EXKLUSIV INTERVIEW – Lutz Marquardt: Männermodel & Personality Guru

Männermodels verdienen im Top-Segment bis zu 14-mal weniger als ihre weiblichen Kolleginnen — und genau diese ökonomische Schieflage zwingt sie, deutlich früher zur Marke zu werden. Lutz Marquardt steht seit über 25 Jahren auf beiden Seiten der Polaroid-Kamera: erst als Editorial-Gesicht großer Häuser, heute als Coach für Personality, gefragt bei Models, Vorständen, Verkäufern und Speakern. Im exklusiven Gespräch erklärt er, warum die ersten acht Sekunden eines Castings über alles entscheiden, weshalb Selbstbewusstsein nicht aufgebaut, sondern freigelegt wird — und warum sein Coaching ausgerechnet in der Wirtschaft den größeren Markt findet.

Marquardt ist kein klassischer Walk-Trainer. Sein Thema ist die Frage, wie ein Mensch im Raum wirkt, bevor er den Mund aufmacht — eine Mechanik, die in keinem Standard-Coaching-Programm steht und die genau deshalb für Quereinsteiger, Karrieremodels und Menschen aus völlig anderen Branchen interessant geworden ist.

Warum männliche Models 14-mal weniger verdienen — und was das mit Coaching zu tun hat

Ein nüchterner Branchenfakt, der vieles erklärt: Die letzte offizielle Forbes-Liste der bestbezahlten männlichen Models nannte Sean O’Pry mit etwa 1,5 Millionen US-Dollar Jahreseinkommen — Kendall Jenner verdiente im selben Erhebungszeitraum rund 22 Millionen. Forbes hat die Männerliste danach eingestellt, schlicht weil das Datenvolumen den Aufwand nicht mehr rechtfertigte. Wer als Mann in dieser Industrie überleben will, muss früher und konsequenter ein zweites Standbein aufbauen als jede Kollegin.

Genau hier setzt Marquardts These an: Personal Branding ist für Männermodels nicht Kür, sondern Pflicht. Wer sich nur auf Maße, Gesicht und Sedcard verlässt, verschwindet nach wenigen Marktzyklen. Wer dagegen versteht, was Auftraggeber tatsächlich buchen — Verlässlichkeit, Charakter, Wandelbarkeit —, hält sich über Jahrzehnte.

„Du wirst nicht gebucht, weil du gut aussiehst. Du wirst gebucht, weil der Kunde sich erinnert, wie es war, mit dir im Raum zu sein.“ — Lutz Marquardt

Die ökonomische Realität in Zahlen

Wer ernsthaft Model werden will, sollte die finanzielle Mechanik kennen. Von einem Tagessatz gehen typischerweise 20 Prozent an die Hauptagentur und weitere 10 Prozent an die Mutter-Agentur, bevor Steuern, Reisekosten und Buchhaltung anfallen. Die folgende Tabelle zeigt die ökonomische Asymmetrie, die männliche Karrieren prägt:

Segment Männer (typischer Tagessatz) Frauen (typischer Tagessatz)
E-Commerce / Katalog 400–900 € 500–1.200 €
Editorial Print 200–500 € 300–800 €
Show / Runway (Top-Tier) 800–3.000 € 1.500–10.000 €
Kampagne (Luxus) 5.000–40.000 € 15.000–250.000 €

Die Lücke wird nach oben hin dramatischer. Genau deshalb argumentiert Marquardt, dass männliche Models früh in transferierbare Skills investieren müssen — Skills, die auch nach dem Karriereende noch tragen. Wer parallel zur Modelkarriere journalistisch, beraterisch oder unternehmerisch aufbaut, hat in der zweiten Lebenshälfte ein Polster, das viele Kolleginnen schlicht nicht brauchen.

