Lil Yachty – seine Hits und mehr

Als Miles Parks McCollum 2016 mit roten Zöpfen und Plastikperlen im Haar bei der Kanye-West-Show „Yeezy Season 3“ über den Laufsteg lief, hatten viele in der HipHop-Welt seinen Namen noch nie gehört. Wenige Monate später stand der damals 18-Jährige aus Mableton, Georgia, mit „Broccoli“ in den Top 5 der Billboard Hot 100 — und Lil Yachty war über Nacht das Gesicht einer neuen, bunten, fast schon zuckersüßen Generation des US-HipHop. Wer den Künstler nur über seine frühen Hits kennt, verpasst allerdings das Spannendste: seinen radikalen Stilwechsel 2023, der ihn aus der „Bubblegum-Trap“-Schublade gerissen hat. Wir ordnen Karriere, Hits, Mode-Momente und sein wachsendes Standing in der Modewelt ein — ein Feld, das eng mit großen Modemarken aus unserer A-Z-Übersicht verflochten ist.

Vom SoundCloud-Teenager zum Billboard-Phänomen

Lil Yachty wurde am 23. August 1997 in Mableton, einem Vorort von Atlanta, geboren. Sein Vater Shannon McCollum ist Fotograf, was Miles früh ein Auge für Inszenierung mitgab — ein Detail, das später erklärt, warum sein Auftritt als Modefigur so präzise funktioniert. Nach einem abgebrochenen Studium in Alabama zog er nach New York, schlief auf Sofas und postete erste Tracks auf SoundCloud. Sein Mixtape „Lil Boat“ (März 2016) klang wie nichts, was damals aus Atlanta kam: hohe, fast kindliche Stimme, melodische Hooks, glitzernde Synthies. Kritiker stempelten den Sound als „Bubblegum-Trap“ ab. Yachty selbst nannte sich „King of the Teens“.

Der Durchbruch kam mit dem Feature auf „Broccoli“ von D.R.A.M. — der Song erreichte im Oktober 2016 Platz 5 der Billboard Hot 100, wurde fünffach Platin zertifiziert und hielt sich 33 Wochen in den Charts. Plötzlich war Yachty überall: Sprite-Werbung mit LeBron James, Target-Kampagnen, Nautica-Kollabos. Wer die Verbindung zwischen Rap und Sportswear-Branding verstehen will, sollte parallel auch unsere Einordnung zu Nike als Kulturmarke lesen — die Mechanik ist dieselbe.

Die Hits — und was sie wirklich erzählen

Yachtys Diskografie wirkt auf den ersten Blick wie eine Aneinanderreihung viraler Momente. Bei genauerem Hinsehen ist sie ein präziser Stimmungsmesser der HipHop-Dekade 2016–2024. „One Night“ (Platz 49 der Billboard Hot 100) wurde durch einen Tinder-Date-Sketch der YouTuberin SuperWowomg zum TikTok-Vorboten — der Song ging viral, bevor TikTok in den USA überhaupt relevant war. „iSpy“ mit KYLE landete 2017 auf Platz 4 der Billboard Hot 100 und war in der Schweiz mit zehn Wochen Chartpräsenz (Höchstplatzierung 61) sein erfolgreichster Song überhaupt im DACH-Raum. „After The Afterparty“ mit Charli XCX kletterte in UK auf Platz 29 und hielt sich dort 15 Wochen — bemerkenswert, weil Yachty als US-Act in Großbritannien sonst nie wirklich gezündet hat.

Song Jahr Höchste Chartposition Bemerkenswert
Broccoli (mit D.R.A.M.) 2016 Billboard #5 5× Platin USA
iSpy (mit KYLE) 2017 Billboard #4 4× Platin
One Night 2016 Billboard #49 Erster Solo-Charterfolg
After The Afterparty (Charli XCX) 2016 UK #29 15 Wochen UK-Charts
Poland 2022 Billboard #36 1:24 Min — kürzester Hit
Get Dripped (mit Playboi Carti) 2018 Sneaker-Anthem

Besonders interessant: „Poland“ — ein 84 Sekunden kurzer Track mit gepitchter Stimme, der ohne klassische Promo zum Meme wurde und trotzdem Gold ging. Yachty bewies damit, dass er das Internet-Ökosystem versteht wie kaum ein anderer seiner Generation.

