Jourdan Dunn: extrem erfolgreich trotz Kind mit 19

Im Oktober 2009 stand Jourdan Dunn hochschwanger im siebten Monat auf dem Laufsteg von Jean Paul Gaultier — und der französische Designer baute kurzerhand seinen ikonischen kegelförmigen Cone-Bra um, damit er über ihren Babybauch passte. Es war einer dieser Momente, die in der Modegeschichte hängen bleiben: Eine 19-jährige britische Newcomerin, die nicht trotz, sondern mit Schwangerschaftsbauch zum Highlight der Pariser Show wurde. Wer sich für die spannendsten Werdegänge der Branche interessiert, findet in unserer Übersicht zu internationalen Supermodels noch viele weitere Geschichten, aber Jourdan Dunns Karriere ist selbst in dieser Liga ein Sonderfall.

Die Entdeckung im Primark — wie eine Schülerin zum Burberry-Gesicht wurde

Jourdan Dunn wurde 1990 in Greenford, einem Stadtteil im Westen Londons, geboren. Anders als die meisten ihrer späteren Kolleginnen kam sie nicht über ein klassisches Modelcasting in die Branche, sondern wurde 2006 in einer Filiale der Billigmodekette Primark in Hammersmith entdeckt. Ein Scout der Agentur Storm — derselben Agentur, die Jahre zuvor Kate Moss verpflichtet hatte — sprach die damals 15-Jährige zwischen den Kleiderstangen an. Es war einer dieser Zufälle, die in der Mode immer seltener werden, weil heute fast jede Karriere über Instagram und TikTok läuft.

Schon zwei Jahre später, im September 2008, war Jourdan das Gesprächsthema der New Yorker Fashion Week: Bei der Marc-Jacobs-Show wurde sie als erstes schwarzes Model seit Naomi Campbell 1997 für Prada gebucht — ein Detail, das die anhaltende Diversitätsdebatte auf den Laufstegen schlagartig wieder befeuerte. Mit gerade einmal 18 lief sie für Calvin Klein, Yves Saint Laurent, Chanel und Burberry. Wer mehr über die Mechanik dahinter wissen will, sollte unseren Guide zu internationalen Modeljobs lesen — die Hürden sind höher, als die Hochglanzbilder vermuten lassen.

Schwanger mit 19 — und der Moment, der alles hätte beenden können

Anfang 2009 erfuhr Jourdan, dass sie schwanger war. In der Modebranche, in der Modelmaße bis auf den Zentimeter kontrolliert werden und Verträge mit Klauseln zu Gewichtsveränderungen gespickt sind, hätte das das Karriere-Aus bedeuten können. Tatsächlich verloren viele Models in vergleichbaren Situationen vor ihr genau das: die Buchungen, die Kampagnen, die Agentur. Jourdans Reaktion war eine andere — sie modelte weiter, bis sie sichtbar schwanger war.

Der Auftritt bei Jean Paul Gaultier im Oktober 2009 war dabei nicht nur ein modisches Statement, sondern ein politisches. Gaultier, der ohnehin nie ein Freund konventioneller Schönheitsstandards war, ließ den kegelförmigen BH — bekannt aus Madonnas „Blond Ambition“-Tour 1990 — neu vermessen und an Jourdans Bauch anpassen. Die Bilder gingen um die Welt. Im Dezember 2009 kam ihr Sohn Riley zur Welt, der Vater ist der britische Rapper Jordan Cummings, mit dem die Beziehung später zerbrach.

„Ich dachte, meine Karriere wäre vorbei. Stattdessen wurde sie erst dadurch wirklich groß.“ — Jourdan Dunn in einem Interview mit der britischen Vogue über ihre Schwangerschaft

Comeback mit Burberry, Victoria’s Secret und einer eigenen Marke

2010, nur wenige Monate nach Rileys Geburt, war Jourdan zurück auf dem Laufsteg. Christopher Bailey, damals Kreativdirektor bei Burberry, machte sie zum Gesicht der Frühjahr/Sommer-Kampagne 2011 — eine Entscheidung, die in der konservativen britischen Modeszene ein Zeichen setzte. Burberry wurde zu Jourdans wichtigstem Anker: Sie lief in den folgenden Jahren regelmäßig für die Marke und repräsentierte das neue, diversere Gesicht des britischen Trenchcoat-Imperiums. Wer sich für die Codes britischer Luxusmode interessiert, findet in unserer großen Modemarken-Übersicht von A bis Z die wichtigsten Häuser kompakt erklärt.

