Berlin Fashion Week x Modelagentur Casting | FIV #takeover am 04. Juli

Von 1.000 Bewerberinnen bekommen am Ende 15 einen Vertrag — das sind 1,5 Prozent. Diese Zahl beschreibt den eigentlichen Maschinenraum der Berlin Fashion Week besser als jede Front-Row-Reportage. Während andere Magazine erst zur Show erscheinen, beginnt unsere Berichterstattung zwei Wochen vorher: beim Model Casting der Berliner Agentur CM Models am 04. Juli, dem Termin, an dem entschieden wird, welche Gesichter wenige Tage später über den Laufsteg laufen — und welche fünf Minuten später wieder in der S-Bahn sitzen.

Sechs Tage, drei Redakteure, ein Apartment in Berlin Mitte. FIV ist als #takeover dabei und dokumentiert, was sonst hinter verschlossenen Türen passiert: Polas, Walks, Booker-Gespräche, Vertragsverhandlungen, Aftershow-Backstage. Und vor allem die Frage, die uns als Redaktion am meisten interessiert: Warum ist Berlin nicht das Sprungbrett nach Mailand und Paris, sondern die Eintrittskarte ins deutsche Geld?

Berlin zahlt E-Commerce, nicht Prestige — und das ist der Vorteil

Die Berlin Fashion Week wird gerne kleingeredet. Mailand hat Gucci, Paris hat Dior, New York hatte Donna Karan. Berlin? Berlin hat eine Eigenschaft, die in den großen Vier längst verloren gegangen ist: Hier sind Castings durchlässig. Wer in Mailand zur Prada-Show castet, kommt mit Mother-Agency-Empfehlung oder gar nicht. In Berlin reicht ein Open Call, drei Polas und 1,76 Meter.

CM Models gehört zu den Agenturen, die diesen Mechanismus systematisch nutzen. Auf der Kundenliste stehen Namen, die international gewichtet sind: Prada, Dior, Dolce & Gabbana, dazu der gesamte deutsche Mainstream von C&A bis Peek & Cloppenburg, plus die E-Commerce-Riesen Zalando und ABOUT YOU. Wer hier ein „Yes“ bekommt, landet nicht im „vielleicht irgendwann“-Stapel, sondern in einer Booking-Pipeline, die Editorials, Kampagnen und internationale Polaroids gleichzeitig bedient.

Die Casting-Mechanik in 90 Sekunden

Ein Casting dauert pro Bewerberin zwischen 90 Sekunden und drei Minuten. In dieser Zeit wird über Monate, manchmal Jahre Karriere entschieden. Reinkommen, Walk (sechs bis acht Schritte hin, drehen, sechs bis acht zurück), kurze Konversation auf Englisch, Polas im Tageslicht vor weißer Wand, raus. Am Tisch sitzen meist drei bis fünf Augenpaare: Head Booker, zwei Booker, ein Scout, gelegentlich ein internationaler Partner aus Mailand oder Paris, der parallel für seine Saison sichtet. Wer sich vorher unsere Anleitung zur ersten Model Bewerbung durchgelesen hat, kennt den Ablauf. Wer nicht, verbrennt die ersten 30 Sekunden mit Nervosität.

„Berlin entscheidet nicht über die teuerste Tasche der Saison. Berlin entscheidet, welches Gesicht die teuerste Tasche im Herbst trägt.“ — Bookerin, CM Models

Auf einen Blick — was im Raum passiert:

  • Sekunde 0–10: Eintritt, Begrüßung, erster Eindruck (Haltung, Energie)
  • Sekunde 10–40: Walk, sechs bis acht Schritte, Drehung, zurück
  • Sekunde 40–70: Polas vor weißer Wand — Headshot, Half-Body, Full-Body
  • Sekunde 70–120: Smalltalk auf Englisch, Maße bestätigen, Ausweis
  • Sekunde 120+: Raus — Entscheidung fällt ohne dich, oft erst Tage später

Die ehrlichen Zahlen: Gagen, Quoten, Konversion

Hier wird in Anleitungen viel romantisiert und noch mehr verschwiegen. Die ehrliche Version: Berlin verdient als Markt besser, als der Mythos suggeriert — gerade weil hier die E-Commerce-Brands sitzen. Wer einen Mailand-Show-Walk macht, bekommt oft nur Kleidung als Bezahlung. Wer einen Lookbook-Tag für einen großen deutschen Online-Händler bucht, kommt mit einem vierstelligen Tagessatz nach Hause.

