Fendi x Fashion Week Mailand 2022
53 Looks, 25 Jahre Baguette, vier Generationen Familie auf einer Bühne — die Fendi-Show in der Via Solari 35 war keine Modenschau, sondern der Beweis für ein Branchen-Experiment, das es so kein zweites Mal gibt: Ein externer Stardesigner steuert die Hauptlinie, während die Gründerfamilie über die Accessoires die DNA absichert. Genau diese Doppelstruktur — Kim Jones plus Silvia Venturini Fendi plus deren Tochter Delfina Delettrez — ist das eigentliche Thema dieser Kollektion. Wer die Show als Saison-Ritual liest, übersieht das Modell, das hier in Echtzeit getestet wurde.
Warum diese Mailand-Show das spannendste Strukturexperiment im Luxussegment war
Karl Lagerfeld arbeitete von 1965 bis zu seinem Tod für Fendi — länger als für Chanel, länger als für jedes andere Haus. 54 Jahre Designer-Handschrift in einem einzigen Kopf: Das ist in der Branche beispiellos und macht jede Nachfolgeentscheidung zu einer Risikoabwägung. Als Kim Jones, parallel weiterhin Designer von Dior Men bei LVMH, die Fendi-Couture und Womenswear übernahm, war die Frage in Mailand und Paris dieselbe: Kann ein Designer zwei Häuser unter demselben Konzern gleichzeitig führen, ohne dass eines davon kannibalisiert wird?
Die Antwort dieser Show: ja — aber nur, weil Fendi die Strukturlücke über die Familie schließt. Während Jones die Hauptlinie dirigiert, designt Silvia Venturini Fendi die Taschen, Delfina Delettrez Fendi den Schmuck. Das ist kein nostalgisches Familien-Branding, sondern operative Arbeitsteilung. Vergleichbares gibt es bei Dolce & Gabbana nicht (dort sind die Gründer die einzigen kreativen Stimmen) und bei Christian Dior nur in deutlich abgeschwächter Form.
Der Slot direkt nach Diesel auf der Mailänder Fashion Week war zudem ein heißer Platz: Glenn Martens hatte gerade mit provokanter Denim-Inszenierung die Aufmerksamkeit der Branche eingesammelt. Wer hier nicht liefert, fällt durch das Berichterstattungs-Raster. Fendi lieferte — stilistisch, kommerziell, in den Insta-Stories der Frontrow.
„Die Baguette ist nicht nur eine Tasche. Sie ist eine Haltung.“ — Silvia Venturini Fendi, deren Erfindung von 1997 inzwischen zur Investmentkategorie im Resale-Markt geworden ist.
Wer Lagerfelds Tonfall vermisst, findet in unserer Sammlung der wichtigsten Mode-Zitate die Sätze, die Fendi und die Branche bis heute prägen.
Die Looks im Detail: Transparenz, Pastell und der ehrliche Bruch mit Y2K
Jones schickte 53 Looks über den Laufsteg. Dominante Stoffe: hauchdünne Seidenchiffons, Mesh, gewachster Tüll, dazu Lederbermudas und scharf geschnittene Trenchcoats in Vanille, Salbei und Puderrosa. Die Silhouette war länger als bei Konkurrenten wie Gucci oder Prada in derselben Saison — eine bewusste Entscheidung gegen den Y2K-Crop-Top-Trend, der die übrigen Mailänder Schauen dominierte. Wer genau hinsah, erkannte: Jones zitiert hier weniger 2002 als vielmehr die späten 90er, also exakt jene Phase, in der die Baguette zum ersten Mal kulturell explodierte.
Die Schmuckstücke — flüssig wirkende Goldarbeiten, surrealistische Augenmotive — stammten von Delfina Delettrez Fendi und sind in dieser Linie näher an zeitgenössischer Goldschmiedekunst als an klassischem Designerschmuck. Wer sich für die handwerkliche Seite interessiert, sollte den Vergleich zu Edelsteinarbeiten wie dem Painit-Edelstein ziehen — beide Welten teilen die Logik der bewussten Verknappung.
Die Baguette als strategisches Zentrum
Was Modekritiker besonders aufhorchen ließ: die Rückkehr der Baguette Bag, ikonisches Fendi-Stück seit 1997, in über zwanzig Variationen. Krokoprägung, Glitzer-Mesh, Strick-Versionen, Pailletten-Editionen. Jeder zweite Look trug eine Baguette. Das ist keine Kollektion, das ist eine Markenstrategie.
