Vergessene Frisuren, Schnitte und kunterbunte Looks von Früher
Ein einziges Poster verkaufte sich zwölf Millionen Mal — und prägte damit die meistkopierte Frisur des 20. Jahrhunderts. Farrah Fawcetts gefönte Wellen aus dem Jahr 1976 sind nur eine von vielen Hairstyling-Ikonen, die heute fast vergessen sind, aber bei genauerem Hinsehen eine Renaissance verdienen. Während die Frisurentrends der Gegenwart immer natürlicher, glatter und gleichförmiger werden, lohnt ein Blick zurück: Beehives, Victory Rolls, Crimped Hair und der berüchtigte Vokuhila erzählen Modegeschichte — und liefern überraschend tragbare Ideen für alle, die ihren Look aus dem Algorithmus-Einerlei der Gegenwart befreien wollen.
Wer sich für die Verbindung zwischen Mode und Hairstyling interessiert, findet auch in unserer Übersicht aller Modemarken von A bis Z Inspiration, denn jede Ära wurde durch konkrete Designer und Häuser geprägt — von Christian Dior bis Dolce & Gabbana.
Vergessene Frisuren-Ikonen: Wer hat sie wirklich erfunden?
Der Mythos vieler Retro-Frisuren ist größer als ihre tatsächliche Bekanntheit. Die meisten Stylings, die wir heute mit den 60ern oder 80ern verbinden, gehen auf einzelne Friseure, Filmrollen oder Magazinaufträge zurück — und nicht auf einen anonymen Zeitgeist.
Der Beehive: ein Auftragswerk aus Illinois
Die hochtoupierte Bienenkorb-Frisur, die in den 60ern Hollywood eroberte, wurde 1960 von Margaret Vinci Heldt in Elmhurst, Illinois entworfen. Das Modern Beauty Salon Magazine hatte sie beauftragt, eine Frisur zu kreieren, die unter einem Filzhut nicht zusammenfällt. Heldt orientierte sich an einem Hut aus ihrer eigenen Sammlung — und schuf damit eine Silhouette, die später Audrey Hepburn, Brigitte Bardot und Amy Winehouse trugen.
Der „Flick“ — und ein Poster, das Geschichte schrieb
Farrah Fawcetts geföhnte Außenwellen aus der ersten Staffel von Charlie’s Angels lösten 1976 einen weltweiten Friseurboom aus. Allein das ikonische rote Badeanzug-Poster verkaufte sich im ersten Jahr zwölf Millionen Mal. Friseure berichteten damals von Wartelisten über Wochen — und die Frisur prägte das Selbstverständnis einer ganzen Generation berufstätiger Frauen.
„The Rachel“ — entstanden aus einem schlechten Tag
Die wohl meistkopierte Frisur der 90er entstand ohne Plan. Friseur Chris McMillan gestand später, dass er Jennifer Aniston „The Rachel“ 1995 nur deshalb verpasste, weil er einen schlechten Tag hatte und improvisieren musste. Aniston selbst bezeichnete den Schnitt öffentlich als „die schwerste Frisur der Welt zu stylen“.
Die Jahrzehnte im direkten Vergleich: Was funktioniert noch heute?
Nicht jede Retro-Frisur hat das Zeug zur Wiedergeburt. Manche Looks sind so eng mit ihrer Zeit verbunden, dass sie heute eher als Kostüm wirken — andere lassen sich in abgeschwächter Form mühelos in den Alltag integrieren. Die folgende Übersicht zeigt, welche Frisuren tragbar sind und welche besser im Karneval bleiben.
| Jahrzehnt | Ikonische Frisur | Aufwand | Alltagstauglich heute |
|---|---|---|---|
| 50er | Victory Rolls / Pin-Up | Hoch | Nur als Statement-Look |
| 60er | Beehive | Sehr hoch | Abgeschwächt: ja |
| 60er | Bouffant (Bardot) | Mittel | Sehr gut |
| 70er | Farrah-Fawcett-Flick | Mittel | Hervorragend |
| 70er | Vokuhila | Niedrig | Polarisiert stark |
| 80er | Crimped Hair | Mittel | Als Akzent: ja |
| 80er | Perm / Dauerwelle XXL | Hoch | Eher nein |
| 90er | The Rachel | Hoch | Sehr gut |
| 90er | Butterfly Clips | Niedrig | Bereits zurück |
Wer sich allgemein für Schnitte und Stylings interessiert, sollte parallel einen Blick auf die heute angesagten Top Hair Trends werfen — viele Friseure kombinieren Retro-Elemente bewusst mit modernen Schnitten.
Der Vokuhila ist 6.000 Jahre alt — und andere Mythen
Was viele für den größten Modefehler der 80er halten, ist in Wahrheit eine der ältesten Frisuren der Menschheitsgeschichte. Statuetten aus dem antiken Ägypten, hethitische Reliefs und Darstellungen aus der griechischen Antike zeigen Männer mit kurzem Deckhaar und langem Nackenhaar — der Vokuhila war über Jahrtausende Symbol von Kriegern und Königen.
„Eine Frisur ist nie nur eine Frisur. Sie ist ein soziales Statement, ein Generationenmarker und manchmal sogar ein politisches Symbol — der Vokuhila ist dafür das beste Beispiel: gefeiert, verspottet, wiederentdeckt.“
Auch Aqua Net, das Hairspray der 80er, gehört zu den vergessenen Phänomenen mit ernster Dimension. Über 100 Millionen Dosen wurden allein in den USA jährlich verkauft — Studien führen einen messbaren Anstieg der FCKW-Emissionen in US-Großstädten teilweise auf den Hairspray-Konsum dieser Ära zurück. Die monumentalen Frisuren der 80er hatten also einen ökologischen Preis, der heute kaum noch jemandem bewusst ist.
