Lily Cole: Außergewöhnlich schön

Mit 16 Jahren stand Lily Cole auf dem Cover der britischen Vogue — als jüngstes Model seit Kate Moss. Ein Jahr später erklärte sie das Time Magazine zum „Model des Jahres“. Und doch wurde sie über Jahre als „rothaariges Alien“ beschrieben: zu blass, zu groß die Stirn, zu weit auseinander die Augen, zu lang die Füße. Genau diese Liste vermeintlicher Makel hat Cole zu einer der profitabelsten und einflussreichsten Modelfiguren der 2000er-Jahre gemacht — und nebenbei zu einer Cambridge-Absolventin, Schauspielerin und Klimaaktivistin, die sich nicht in eine Schublade pressen lässt. Wer verstehen will, warum die Modeindustrie irgendwann anfing, das Schöne im Anti-Idealen zu suchen, kommt an Lily Cole nicht vorbei. In unserem Guide zum Thema Model werden haben wir die Mechanik der Branche bereits aufgeschlüsselt — Coles Karriere ist die lebende Fallstudie dazu.

Das Gesicht, das die Schönheitsregeln neu schrieb

Lily Luahana Cole, geboren am 19. Mai 1987 in Torquay, Devon, wurde mit 14 Jahren in einem Café in Soho von der Storm-Model-Agentur entdeckt — derselben Agentur, die Jahre zuvor Kate Moss aufgebaut hatte. Was Scout Benjamin Hart in dem schüchternen Mädchen sah, war nicht das, was die klassische Modelschule lehrt. Coles Proportionen brechen mit den klassischen Maßen: Die Augen liegen ungewöhnlich weit auseinander, die Lippen wirken puppenhaft, die Stirn dominiert das Gesicht, und ihre 1,79 Meter werden von einer Hautfarbe getragen, die so blass ist, dass Fotografen oft mit weniger Licht arbeiten müssen.

Genau dieser „Fehler im System“ wurde zum Kapital. Steven Meisel inszenierte sie für die italienische Vogue als surreale Porzellanpuppe. Mario Testino lichtete sie für Cover ab, die später Auktionspreise erzielten. Und Karl Lagerfeld, der bekanntlich nichts von zufälligen Engagements hielt, holte sie für Chanel an die Front Row und vor seine Kamera. Lagerfeld, dessen pointierte Aussagen über Mode wir in unserer Sammlung der schönsten Modezitate von Lagerfeld, Chanel und Co. dokumentiert haben, sagte über Cole sinngemäß, sie sehe aus wie aus einem Gemälde geschnitten — ein Kompliment, das aus seinem Mund nahezu eine Heiligsprechung war.

Wie Cole das Branding der Mid-2000er prägte

Zwischen 2003 und 2010 lief Lily Cole für nahezu jedes relevante Haus, das in dieser Dekade Geschichte schrieb. Ihre Buchungen lesen sich wie ein Best-of der Hochglanzwelt: Chanel, Gucci, Louis Vuitton, Prada, Hermès, Marc Jacobs, Moschino, Anna Sui, Alexander McQueen, Jean Paul Gaultier, Sonia Rykiel. Sie war Werbegesicht für Cacharel, Longchamp, Rimmel und de Beers. Insider-Schätzungen aus jener Zeit beziffern ihre Tagesgagen für Kampagnen auf bis zu 100.000 Pfund — und das in einem Markt, in dem Topmodels gerade dabei waren, durch It-Girls und Schauspielerinnen ersetzt zu werden.

Was Cole von vielen Kolleginnen unterschied: Sie war nie die austauschbare Kleiderpuppe. Designer buchten sie, weil ihr Gesicht eine Geschichte trug. In einer Branche, die sich auf der Suche nach „dem nächsten Big Thing“ oft selbst ins Leere dreht, war Cole ein lebender Beweis dafür, dass Charakterstärke vor Symmetrie kommt. Wer heute durch Castings geht, hört diese Lehre überall — wir haben die Hintergründe in unseren Texten zu Model-Castings und zur Bewerbung als Model ausführlich aufgeschrieben.

Lily Cole — wie definiert man Perfektion?