Was Casting-Direktoren in acht Sekunden wirklich sehen

Die wichtigste operative Erkenntnis aus dem Interview: Agenturen entscheiden in weniger als acht Sekunden — und zwar anhand digitaler Polaroids ohne Make-up, ohne Styling, ohne Filter. Nicht das aufwendig produzierte Sedcard-Foto entscheidet, sondern der Moment, in dem ein Bewerber den Raum betritt oder vor die nackte Wand gestellt wird. Marquardt vergleicht es mit einem Türsteher, der in Sekundenbruchteilen abscannt: Energie, Symmetrie, Ruhe.

Der Standard großer Agenturen wie IMG, DNA oder Next ist erstaunlich schlicht: weißer Hintergrund, eng anliegendes T-Shirt, Jeans, keine Schuhe, exakt vier Bilder — Front, Profil links, Profil rechts, Ganzkörper. Wer mehr schickt, wer Filter benutzt oder gestylte Studiofotos beilegt, signalisiert sofort fehlende Branchenkenntnis. Das hat Konsequenzen für jede Model-Bewerbung: Wer beim ersten Model-Casting mit perfekt inszeniertem Portfolio auftaucht, im Polaroid aber kantenlos wirkt, fliegt sofort raus.

Was im Polaroid wirklich zählt

  • ✓ Klarer, ruhiger Blick — keine antrainierten „Model-Gesichter“
  • ✓ Natürliche Körperspannung ohne Steifheit
  • ✓ Saubere Haut, gepflegte Hände, gepflegte Nägel
  • ✓ Schlichtes T-Shirt, einfache Jeans, sonst nichts
  • ✓ Authentizität schlägt jede Pose
  • ✓ Vier Bilder, weißer Hintergrund, keine Filter

Wer eine professionelle Modelmappe aufbauen will, sollte Polaroid und Portfolio strikt trennen. Beides hat unterschiedliche Funktionen — und die Verwechslung ist der häufigste Anfängerfehler. Auch das Outfit für die Polaroid-Strecke folgt klaren Codes: schlichte Basics, idealerweise aus dem Bereich der klassischen Jeans-Marken, kein Logo, keine Statement-Pieces.

Personality als Skill: Die drei Ebenen, die Marquardt trennt

Personality ist eines dieser Worte, die durch Inflation ihre Bedeutung verloren haben. Marquardt definiert sie operativ und überprüfbar: als Summe aus Körpersprache, Stimme, Blickführung, Reaktionsgeschwindigkeit und der Fähigkeit, in einer Drucksituation man selbst zu bleiben. Alles davon ist trainierbar — und genau das ist sein Geschäftsmodell. Im Coaching arbeitet er mit drei Ebenen, die er konsequent voneinander trennt:

Ebene Inhalt Sichtbar bei
Körper Haltung, Walk, Atmung, Schulterführung Laufsteg, Editorial
Stimme Tempo, Pausen, Tonlage, Mikro-Mimik Casting-Gespräch, Interview
Mindset Umgang mit Absagen, Selbstbild, Fokus Langfristige Karriere

Die wichtigste Trennung: Körper lässt sich in Wochen optimieren, Stimme in Monaten, Mindset braucht Jahre. Wer alles parallel angeht, verzettelt sich. Wer einzeln vorgeht, sieht nach jeder Stufe messbare Effekte — beim nächsten Casting, im nächsten Verkaufsgespräch, in der nächsten Verhandlung.

Der häufigste Cut-Grund bei Männer-Castings

Eine Mechanik, die in keiner generischen Anleitung steht: Beim männlichen Walk führt die Schulter, nicht die Hüfte. Männer laufen mit etwa 60 Schritten pro Minute, Frauen mit 70 oder mehr. Die Schulterlinie führt zwei bis drei Grad vor der Hüfte — sichtbar bei jedem Hedi-Slimane- oder Prada-Casting. Wer den weiblichen Walk kopiert, verliert den Job in der ersten Sekunde. Genau das ist nach Marquardts Beobachtung der häufigste Ausscheidungsgrund bei Männer-Castings, und genau das wird auf der Modenschau sofort erkennbar.

