Gunna – Rap, Trap und Songwriting

Als Sergio Giavanni Kitchens 2016 in Atlanta seinen ersten Vertrag bei Young Thugs Label YSL Records unterschrieb, kannte ihn außerhalb der Atlanta-Bubble niemand. Sechs Jahre später hatte er ein Nummer-eins-Album in den US Billboard 200, eine RICO-Anklage am Hals und einen Plea-Deal, der die Hip-Hop-Welt spaltete. Gunna ist heute weniger ein Rapper als ein Symbol – für die melodische Trap-Welle, für YSL und für die Frage, wie weit Loyalität in der Rap-Industrie geht. Wer Trap ernst nimmt, kommt an seinem Katalog nicht vorbei – ähnlich wie wir es im Artikel zu Herrenmode beschreiben, ist Stil hier nie nur Sound, sondern Haltung, Sprache und Auftritt zugleich.

Vom College-Dropout zum YSL-Aushängeschild

Geboren am 14. Juni 1993 in College Park, Georgia, wuchs Gunna im Süden Atlantas auf – dem Epizentrum der modernen Trap-Musik. Die Stadt, in der Gucci Mane, Future, Migos und Young Thug das Genre der späten 2010er praktisch im Alleingang neu definiert haben, prägt jede Silbe seiner Musik. Den Künstlernamen „Gunna“ gab ihm sein älterer Bruder, lange bevor an eine Karriere zu denken war. 2013 begann er auf eigenen Mixtapes Songs zu veröffentlichen, doch der Wendepunkt kam erst, als Young Thug ihn 2016 auf den Track „Floyd Mayweather“ einlud – gemeinsam mit Travis Scott und Gucci Mane. Wer in dieser Liga sein erstes Feature bekommt, hat entweder Glück oder Talent. Bei Gunna war es beides.

Was ihn von der Masse junger Atlanta-Rapper unterscheidet, ist seine Stimme: ein dünner, fast geflüsterter Singsang, der über die typischen 808-Drums und triolischen Hi-Hats schwebt. Während Lil Baby aggressiv vorträgt und Future melancholisch dröhnt, klingt Gunna entspannt bis arrogant – ein Markenzeichen, das ihn zur idealen Ergänzung für Lil Baby machte. Beide Stimmen verzahnen sich, statt sich zu überlagern.

Drip Harder – wie ein Gemeinschaftsalbum die Trap-Szene neu kalibrierte

Am 5. Oktober 2018 erschien „Drip Harder“, das gemeinsame Album mit Lil Baby. Es debütierte auf Platz 4 der Billboard 200 und wurde später mit Platin ausgezeichnet. Der Track, der alles veränderte: Drip Too Hard. In den USA kletterte der Song bis auf Platz 4 der Hot 100 und hielt sich sieben Wochen in den Charts, in UK acht Wochen mit einem Peak auf Platz 28. Bemerkenswert: Es war das erste Mal, dass zwei junge Atlanta-Rapper außerhalb des klassischen Pop-Features einen genuinen Crossover-Hit landeten – ohne Drake, ohne Pop-Hook.

„Drip Harder“ funktioniert deshalb so gut, weil es kein klassisches Joint-Album im Sinne von „jeder seinen Vers“ ist. Stattdessen wechseln sich Lil Baby und Gunna ab, übernehmen Hooks gegenseitig, sprechen sich gegenseitig im Outro an. Wheezy als Hauptproduzent gibt der Platte einen einheitlichen Sound: kalte Synths, warme Bässe, kein Filler. In einer Zeit, in der die meisten Rap-Alben künstlich auf 22 Tracks aufgebläht werden, sind 13 Songs in 46 Minuten fast schon eine Aussage.

Die wichtigsten Alben im Überblick

Album Jahr Highlight US-Charts
Drip Season 2016 Mixtape, Eigenrelease
Drip Season 2 2017 „Almighty“, „Sold Out Dates“
Drip Season 3 2018 „Oh Okay“ (mit Young Thug & Lil Baby) #79
Drip Harder (mit Lil Baby) 2018 „Drip Too Hard“ #4
Drip or Drown 2 2019 „One Call“ #3
WUNNA 2020 „Skybox“, „Dollaz on My Head“ #1
DS4Ever 2022 „Pushin P“ #1
a Gift & a Curse 2023 „fukumean“ #9

Oh Okay – das Trio, das Atlanta zeigte, wie Features funktionieren

„Oh Okay“ mit Young Thug und Lil Baby (2018) ist heute fast ein Lehrbeispiel dafür, wie ein Drei-Rapper-Track nicht in einer Vers-Aneinanderreihung ertrinken muss. Jeder bringt eine eigene Energie: Gunna die kühle Hook, Lil Baby den straßennahen Vers, Young Thug seinen unverwechselbar verzerrten Auftritt. Der Beat – produziert von Wheezy – ist minimalistisch genug, um drei starke Stimmen Raum zu geben.