„Ich wurde oft gefragt, wie es sich anfühlt, schön zu sein. Ich glaube, die ehrlichere Frage ist: Wie fühlt es sich an, fotografiert zu werden, als wärst du jemand anderes?“ — Lily Cole in einem Interview mit dem Guardian, 2014

Cambridge statt Cocktail-Empfänge

Während viele ihrer Kolleginnen ihre Zwanziger zwischen Aftershow-Partys und Ibiza verbrachten, schrieb Cole sich 2008 am King’s College in Cambridge ein. Sie studierte Kunstgeschichte und schloss 2011 mit einem Double First ab — der höchsten Auszeichnung des britischen Universitätssystems. Ein Detail, das in Modemagazinen oft beiläufig erwähnt wird, in der Realität aber bedeutet: Cole gehörte zu den oberen drei Prozent ihres Jahrgangs an einer der härtesten Universitäten der Welt.

Diese intellektuelle Glaubwürdigkeit gab ihr eine Verhandlungsposition, die wenige Models haben. Sie konnte Aufträge ablehnen, die ihrem Image widersprachen, und Projekte initiieren, die andere nicht stemmen konnten. 2013 gründete sie Impossible.com, ein soziales Netzwerk, das auf Tausch statt Geld basierte — Richard Branson investierte als Co-Founder. Das Projekt scheiterte kommerziell, war aber Jahre vor der „Sharing Economy“ konzeptionell auf der Höhe der Zeit.

Schauspiel: Vom Catwalk auf die Leinwand

Coles Schauspielkarriere begann 2007 mit Sally Potters Drama Rage, in dem sie neben Judi Dench und Jude Law spielte. Den eigentlichen Durchbruch brachte 2009 Terry Gilliams The Imaginarium of Doctor Parnassus — der Film, in dem Heath Ledger während der Dreharbeiten verstarb und durch Johnny Depp, Jude Law und Colin Farrell ersetzt wurde. Cole spielte die Rolle der Valentina, Tochter des Doktors, und hielt sich in dieser Konstellation aus Hollywood-Schwergewichten erstaunlich gut.

Es folgten Auftritte in Snow White and the Huntsman (2012) an der Seite von Charlize Theron und Kristen Stewart sowie ein Cameo in Star Wars: Die letzten Jedi (2017) als Lovey, eine der eleganten Casino-Besucherinnen auf dem Planeten Canto Bight. Eine kleine Rolle, aber bewusst gewählt: Cole hatte abgelehnt, in größere Franchise-Maschinerien einzusteigen, in denen sie nur das hübsche Beiwerk gewesen wäre.

Jahr Meilenstein Bedeutung
2001 Entdeckung in Soho Vertrag bei Storm Model Management
2004 British Vogue Cover Jüngstes Cover-Model seit Kate Moss
2005 Time Magazine „Model of the Year“ Internationale Anerkennung
2008–2011 Cambridge-Studium Double First in Kunstgeschichte
2009 Hauptrolle bei Terry Gilliam Schauspielerischer Durchbruch
2013 Gründung Impossible.com Tech-Unternehmerin
2017 Star Wars: Die letzten Jedi Hollywood-Mainstream
2020 Buch „Who Cares Wins“ Aktivismus & Sachbuch-Autorin

Aktivismus: „Don’t Fuck With My Future“

2019 stand Cole im Zentrum der Greenpeace-Kampagne „Don’t Fuck With My Future“ — eine direkte Ansage an Politik und Industrie, die Klimakrise endlich ernst zu nehmen. Cole war für den Aktivismus prädestiniert: Sie hatte schon 2007 das Sky Rainforest Rescue Programm unterstützt, war Botschafterin der Environmental Justice Foundation geworden und hatte Dokumentationen zu Themen wie Frauenrechten in Nepal und Müllbergen in Indien produziert.

2020 erschien ihr Buch Who Cares Wins: Reasons For Optimism In Our Changing World, in dem sie über 100 Interviews mit Wissenschaftlern, Unternehmern und Aktivisten führt. Statt Doom-Prediger zu sein, argumentiert Cole für „kritischen Optimismus“ — eine Haltung, die in der Modeindustrie selten ist, weil sie unbequem ist: Wer ehrlich über Lieferketten, Polyester-Mikroplastik und Lohnstrukturen spricht, verliert Werbeverträge.

Lily Cole behind the scenes

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