Warum Selbstbewusstsein freigelegt, nicht aufgebaut wird

Marquardts zentrale These: Selbstbewusstsein ist kein Muskel, den man aufbaut, sondern eine Schicht, die man freilegt. Die meisten Menschen tragen Schutzmasken — antrainierte Verhaltensweisen aus Schule, Familie, früheren Jobs. Im Coaching geht es darum, diese Masken Stück für Stück abzulegen, bis das übrig bleibt, was Kunden und Fotografen tatsächlich buchen wollen: einen Menschen, kein Konstrukt. Diese Perspektive deckt sich mit dem, was viele Quereinsteiger aus TV-Formaten wie den GNTM-Staffeln berichten — die Kandidaten, die langfristig im Geschäft bleiben, sind selten die mit dem ausgefeiltesten Walk, sondern die mit der ruhigsten Präsenz.

Vom Laufsteg in die Wirtschaft: Der überraschende Coaching-Markt

Die größte Verschiebung in Marquardts Karriere: Sein Coaching wird nicht mehr nur von Models gebucht, sondern zunehmend von Unternehmern, Verkäufern, Speakern und Führungskräften. Der Grund ist simpel — die Skills, die ein Model auf dem Job braucht, sind dieselben, die in jedem Verkaufsgespräch und jedem Pitch entscheiden. Präsenz unter Druck, der erste Eindruck, die Fähigkeit, im richtigen Moment ruhig zu bleiben.

Wer einen Pitch hält, ein Vorstellungsgespräch führt oder auf der Bühne steht, kämpft mit denselben Themen wie ein Model im Casting. Die Buchungsdauer der Wirtschaftskunden ist allerdings länger: Während ein Model-Coaching oft in zwei bis vier Sessions abgeschlossen ist, buchen Vorstände und Verkaufsleiter typischerweise Pakete über sechs bis zwölf Monate. Genau hier liegt der wirtschaftlich tragfähige Markt — und genau deshalb ist Marquardts Methode anschlussfähig, ohne ihre Wurzeln in der Modewelt zu verlieren.

Sehenswert ist in diesem Zusammenhang das vollständige Video-Interview:

Internationale Karriere: Andere Spielregeln, andere Personality

Wer plant, international zu modeln — also in New York, London, Paris oder Mailand —, trifft auf völlig andere Spielregeln. In New York zählt Geschwindigkeit, in Paris Eleganz, in Mailand Charakter. Marquardt warnt davor, das deutsche Auftreten eins zu eins zu exportieren. Wer die Fashion Week Mailand als Ziel hat, muss seine Personality regional kalibrieren — was in Hamburg funktioniert, wirkt in Mailand schnell hölzern. Wer parallel zur Karriere die Stadt erkunden will, findet beim Luxus Shopping in New York einen ersten Einstieg in die Codes des US-Marktes.

Die Marken hinter den Jobs: Wer bucht heute Männer?

Männermodels werden primär von drei Marktsegmenten gebucht: Luxushäuser, Sportbrands und Lifestyle-Marken. Wer realistisch einschätzen will, wo die eigene Karriere stattfinden könnte, sollte die Buchungslandschaft kennen. Eine vollständige Übersicht aller relevanten Häuser findet sich in unserem Markenverzeichnis A–Z.

Wer sich auf Herrenmode spezialisieren möchte, sollte die Buchungslogik der jeweiligen Häuser studieren. Unsere alphabetischen Übersichten zu Marken mit D, Marken mit N und Marken mit P liefern den schnellsten Einstieg. Auch Marken mit Z sind für den deutschsprachigen Markt zentral. Inspiration für die eigene visuelle Sprache liefern auch klassische Stilkapitel wie der Rockabilly-Look oder ikonische Mode-Zitate, die in jedem guten Coaching irgendwann auftauchen.

Lebenszyklus: Die unterschätzte Rolle des „Silver Fox“-Segments

Ein selten ausgesprochener Fakt: Der Editorial-Peak männlicher Models liegt zwischen 22 und 28 Jahren. Danach verschiebt sich die Buchungslandschaft erst Richtung Commercial — und ab etwa 45 öffnet s