Audemar wrist, count it then spend it / Matted the coupe, and my windows tinted / Chop off the top, headed to Lenox / I got some cash, I wanna spend it / Roll with my slime, yeah that my lizard / Young Gunna Gunna, I’m in my prime / When it comes to business I’m handling mine / Yeah, I’ma kingface Patek my time

Was im ersten Hören wie reines Flexen klingt, ist auf der Textebene ein Lifestyle-Manifest: Audemars Piguet, Patek Philippe, Lenox Mall in Atlanta. Gunna ist einer der ersten Rapper seiner Generation, der Mode und Uhren nicht als Beigabe, sondern als Hauptthema setzt – ein Move, der ihn später bei Marken wie Gucci, Off-White und Louis Vuitton in die Front Row brachte. Wer sich mit dem Verhältnis von Rap und Mode beschäftigt, sollte parallel unseren Überblick zu Gucci und Prada lesen – beide Häuser haben in den letzten Jahren Atlantas Rap-Szene als Stilreferenz entdeckt.

Pushin P, WUNNA und der Sprung an die Spitze

Im Januar 2022 veröffentlichte Gunna „DS4Ever“ – das vierte Kapitel der Drip-Season-Reihe. Der Track „Pushin P“ mit Future und Young Thug wurde innerhalb weniger Tage zum globalen Meme. Die Buchstabenformel „P“ – grob übersetzt mit „etwas Echtes oder Loyales tun“ – schaffte es bis ins Twitter-Vokabular von Marketingteams und Politikern. DS4Ever debütierte auf Platz 1 der Billboard 200, sein zweites Nummer-eins-Album nach „WUNNA“ (2020).

„WUNNA“ – ein Akronym für „Wealthy Unapologetic N**** Naturally Authentic“ – ist der Punkt, an dem Gunna seine eigene Marke wird. Das Album entstand mitten in der Pandemie, debütierte trotz fehlender Touren auf Platz 1 und etablierte einen Stil, den Kritiker mittlerweile als „Luxury Trap“ bezeichnen: maximaler Mode-Bezug, minimale Aggression, melodische Hooks, die eher Pop-Songs als Drill-Tracks ähneln.

Der RICO-Fall und die Frage nach Loyalität

Im Mai 2022 änderte sich alles. Die Staatsanwaltschaft von Fulton County klagte 28 mutmaßliche YSL-Mitglieder unter dem RICO-Gesetz an – darunter Young Thug und Gunna. Der Vorwurf: YSL sei nicht nur ein Plattenlabel, sondern eine kriminelle Vereinigung. Gunna saß über sieben Monate in Untersuchungshaft. Im Dezember 2022 nahm er einen „Alford Plea“ an – ein juristisches Konstrukt, bei dem man die Strafe akzeptiert, ohne die Schuld einzugestehen.

Was folgte, war ein Sturm in der Rap-Community: Vorwürfe des „Snitchings“, Distanzierung von ehemaligen Wegbegleitern, Boykott-Aufrufe. Gunna selbst betont seither in jedem Interview, dass er niemanden belastet habe. Sein Album „a Gift & a Curse“ (Juni 2023) war die Antwort: Der Song „fukumean“ wurde sein bis dahin größter Solo-Hit und kletterte auf Platz 4 der Hot 100. Spätestens „One of Wun“ (2024) zeigte, dass das Publikum ihn nicht abgeschrieben hat – das Album debütierte auf Platz 5 der Billboard 200.

Gunnas Top-Songs – ehrlich sortiert

  • Drip Too Hard (mit Lil Baby, 2018) – der definitive Track der Karriere, Platin in den USA
  • Pushin P (mit Future & Young Thug, 2022) – kulturelles Phänomen weit über Rap hinaus
  • fukumean (2023) – das Comeback-Statement nach der RICO-Pause
  • Oh Okay (mit Young Thug & Lil Baby, 2018) – Lehrstück für Feature-Tracks
  • Sold Out Dates (mit Lil Baby, 2017) – frühes Highlight, das die spätere Chemie ankündigte
  • Skybox (2020) – melodischer Höhepunkt von WUNNA
  • One Call (2019) – beweist, dass Gunna auch solo Hooks tragen kann

Stil