XXXTENTACION – seine größten Hits und Erfolge

Als Jahseh Onfroy am 18. Juni 2018 in Deerfield Beach erschossen wurde, war er gerade einmal 20 Jahre alt – und hatte trotzdem schon einen Nummer-eins-Song in den US-Billboard-Charts, ein Album, das Drakes „Scorpion“ vom Thron stieß, und eine Fangemeinde, die sich nach seinem Tod fast verdoppelte. XXXTentacion ist einer der wenigen Künstler der jüngeren Musikgeschichte, dessen Streamingzahlen postum nicht eingebrochen, sondern explodiert sind: „SAD!“ knackte allein in der Woche nach seiner Ermordung über 10 Millionen Streams pro Tag in den USA. Wer verstehen will, warum dieser umstrittene Rapper aus Florida bis heute jeden Monat hunderte Millionen Streams generiert, muss tiefer schauen als auf die offensichtlichen Hits. Wir nehmen Sie mit durch seine Karriere – ähnlich wie wir es im Artikel zu den großen Pop- und Modegrößen unserer Zeit tun.

Der Aufstieg eines Außenseiters: Von SoundCloud auf Platz 1

XXXTentacion war kein klassischer Major-Label-Erfolg. Geboren am 23. Januar 1998 in Plantation, Florida, wuchs er bei seiner Großmutter auf, kam früh mit Gewalt und Drogen in Berührung und veröffentlichte seine ersten Tracks 2013 auf der Plattform SoundCloud – damals noch ein Nischenort für Rapper, die keinen klassischen Vertrag hatten. Sein erster viraler Moment kam 2015 mit „Vice City“, doch der wirkliche Durchbruch gelang ihm im Sommer 2016 mit „Look At Me!“, einem 2:01 Minuten kurzen Track, der in seiner aggressiven Verzerrtheit klang wie ein wütendes Manifest gegen den polierten Mainstream-Rap.

Der Track wurde 2017 auch deshalb zum US-Phänomen, weil Drake auf „KMT“ einen ähnlichen Flow verwendete – woraufhin XXXTentacions Fangemeinde wochenlang einen Plagiatsstreit anheizte. Genau diese Bereitschaft, sich gegen die Größten der Branche zu stellen, machte ihn für eine Generation von Teenagern zur Identifikationsfigur. In Sachen Selbstinszenierung und Markenaufbau war er, wie wir im Artikel zu ikonischen Zitaten und Kunstfiguren zeigen, ein Naturtalent.

Die Alben: „17“, „?“ und das postume „SKINS“

XXXTentacions Diskografie ist überschaubar, aber dicht. Sein Debütalbum „17“ erschien am 25. August 2017, dauert nur 22 Minuten und ist eines der dunkelsten, ehrlichsten Werke des modernen Rap. Es ist weniger ein Rap-Album als eine Sammlung depressiver Akustikstücke und Spoken-Word-Passagen über Suizidgedanken, Trauer und Selbsthass. Trotz – oder wegen – dieser Sperrigkeit stieg „17“ auf Platz 2 der US-Billboard 200 ein.

Sein zweites Album „?“ vom 16. März 2018 war das genaue Gegenteil: maximal divers, von Pop über Latin Trap bis Nu-Metal. „SAD!“ und „Moonlight“ wurden die zwei größten Hits seiner Karriere. Das Album debütierte auf Platz 1 der Billboard 200 und verdrängte – damals eine kleine Sensation – Migos‘ „Culture II“. Postum folgte „SKINS“ (2018) und „Bad Vibes Forever“ (2019), beide mit Features von Lil Wayne, Joey Bada$$ und Travis Barker.

Album Jahr US-Chart Laufzeit
17 2017 Platz 2 22 Min
? 2018 Platz 1 37 Min
SKINS 2018 Platz 1 19 Min
Bad Vibes Forever 2019 Platz 5 51 Min

„SAD!“ – der Song, der zum Vermächtnis wurde

Wenn man XXXTentacions Karriere auf einen einzigen Track reduzieren müsste, dann auf „SAD!“. Der Song erschien am 2. März 2018 auf „?“ und war zu Lebzeiten bereits ein Hit – doch nach seiner Ermordung am 18. Juni 2018 sprang er von Platz 17 auf Platz 1 der Billboard Hot 100. Damit wurde XXXTentacion erst der zweite Künstler in der Geschichte, der diesen Sprung postum schaffte (der erste war The Notorious B.I.G. mit „Hypnotize“ 1997).