Job-Typ Tagessatz Berlin Vergleich Mailand/Paris
Editorial (Magazin) 150 – 250 € 0 € + Kleidung
Lookbook Designer 400 – 800 € 300 – 600 €
E-Commerce (Zalando, ABOUT YOU) 600 – 1.200 € nicht vergleichbar
Kampagne Mainstream 1.500 – 4.000 € 2.000 – 8.000 €
Show Berlin Fashion Week 200 – 500 € 0 € (Show-Prestige)
Show Highfashion Mailand 0 – 1.500 €

Die Tabelle erklärt, warum erfahrene Booker Berliner Models so positionieren, dass sie zwei Standbeine haben: ein bisschen Show-Prestige international, der eigentliche Umsatz im deutschen E-Commerce-Markt. Wer in dieses Modell hineinwächst, findet weiterführende Strukturen in unserem Guide zu Model Jobs mit realistischen Gagen-Bandbreiten und in der Übersicht zum internationalen Modeln.

https://www.youtube.com/watch?v=XHcg4Hln5Vc

Was im Casting-Raum wirklich entscheidet

Drei Dinge filtern bei einem Open Call gnadenlos: Polaroid-Qualität, Hautbild, Walk. In dieser Reihenfolge. Wer mit unscharfen Handy-Schnappschüssen vor gemusterter Tapete kommt, fliegt raus, bevor das Gespräch beginnt. Booker sortieren bereits an diesem Detail, weil schlechte Polas ein Indikator dafür sind, dass die Bewerberin den Markt nicht verstanden hat — und das überträgt sich später auf Kunden-Castings.

Der Polaroid-Standard, an dem alles hängt

Drei Polas sind Pflicht: Headshot, Half-Body, Full-Body. Die technischen Eckdaten, die in keiner Anleitung stehen: Tageslicht zwischen 10 und 14 Uhr, idealerweise indirektes Nordlicht, etwa ein Meter Abstand zur weißen Wand (sonst Schlagschatten), Smartphone-Hauptkamera ohne Weitwinkelmodus (verzerrt Proportionen), keine Filter, keine Beauty-Modi. Haare hinter den Ohren, Kieferlinie sichtbar. Booker wollen das Rohmaterial sehen, weil sie es im Kopf bereits gegen die Anforderungen ihrer Kunden — von Diesel über Pimkie bis zu den Premium-Jeans-Marken — durchspielen. Wer sich auf den Polas weginszeniert, macht den Bookern die Arbeit unmöglich.

Walk, Gespräch, Eindruck

Der Walk ist weniger Ballett als Logistik: gerade Schultern, Blick auf den fixen Punkt, Hüfte ruhig. Wer dabei lächelt, signalisiert Editorial-Schwäche. Wer stiert, signalisiert Show-Härte. Beides wird gebraucht — aber Booker wollen die Bandbreite einschätzen können. Im anschließenden Gespräch entscheiden zwei Sätze über die nächsten zwölf Monate: Woher kommst du, was hast du bisher gemacht. Lügen werden in Sekunden enttarnt, weil Booker vernetzt sind und parallel auf Instagram, Models.com und in Agentur-internen Datenbanken gegenchecken.

  • ✓ Drei Polaroids: Headshot, Half-Body, Full-Body — weißer Hintergrund, Tageslicht
  • ✓ Schmale dunkle Kleidung, schwarze Heels, ungeschminkt
  • ✓ Gewaschene Haare, zurückgesteckt — Ohren und Kieferlinie sichtbar
  • ✓ Sedcard oder Polas in Klarsichthülle, dazu Ausweis
  • ✓ Kein Parfum, keine Statement-Pieces, keine Snacks vor der Tür
  • ✓ Englisch parat — internationale Booker sitzen oft mit am Tisch
  • ✓ Maße ehrlich angeben (klassisches Highfashion: 176–180 cm, Konfektion 34–36)

Wer wirklich bucht: Die Brand-Liste hinter dem Casting

Das Casting am 04. Juli speist sich nicht nur aus Show-Bookings. Die meisten Bewerberinnen, die hier durchgehen, arbeiten in den folgenden zwölf Monaten für Brands, die mit der eigentlichen Fashion Week gar nichts zu tun haben. Das ist der eigentliche Wert eines Castings bei einer Agentur mit breiter Kundenliste: Du castest für die Show — gebucht wirst du für die Kampagne danach. Wie wir bereits in unserer Reportage zur Modenschau von Marcel Ostertag gezeigt haben, ist die Show selbst oft nur das Schaufenster, nicht das Geschäft.