Was im Trend-Dschungel der Vergangenheit untergeht
Neben den großen Namen gibt es zahlreiche Stylings, die in keinem Mainstream-Artikel mehr auftauchen. Dazu zählen die toupierten Bouffants der frühen 60er, der Wedge-Cut von Eiskunstläuferin Dorothy Hamill aus den 70ern, der Mall Bang der späten 80er und die zarten Zöpfchen-Hochsteckfrisuren der frühen 90er. Wer sich für Flechtkunst begeistert, findet in unserem Beitrag zu Flechtfrisuren von halboffen bis klassischer Zopf tiefergehende Inspiration.
Retro-Styling heute: Tools, Produkte, realistische Erwartungen
Wer heute einen authentischen 60er- oder 70er-Look nachstylen will, scheitert oft an der falschen Annahme: Diese Frisuren brauchen keine teuren Tools, sondern Geduld und Volumen. Eine moderne Glättfön-Routine wird einen Beehive nie tragen — hier helfen nur klassischer Toupierkamm, eine Dose Festiger und eine Schaumstoffeinlage als Volumenkern.
- ✓ Toupierkamm aus Metall (Plastik bricht bei dichtem Haar)
- ✓ Heißluftbürste mit mindestens 50 mm Durchmesser für 70er-Wellen
- ✓ Klassische Wickler in zwei Größen für authentische 80er-Locken
- ✓ Festiger-Spray statt Haarspray — bessere Modellierbarkeit
- ✓ Schaumstoffrolle („Hair Donut“) für Beehive und Bouffant
- ✓ Crimper-Eisen für 80er-Wellen-Akzente
- ✓ Seidenkissen über Nacht — verlängert die Haltbarkeit deutlich
Spannend wird Retro-Styling vor allem im Kontext eines kompletten Looks. Der Rockabilly-Look kombiniert Victory Rolls mit Pencil-Skirts und ist ein eigener Kosmos. Wer den Vintage-Vibe modisch erweitern will, sollte sich auch Tiermuster wie Leopard und Zebra anschauen — beide waren in den 80ern omnipräsent. Für den High-Fashion-Aspekt lohnt der Blick auf Gucci und Prada, die Retro-Codes regelmäßig auf den Laufsteg holen.
Der Frisuren-Faktor in der Modegeschichte
Frisuren sind nie isoliert von der Mode entstanden. Die hochtoupierten 60er-Looks korrespondierten mit den schmalen Etui-Kleidern à la Dior, die 70er-Wellen passten zur Boho-Mode in Schlaghosen-Jeans, und die opulenten 80er-Mähnen ergänzten die Power-Schultern von Designern wie Donna Karan und DKNY. Wer heute Retro stylt, sollte diesen Zusammenhang kennen — sonst wirkt der Look schnell wie ein Faschingskostüm. Ein Blick in die großen Mode-Zitate von Lagerfeld und Chanel zeigt, wie eng Stilbewusstsein und Frisur seit jeher verknüpft sind.
Welche vergessenen Looks gerade ein Comeback erleben
Die Mode-Zyklen werden kürzer — was vor 30 Jahren als überholt galt, ist heute auf den Laufstegen der Mailänder Fashion Week wieder Standard. Butterfly Clips aus den 90ern haben TikTok erobert, der Mullet (Vokuhila) feiert in Berliner und Pariser Friseursalons sein Comeback, und die zarten Bouffants im Bardot-Stil sind bei jüngeren Designerinnen längst Pflichtprogramm für Editorials.
Wer professionell ins Modegeschäft will und sich mit Looks auseinandersetzen muss, findet in unseren Ratgebern zu Model werden, Model Casting und international modeln in New York, London und Paris konkrete Einstiegspunkte. Auch alle GNTM-Staffeln im Überblick liefert spannende Einblicke, wie sehr Frisuren-Veränderungen über Karrieren entscheiden können.
Die Renaissance der „uncoolen“ Frisuren
Was die jüngste Welle besonders macht: Sie zelebriert genau die Looks, die eine Generation lang als peinlich galten. Der Vokuhila, „The Rachel“, die Mall Bangs, sogar die Crimped-Strähnen — alle erleben ein ironisches Revival, das mittlerweile in echte Begeisterung übergegangen ist. Friseure berichten von steigender Nachfrage nach genau jenen Schnitten, die in den 2000ern verpönt waren.
Das Wichtigste auf einen Blick:
- − Beehive (1960) wurde von Margaret Vinci Heldt für einen Hut entworfen
- − Farrah-Fawcett-Poster verkaufte sich 12 Millionen Mal
- − Vokuhila-Schnitt ist über 6.000 Jahre alt
- − „The Rachel“ entstand 1995 aus einer Friseur-Improvisation
- − Aqua Net verkaufte sich in den 80ern über 100 Millionen Dosen jährlich
- − Butterfly Clips, Bouffant und Mullet feiern aktuelle Comebacks
- − Authentisches Retro-Styling braucht klassische Tools, keine Glätteisen
Vergessene Frisuren sind keine Modesünden — sie sind ein Archiv der Selbstinszenierung. Wer sie kennt, versteht nicht nur Mode-Zyklen besser, sondern hat einen Werkzeugkasten an Looks, mit dem sich der eigene Stil aus dem Einheitsbrei der Gegenwart heben lässt. Für vertiefende Recherche empfiehlt sich auch unser Beitrag zu Frisuren für kurzes Haar zum Nachmachen sowie der Überblick über das Kleiderparadies zwischen Farben, Schnitten und Preisen — denn Frisur und Kleidung erzählen nur gemeinsam eine vollständige Stilgeschichte.