Die Zahlen sind bis heute beeindruckend: Über 35 Wochen in den US-Charts, 32 Wochen Top 10 in der Schweiz, Platz 5 in Österreich und im UK, Platz 12 in Deutschland mit 24 Wochen Verweildauer. In Finnland hielt sich „Falling Down“ – sein Duett mit dem ebenfalls verstorbenen Lil Peep – sogar sieben Wochen auf Platz 1. Auf Spotify hat „SAD!“ inzwischen über 2,5 Milliarden Streams. Zum Vergleich: Das ist mehr, als die meisten Songs von großen Markenkooperationen und Werbe-Tracks zusammen erreichen.

Das Musikvideo zu „Moonlight“

Das Video zu „Moonlight“, veröffentlicht im Mai 2018, gehört zu den ästhetisch stärksten Arbeiten seiner Karriere – farbenfroh, traumartig und visuell weit entfernt von der düsteren Bildsprache, die man von ihm kannte.

Die Top-Songs auf einen Blick

  • SAD! – sein größter Hit, US Nr. 1, über 2,5 Mrd. Spotify-Streams
  • Moonlight – melodischer Crossover, Platz 13 in den USA
  • Changes – die Pop-Ballade, die zeigte, dass er auch Mainstream konnte
  • Look At Me! – der virale SoundCloud-Hit von 2015, der alles startete
  • Jocelyn Flores – Tribut an eine verstorbene Freundin, eines seiner ehrlichsten Stücke
  • Arms Around You – Posthum-Kollaboration mit Lil Pump, Maluma & Swae Lee
  • Falling Down – Duett mit Lil Peep, Nr. 1 in Finnland
  • Hope – gewidmet den Opfern des Parkland-Schulmassakers

Refrain von „Moonlight“

Spotlight, uh, moonlight, uh
Why you trippin‘? Get your mood right, uh
Shawty look good in the moonlight
All these niggas so bad mind
Spotlight, moonlight
Why you trippin‘? Get your mood right
Shawty look good in the moonlight

Kodak Black – „Roll In Peace“ feat. XXXTentacion

„SAD!“ – das offizielle Musikvideo

Die Stilfrage: XXXTentacion als Mode-Phänomen

Was viele unterschätzen: XXXTentacion war auch ein Stil-Magnet. Seine Mischung aus oversized Hoodies, ausgewaschenen Band-Shirts (oft Nirvana, Joy Division, Cure), zerrissenen Skinny Jeans und farbigen Dreadlocks prägte einen ganzen Subkultur-Look, der heute unter dem Label „SoundCloud Rap Aesthetic“ oder „Emo Rap“ firmiert. Marken wie Diesel und Streetwear-Kollaborationen mit Nike griffen diese Ästhetik in den folgenden Jahren auf, oft ohne sie zu benennen.

Sein Erbe lebt auch in Tribute-Drops weiter: „Revenge“-Hoodies aus seiner eigenen Merch-Linie wurden 2018 zu Kultobjekten und gehen heute auf Resale-Plattformen für mehrere hundert Euro über die Theke. Wer sich für die Schnittstelle aus Musikkultur und Mode interessiert, findet auch in unserem Überblick zu Herrenmode-Trends spannende Parallelen zur Streetwear-Welle dieser Jahre.

Das Interview, das alles zeigte

Die wenigen ausführlichen Interviews, die XXXTentacion zu Lebzeiten gab, sind heute Pflichtmaterial für jeden, der ihn verstehen will. Im berühmten „No Jumper“-Interview mit Adam Grandmaison aus 2017 spricht er unverstellt über seine Vergangenheit, seine Anklagen und seine Pläne – und wirkt dabei abwechselnd reflektiert, wütend und überraschend verletzlich.

Kontroversen: Warum man XXXTentacion nicht ohne Widerspruch hören kann

Es gibt keinen ehrlichen Artikel über XXXTentacion, der die schweren Vorwürfe gegen ihn ausklammert. Zum Zeitpunkt seiner Ermordung lief ein Strafverfahren gegen ihn wegen häuslicher Gewalt und Bedrohung gegen seine damalige schwangere Freundin – Vorwürfe, die er zu Lebzeiten teilweise selbst zugegeben, später aber widerrufen hatte. Diese Schatten haben seine Wahrnehmung gespalten: Für die einen ist er ein junger Künstler, der nie die Chance bekam, sich