Die Alben — und der Bruch von 2023

„Lil Boat“ (2016), „Teenage Emotions“ (2017), „Lil Boat 2“ (2018), „Nuthin‘ 2 Prove“ (2018) und „Lil Boat 3“ (2020) sind klassische Yachty-Werke: melodisch, glitzernd, oft repetitiv, immer radiotauglich. Dann kam „Let’s Start Here.“ (Januar 2023) — und damit der vielleicht mutigste Karriereschritt eines Mainstream-Rappers seit Kid Cudis „Speedin‘ Bullet 2 Heaven“. Das Album ist ein 14-Track-Psychedelic-Rock-Werk mit Pink-Floyd-Anleihen, Tame-Impala-Drums und Mac-DeMarco-Gitarren. Pitchfork gab 8.0/10, Rolling Stone setzte es auf die Jahresbestenliste. Yachty selbst sagte in einem Interview mit GQ: „Ich wollte, dass man mich endlich als Künstler ernst nimmt — nicht als Meme.“

„People want to put you in a box. The whole time I was making melodic rap, people said I couldn’t rap. Now I made a rock album, and people say I’m finally an artist. The truth is — I was always both.“
— Lil Yachty, GQ-Interview 2023

Der Wechsel war kein Marketing-Stunt. Yachty hatte sich bereits 2022 zurückgezogen, in seinem Studio in Atlanta mit Live-Musikern gearbeitet und bewusst auf Streaming-Algorithmen gepfiffen. Das Ergebnis: ein Album, das Indie-Hörer und Trap-Fans gleichermaßen erreichte — eine Seltenheit.

Lil Yachty als Mode-Figur

Yachtys Modegeschichte beginnt nicht mit einem Vertrag, sondern mit einem Moment: Februar 2016, „Yeezy Season 3“ im Madison Square Garden. Kanye West hatte Yachty als Modell gecastet, ohne ihn vorher zu treffen. Der rote Zopf und die bunten Perlen wurden über Nacht zur Marke. 2017 unterschrieb er den ersten großen Deal: Nautica und Urban Outfitters, eine Kollektion mit Streifen-Polos und Sailor-Shirts, die das verstaubte Image der Marke bei der Gen Z aufpolierte. Nautica hat selbst zugegeben, dass die Kollab den Umsatz im Bereich Junior-Apparel zweistellig gesteigert hat.

Es folgten Deals mit Target (eigene Sneaker-Linie), Sprite (TV-Spots mit LeBron James) und Reebok. Sein Style — fluffige Crocs, Vintage-Tees, Cardigans, übergroße Sonnenbrillen — beeinflusste den sogenannten „Y2K-Revival“-Look, der ab 2020 die Streetwear dominierte. Wer diese Ästhetik weiterdenken möchte, findet unter unseren Artikeln zu Jeans-Marken und aktueller Herrenmode die Marken, die Yachtys Look am direktesten aufgreifen.

2022 launchte er sein eigenes Nagellack-Label „Crete“ — ein Schritt, den viele für absurd hielten, der aber genau in den Zeitgeist passte: Männer mit lackierten Nägeln waren plötzlich Mainstream, von Harry Styles bis Bad Bunny. Wie wir im Artikel zu Mode-Zitaten von Lagerfeld bis Chanel zeigen, ist es immer der Künstler, der eine Regel bricht, der am Ende die nächste Regel setzt.

Get Dripped, Mickey, Boom — die zweite Reihe der Hits

Neben den großen Charterfolgen hat Yachty eine Reihe von Tracks, die unter Fans Kultstatus haben:

  • Get Dripped (mit Playboi Carti, 2018) — die inoffizielle Hymne der Sneakerhead-Szene, oft in Hypebeast-Edits zu sehen. Der Song zementierte den Begriff „drip“ im Modevokabular der Gen Z.
  • MICKEY (ft. Offset & Lil Baby, 2020) — Atlanta-All-Star-Lineup, produziert für maximale Streaming-Reichweite, über 50 Millionen Spotify-Plays.
  • BOOM! (mit Ugly God, 2017) — minimalistisch, repetitiv, ein früher Vorläufer dessen, was später als „Rage“-Subgenre bekannt wurde.
  • 66 (mit Trippie Redd, 2017) — eines der erfolgreichsten Features auf „Teenage Emotions“.
  • Who Want The Smoke? (mit Cardi B & Offset, 2019) — Soundtrack-Hit für „NBA 2K20“.

„Shawty in love with my drip, woah / I get that drip, you get dripped, yeah / 220 all on that rear, ayy / I get the drip, you get dripped“
— Lil Yachty, „Get Dripped“

Was Yachty von anderen Atlanta-Rappern unterscheidet

Atlanta hat in den letzten 15 Jahren mehr HipHop-Stars produziert als jede andere US-Stadt: Future, Migos, 21 Savage, Young Thug, Gunna, Playboi Carti. Yachty ist in dieser Reihe der Außenseiter — und gleich