Der eigentliche PR-Coup lag aber neben dem Laufsteg: Zum 25-jährigen Baguette-Jubiläum entstanden parallel Kollaborationen mit Tiffany & Co., Marc Jacobs, Porter sowie eine Sonderversion, an der Sarah Jessica Parker beteiligt war — als direkte Brücke zum Sex-and-the-City-Reboot „And Just Like That“, in dem Carrie Bradshaw die Tasche erneut trug. Cross-Marketing über vier Marken und eine Streaming-Serie hinweg, ohne klassische Werbespendings: Das ist Fashion-Strategie auf höchstem Niveau.
Auf einen Blick — warum die Baguette diese Show trägt:
- − 25-jähriges Jubiläum als natürlicher Aufhänger
- − Kollaborationen mit Tiffany, Marc Jacobs und Porter erweitern die Reichweite
- − „And Just Like That“ reaktiviert die kulturelle Aufladung
- − Resale-Werte limitierter Editionen liegen mittlerweile beim Doppelten des Listenpreises
- − Erfinderin Silvia Venturini Fendi sichert die Authentizität nach innen
1925 bis Jones: Wie aus einer römischen Pelzwerkstatt ein Milliarden-Imperium wurde
Adele Casagrande eröffnete 1925 in der Via del Plebiscito in Rom eine kleine Pelz- und Lederwerkstatt. Als sie Edoardo Fendi heiratete, wurde der Familienname zur Marke. Die eigentliche Wende kam jedoch erst 1965: Die fünf Fendi-Schwestern — Paola, Anna, Franca, Carla und Alda — heuerten einen jungen, weitgehend unbekannten deutschen Designer an. Sein Name: Karl Lagerfeld. Er entwarf nicht nur Pelze, die mit der Zeit immer leichter und unkonventioneller wurden, sondern auch das doppelte F-Logo. „Fun Furs“ sollte es heißen — eine Provokation in einer Branche, die Pelz damals ausschließlich als Statussymbol behandelte.
Wenige Logos haben diese Halbwertszeit erreicht: das LV von Louis Vuitton, das GG von Gucci — und eben das FF von Fendi. Während Häuser wie Christian Dior ihre Monogramme regelmäßig neu interpretieren, blieb das FF beinahe unangetastet. Es ist die ruhigste Konstante in einer hektischen Branche. Wer sich fragt, wie sich solche Markencodes in einer eigenen kreativen Karriere nutzen lassen, findet bei uns einen ausführlichen Beitrag über den Einstieg als selbstständiger Designer im High-Fashion-Bereich.
| Fendi MFW Sommerkollektion — Kennzahlen | Detail |
|---|---|
| Show-Location | Via Solari 35, Mailand (Fendi-HQ seit 2000) |
| Designer Hauptlinie | Kim Jones (parallel Dior Men) |
| Taschen-Design | Silvia Venturini Fendi (3. Generation) |
| Schmuck-Design | Delfina Delettrez Fendi (4. Generation) |
| Anzahl Looks | 53 |
| Baguette-Variationen | über 20 |
| Frontrow-Highlights | Naomi Campbell, Anna Wintour, Linda Evangelista |
| Geschätzter Fendi-Jahresumsatz | ca. 1,4 Mrd. Euro (Branchenschätzung Bernstein/Vogue Business) |
Warum die vierte Generation der eigentliche Hebel ist
Während LVMH die kreative Kontrolle nach außen erweitert, sichert Fendi die Familien-DNA über die Accessoires. Genau diese Doppelstruktur — externes Star-Talent plus interne Familien-Kontinuität — ist der ökonomische Kern der Marke. Sie erlaubt es, die Hauptlinie alle paar Jahre zu modernisieren, ohne dass die Codes brechen. Bei Häusern, in denen ein einzelner Kreativdirektor für alles verantwortlich ist, bedeutet jeder Wechsel einen Identitätsbruch. Bei Fendi nicht.