2012 folgte der nächste Karrieresprung: Jourdan wurde als erstes britisches schwarzes Model seit zehn Jahren als Victoria’s-Secret-Engel verpflichtet. Die jährliche Show in New York war damals noch das meistgesehene Mode-Event der Welt mit über zehn Millionen Zuschauern allein in den USA. 2014 musste sie kurzfristig absagen — angeblich wegen ihrer Brustgröße, die nicht mehr „Engel-konform“ gewesen sei. Jourdan reagierte öffentlich, der Vorfall wurde zum frühen Vorboten der späteren Krise des Victoria’s-Secret-Konzepts, das 2019 schließlich eingestellt wurde.

Jahr Meilenstein
2006 Entdeckung im Primark Hammersmith
2008 Erstes schwarzes Model bei Prada seit Naomi Campbell 1997
2009 Schwanger auf dem Laufsteg bei Jean Paul Gaultier
2010 Burberry-Kampagne nach Babypause
2012 Victoria’s Secret Angel
2015 Forbes-Liste: 4 Mio. USD Jahreseinkommen
2019 Launch der eigenen Loungewear-Linie „Dunn“

Mehr als nur Model — Köchin, Unternehmerin, Mutter

Was Jourdan Dunn von den meisten Laufsteg-Karrieren unterscheidet, ist die Konsequenz, mit der sie früh begann, die Branche zu erweitern. 2014 startete sie auf YouTube den Kochkanal „Well Dunn by Jourdan Dunn“ — ein Wortspiel mit ihrem Nachnamen und dem englischen Begriff für „durchgebraten“. Die Idee: einfache Gerichte, gekocht mit Modelfreundinnen wie Cara Delevingne, Karlie Kloss und Naomi Campbell. Die Folge mit Karlie Kloss, in der die beiden jamaikanisches Curry zubereiten, hat bis heute Millionen Aufrufe.

2015 brachte sie die Kindermodelinie „Lon-Dunn“ in Kooperation mit Missguided heraus — inspiriert von dem, was sie als alleinerziehende Mutter selbst für Riley suchte und nicht fand. Wie wir in unserem Beitrag zu den Wegen, wie man selbst Model wird, ausführlich zeigen, ist genau dieser Schritt — vom Gesicht zur Marke — die schwierigste Hürde der Branche. Viele scheitern daran. Jourdan nicht.

2019 folgte „Dunn“ — eine Loungewear-Linie, die Jourdan vollständig selbst entwickelte. Die Kollektion war früh genug am Markt, um vom Pandemie-Boom für bequeme Heimkleidung 2020 zu profitieren. Forbes listete Jourdan bereits 2015 auf der Liste der bestbezahlten Models der Welt mit einem geschätzten Jahreseinkommen von vier Millionen US-Dollar.

Warum Jourdans Geschichte mehr ist als ein Karriereverlauf

Es gibt zwei Erzählungen über die Modebranche. Die eine ist die offizielle: Glamour, Pariser Penthouses, Champagner backstage. Die andere ist die ehrliche: Modelmaße, Druck, Verwertbarkeit. Jourdan Dunn steht für eine dritte Möglichkeit — nämlich die, das System zu nutzen, ohne sich von ihm definieren zu lassen. Sie hat als 19-Jährige eine Entscheidung getroffen, die Agenturen damals als Karriereende werteten, und sie hat aus dieser Entscheidung den Wendepunkt ihrer Karriere gemacht.

Bemerkenswert ist auch, wie sie ihre Plattform politisch nutzt. In zahlreichen Interviews — unter anderem mit der amerikanischen Vogue 2017 — sprach sie offen über die strukturelle Diskriminierung schwarzer Models, über Hairstylisten, die ihre Haare nicht behandeln können, und über Castings, bei denen sie als „zu kommerziell“ abgelehnt wurde, während weiße Kolleginnen mit ähnlichem Profil als „edgy“ gefeiert wurden. Diese Offenheit hat ihr nicht nur Sympathie eingebracht, sondern auch konkret etwas verändert: Mehrere große Häuser stellten daraufhin Hairstylisten ein, die mit Afro-Haar arbeiten können.

Was Leser über die Branche dahinter wissen sollten

Jourdans Werdegang ist auch deshalb interessant, weil er ein realistisches Bild davon zeichnet, wie eine Model-Karriere im 21. Jahrhundert wirklich funktioniert. Es geht eben nicht nur um den Laufsteg — es geht um Markenaufbau, um Diversifikation, um Geschäftsentscheidungen. Wer sich für die Mechanik der Branche interessiert, dem empfehlen wir auch unseren Artikel zu allen Staffeln und Gewinnerinnen von Germany’s Next Topmodel — als Kontrast zur internationalen High-Fashion-Welt, in der Jourdan zu Hause ist.