächlich präzise beobachtetes Berliner Clubleben. Die Looks zitieren nicht — sie dokumentieren, was an einem Samstagabend zwischen Kottbusser Tor und RAW-Gelände tatsächlich getragen wird.

Drei Details fallen auf dem Runway besonders auf:

  • Die Leder-Shorts: kurz geschnitten, hoch sitzend, sowohl an Männer- als auch an Frauenkörpern identisch inszeniert. Das ist der zentrale Bruch mit klassischen Geschlechtercodes.
  • Transparente Oberteile: Mesh und Tüll, oft kombiniert mit sichtbarer Unterwäsche. Kein Skandal — sondern eine Berliner Selbstverständlichkeit.
  • Plateau-Boots und Overknees: die Höhe ist Statement, kein Trend. Während Heels mit roten Sohlen wie bei Louboutin für eine andere Mode-Welt stehen, setzt MYL auf die rebellische Höhe der 90er-Jahre-Cyber-Clubs.

Die Farbpalette bleibt fast monochrom: Schwarz dominiert, gebrochen durch tiefes Blau und Hauttöne. Wer Tiermuster oder bunte Prints erwartet — wie wir sie im Artikel zu Leoparden- und Zebra-Mustern zeigen — wird hier bewusst enttäuscht. Berlin ist Schwarz. Punkt.

MYL im Kontext: Wo das Label zwischen Diesel, Prada und Pimkie steht

Um MYL einzuordnen, hilft ein Blick auf die Marken-Landschaft. Das Label ist zu konzeptuell für Mainstream-Anbieter wie Pimkie, zu jung für Luxushäuser wie Prada und zu eigenständig für die typischen Streetwear-Schienen großer Konzerne. Es gibt aber sehr wohl Verwandtschaften — und es lohnt sich, sie zu benennen:

Marke Verwandtschaft mit MYL Wesentlicher Unterschied
Diesel Provokante Inszenierung, Sex-Positivity, Denim-DNA Diesel ist Konzern, MYL ist Independent
Dolce & Gabbana Theatralische Shows, starke Körperinszenierung D&G ist italienische Glamour-Tradition, MYL ist Berliner Subkultur
DKNY Urbane Großstadt-DNA, schwarz-zentrierte Palette DKNY ist Manhattan-Office, MYL ist Kreuzberger Nacht

Diese Einordnung ist wichtig, weil MYL oft vorschnell in die „Berghain-Mode“-Schublade gesteckt wird. Die Marke ist mehr: ein konzeptuelles Label mit klarem Standpunkt zu Geschlecht, Körper und Zugehörigkeit. Wer eine vollständige Übersicht sucht, findet sie in unserem Verzeichnis aller Modemarken von A bis Z.

Cluboutfits richtig stylen: Was man von MYL für den eigenen Schrank lernt

Auch wer nicht 1:1 auf der Tanzfläche stehen will wie ein Runway-Model, kann von MYLs Stylist:innen einiges lernen. Drei praktische Prinzipien lassen sich aus der Show direkt übersetzen:

1. Eine Textur dominieren lassen. Wenn Leder, dann konsequent. Die Looks der Show vermeiden den Anfänger-Fehler, drei Materialien gleichzeitig zu mischen. Eine Hauptfaser, ein Kontrastmaterial — fertig. Das funktioniert mit Denim genauso, wie wir im Beitrag zu Jeans-Marken ausführlich zeigen.

2. Die Höhe macht den Look. Plateauschuhe sind nicht nur Style-Statement, sondern verändern Proportionen. Wer 8–12 cm Plateau wählt, kann darüber kürzere Hosen und kürzere Tops tragen, ohne dass die Silhouette aus dem Gleichgewicht gerät.

3. Transparenz braucht eine zweite Schicht. Die durchsichtigen Tops von MYL sind fast nie alleine inszeniert. Darunter liegt entweder Sport-BH, Bandeau oder ein einfaches schwarzes Top. Diese Layer-Logik ist der Unterschied zwischen Style und Kostüm.

4. Schwarz ist kein Mangel, sondern ein Konzept. Karl Lagerfeld hat es vorgemacht — viele weitere Sätze zu diesem Prinzip sammeln wir in unseren Mode-Zitaten von Lagerfeld, Chanel & Co.. Eine reduzierte Palette zwingt zu Disziplin in Schnitt und Material.

Inklusivität als Geschäftsmodell — und warum das größer ist als ein Trend

Was MYL Berlin von vielen Newcomern abhebt, ist die konsequente Verbindung von Ästhetik und politischer Haltung. „Inklusivität“ steht nicht im Pressetext, weil es gerade verkauft — sondern weil das Label an die Berliner Clubkultur anschließt, die seit den frühen 1990er-Jahren konsequent queer, divers und antiautoritär gedacht wird. Wer im Tresor in den 90ern war oder das Berghain heute kennt, erkennt diese Linie sofort wieder.

Bemerkenswert ist auch, wie MYL Casting betreibt. Statt nur klassische Agentur-Models zu buchen, finden sich auf dem Runway auch Gesichter aus der Berliner Clubszene selbst. Wer sich fragt, wie man als Quereinsteiger:in auf einen Runway kommt: Die klassischen Wege beschreiben wir im Artikel zu Model werden sowie in unseren Beiträgen zu Model-Castings und der richtigen Bewerbung als Model. Für MYL gilt allerdings: Persönlichkeit schlägt Sedcard.

Die Show in Bildern

Die Looks vom Runway, fotografiert von Nordfriisk Photograph:

MYL Berlin Sommerkollektion: blaues Crop Top mit schwarzen Shorts

photo: Nordfriisk Photograph

MYL Berlin: blaue Jacke mit transparenter Hose und auffälligen Schuhen

photo: Nordfriisk Photograph