Wer das Spielfeld überblicken will, sollte einen Blick in unsere Modemarken-Übersicht von A-Z werfen. Besonders relevant für Berliner Bookings: Modemarken mit D (Dior, Diesel, D&G), Modemarken mit P (Prada, Puma) und Modemarken mit Z (Zara, Zalando). Eine etablierte Bookerin deckt in einer Saison Kampagnen aus mindestens drei dieser Buchstabengruppen ab, dazu Sportbrands aus Kategorie N (Nike, New Balance) und Streetwear-Labels wie NA-KD. Beauty-Bookings für Marken wie ZOEVA oder Dior Beauty laufen parallel — oft mit höheren Tagessätzen als Fashion, weil hier Nutzungsrechte für Kosmetik-Kampagnen aufgerufen werden.

Spannungsfeld: Highfashion gegen Streetwear

Die jüngere Linie HUGO der Hugo-Boss-Gruppe ist ein Beispiel dafür, wohin sich deutsche Mainstream-Mode entwickelt: streetwear-affiner, weniger Anzug, mehr Logo. Marken wie Nike und NA-KD haben mit dieser Logik längst gezeigt, dass Mainstream und Coolness sich nicht ausschließen — und genau diesen Spagat versuchen die Berliner Designer in ihren Castings abzubilden. Wer als Model beide Welten bedient — Show-tauglich für Dior-Taschen-Kampagnen und gleichzeitig E-Commerce-tauglich für Sneaker-Lookbooks — verdoppelt seine Buchungstage pro Monat.

Mother Agency, Splits, Buy-Outs: Was nach dem „Yes“ kommt

An dem Punkt, an dem 90 Prozent aller Konkurrenzartikel schweigen, fängt das eigentliche Geschäft an. Wer von einer Agentur unterschrieben wird, schließt in Deutschland in der Regel einen Mother-Agency-Vertrag — die Agentur betreut die Karriere global, vermittelt an Partneragenturen in Mailand, Paris, New York, Tokio, Seoul, und kassiert von jedem Job einen Split. Üblich sind 20 Prozent von der Gage des Models, dazu 20 Prozent Service Fee vom Kunden. Bei internationaler Vermittlung kommt der Split der Zielagentur dazu.

Konkret gerechnet: Ein Lookbook-Tag für 800 Euro Gage. Der Kunde zahlt 800 € + 20 % Service Fee = 960 € an die Agentur. Vom Model-Anteil (800 €) gehen 20 % Mother-Agency-Provision ab. Netto vor Steuern: 640 €. Wird der Job über eine Pariser Partneragentur vermittelt, gehen weitere 10–20 % an diese — dann bleiben 480–560 €. Wer das nicht durchrechnet, unterschreibt blind.

Der größte Hebel liegt nicht in der Provision, sondern im Buy-Out. Ein „globaler Buy-Out, alle Medien, zwei Jahre“ kostet schnell das Drei- bis Fünffache des Tagessatzes — wenn die Agentur ihn richtig verhandelt. Kunden versuchen regelmäßig, diese Rechte ohne Aufpreis einzubauen. Eine seriöse Agentur prüft Verträge, kassiert Honorare ein und schützt vor zahlungsunwilligen Kunden. Wer diese Strukturen nicht versteht, verliert mehr Geld durch Solo-Verhandlungen, als jede Agenturprovision je kosten würde. Mehr dazu in unserem ausführlichen Guide zu Model werden.

Rote Flaggen: Woran man unseriöse Agenturen erkennt

Nicht jede Agentur, die beim Casting sitzt, ist eine Agentur, bei der man unterschreiben sollte. Die Branche ist regulatorisch dünn aufgestellt, was Trittbrettfahrern Tür und Tor öffnet. Vier Warnsignale, bei denen man aufstehen und gehen sollte:

  • Vorab-Gebühren für „Sedcard-Produktion“, „Portfolio-Aufbau“ oder „Casting-Coaching“
  • Verträge mit Laufzeiten über drei