Frontrow als PR-Instrument: Wer saß wo — und warum das Geld wert war
Fendi inszenierte die Frontrow als Symbol der eigenen Reichweite. Anna Wintour links, Naomi Campbell rechts, dazwischen Linda Evangelista — letzteres ein bemerkenswerter Auftritt, weil Evangelista nach ihrer öffentlichen CoolSculpting-Klage ihren ersten Live-Frontrow-Moment seit Jahren absolvierte. Die direkte Folge: ein Steven-Meisel-Cover für die Vogue, eingefädelt unmittelbar nach dieser Show. Die Frontrow war Pre-PR für eine größere Comeback-Kampagne.
Wie wir im Beitrag zur Modenschau-Inszenierung ausführlich erklären, ist die Sitzordnung längst kein Zufall mehr, sondern minutiös kuratierte PR — jede Position berechenbar, jeder Kamera-Winkel vorab bedacht.
https://www.youtube.com/watch?v=8r3kFW4n4Lk
Auf einen Blick — warum die Frontrow-Strategie funktionierte:
- − Wintour signalisiert redaktionelle Zustimmung der US-Vogue
- − Campbell aktiviert die Modelgeneration der 90er als Brand-Erbe
- − Evangelistas Comeback erzeugt eigene News-Welle
- − Junge Stars tragen die Bilder in TikTok-Reichweite
- − Die Mischung aus Establishment und Pop-Kultur deckt jede Zielgruppe ab
Fendi im Direktvergleich: Wer dominiert Mailand wirklich?
Die Mailänder Fashion Week ist ein Wettkampf der Häuser. Während Dolce & Gabbana auf Sex und Glamour setzte und Prada erneut den intellektuellen Minimalismus beackerte, fand Fendi einen dritten Weg: kommerziell zugänglich, aber nicht banal; modern, aber nicht trend-hörig. Genau diese Positionierung macht Fendi für jüngere Käuferinnen attraktiv, ohne die Bestandskundinnen zu verlieren — eine Balance, an der etwa Dior weiterhin feilt, mit ähnlich gemischten Ergebnissen.
Wer sich für die Welt der Couture-Häuser interessiert, findet bei uns Hintergründe zu Dior Taschen und der parallel laufenden Strategie von Dior Beauty. Spannender ist allerdings der Vergleich zu New Yorker Häusern wie DKNY, weil dort exakt die gegenteilige Strategie verfolgt wird: maximale Streetwear-Übersetzung statt römisches Handwerks-Erbe.
Die ehrliche Einschätzung: Diese Sommerkollektion war nicht Fendis revolutionärste Show, aber die konsistenteste seit dem Wechsel an der Spitze. Jones hat verstanden, dass Fendi keine zweite Avantgarde-Marke werden muss — die Welt hat genug davon. Fendi muss Fendi sein: römisch, handwerklich, leise luxuriös. Genau das war diese Kollektion.
Was du von der Kollektion fürs eigene Styling übernehmen kannst
Die Preise einer originalen Baguette Bag liegen zwischen 2.500 und 4.500 Euro, limitierte Editionen können im Resale auf das Doppelte klettern. Doch die Style-Codes der Show lassen sich problemlos ins Alltagsbudget übersetzen — vorausgesetzt, man kennt die richtigen Hebel.
- ✓ Transparente Layering-Tops über Bralettes — bei NA-KD ab rund 25 Euro
- ✓ Lederbermudas in Pastell — die unerwartetste Silhouette der Show, perfekt zu schlichten weißen Sneakern wie von Nike
- ✓ Trenchcoats in gebrochenem Weiß statt klassischem Beige — sofort moderner
- ✓ Mini-Schultertaschen mit kurzem Henkel im Baguette-Stil — von Pimkie bis Zalando in jeder Preisklasse
- ✓ Krokoprägung statt Glitzer — der dezentere Weg, einen Trend mitzunehmen, näher am klassischen Tiermuster-Code
- ✓ Mesh-Layering über schlichten Tanks — ein Look, der mit unter 40 Euro Materialeinsatz funktioniert
- ✓ Make-up reduziert halten — die Show setzte auf nudefarbene Looks, gut umsetzbar mit einer Basis-Pinselrolle von ZOEVA
Wer noch tiefer einsteigen will
Für alle, die Fendi im Kontext der italienischen Modewelt einordnen wollen, lohnt unsere Übersicht der Modemarken — und wer verstehen will, wie sich Runway-Ästhetik in tragbare Männermode übersetzt, findet in unserem Beitrag zu Fashion Week Herren Trends eine direkte Brücke zwischen Laufsteg und Alltag.











