Zombie Boy / Rick Genest im Interview mit Soraya Wanya

Als Nicola Formichetti im Sommer 2010 auf Facebook auf einen kanadischen Punk mit komplett tätowiertem Skelett-Body stieß, ahnte niemand, dass dieser Junge aus der Hausbesetzerszene Québecs binnen zwölf Monaten Lady Gaga, Thierry Mugler und die internationalen Magazin-Cover erobern würde. Soraya Wanya hat Rick Genest, weltweit bekannt als Zombie Boy, zum exklusiven Gespräch getroffen — und das Interview, das Montag ab 18 Uhr online geht, zeigt einen Menschen, der weit mehr ist als sein Tattoo. Wer auf das Gespräch nicht warten will, findet im Germany’s Next Topmodel Special bereits ein passendes Vorprogramm — und kann parallel im Überblick zu allen GNTM-Staffeln stöbern.

Vom Hausbesetzer in Montreal zum Topmodel der Haute Couture

Rick Genest wurde 1985 in Châteauguay, Québec geboren. Mit 15 diagnostizierten ihm Ärzte einen Hirntumor — eine Erfahrung, die seine Beziehung zum eigenen Körper für immer veränderte. Der Tod, das Vergängliche, die Anatomie unter der Haut: Aus dieser existenziellen Erfahrung wurde später das Konzept seiner Tattoos. Mit 16 ließ er sich in LaSalle erste Motive stechen, lebte zeitweise in der Hausbesetzerszene Montreals, trat in einer Sideshow namens „Lucifer’s Blasphemous Mad Macabre Torture Carnival“ auf. Das war Rick Genest, bevor die Modewelt ihn entdeckte — kein Casting-Sternchen, kein Influencer, sondern ein Punk aus der Subkultur.

Was Zombie Boy in der Branche so einzigartig macht: Er ist kein Model, das man „stylt“. Er ist das Statement selbst. In einer Industrie, die seit Jahren über Diversität spricht, aber meist nur Größen, Hautfarben und Geschlechter neu sortiert, hat Genest eine andere Tür aufgemacht — die Tür für radikale körperliche Transformation als künstlerischen Ausdruck. Wer einmal verstehen will, wie krass dieser Bruch mit der klassischen Mode-Ästhetik ist, sollte sich parallel anschauen, wie konventionelle Modelkarrieren entstehen — vom Casting bis zur Bewerbung.

Der Formichetti-Moment: Wie Facebook eine Karriere zündete

Die Geschichte, wie Rick Genest von der Straße auf den Laufsteg kam, ist eine der ungewöhnlichsten Entdeckungs-Stories der letzten zwei Modedekaden. Nicola Formichetti, damals frisch berufener Creative Director bei Mugler und enger Vertrauter Lady Gagas, sah Fotos von Genest auf Facebook. Kein Agenturkontakt, kein Manager. Formichetti schickte eine Nachricht. Was folgte, war absurd genug, um nach Hollywood-Drehbuch zu klingen: Genest hatte offene rechtliche Angelegenheiten in Kanada. Damit er für die Mugler-Show im Januar 2011 in Paris überhaupt ausreisen durfte, musste seine Mutter eine Kaution von rund 15.000 Euro hinterlegen.

Die Show wurde zum Donnerschlag der Saison. Genest öffnete die Männer-Schau, einen Monat später lief er auch die Damen-Show. Wenige Wochen darauf erschien Lady Gagas Video zu „Born This Way“ — Genest liegt mit Gaga im Bett, sein Skelett-Make-up prangt auf ihrem Gesicht. 25 Millionen YouTube-Aufrufe in der ersten Woche. Plötzlich war der Junge aus Québec der vielleicht meistfotografierte Mann der Modewoche.

„Meine Tattoos sind keine Provokation. Sie sind eine Erinnerung daran, dass wir alle das gleiche Skelett tragen. Mode war für mich nie das Ziel — sie ist die Bühne, auf der ich diese Idee zeigen darf.“ — Rick Genest im Interview mit Soraya Wanya

139 Insekten, 176 Knochen — die Anatomie eines Kunstwerks

Die Tattoos von Rick Genest sind kein zufälliges Patchwork. Sie wurden hauptsächlich von zwei kanadischen Tätowierern, Frank Lewis und Rick „Zuzu“ Verdi, gestochen — über mehr als drei Jahre verteilt. Das Skelett-Motiv folgt anatomischen Lehrbüchern. Auf dem Rumpf liegen Insekten, die symbolisch den Verwesungsprozess darstellen: Käfer, Würmer, Spinnen. Genest selbst hat in Interviews mehrfach gesagt, dass er sich nicht als „geschmückt“ sieht, sondern als „freigelegt“. Das ist die intellektuelle Pointe seiner Erscheinung — und sie hat ihn von einem Kuriositäten-Phänomen zu einem ernstzunehmenden Künstler gemacht.

Jahr Meilenstein
2000 Diagnose Hirntumor mit 15 Jahren
2001 Erstes Tattoo in LaSalle
2008 Auftritte im Carnival-Zirkus, Montreal
2010 Entdeckung durch Nicola Formichetti via Facebook
2011 Mugler Menswear Show Paris, „Born This Way“-Video
2011 Guinness-Weltrekord: meiste Insekten-Tattoos (139)
2012 Dermablend-Werbekampagne wird viraler Hit

2011 erhielt Genest zwei Einträge im Guinness-Buch der Rekorde: für die meisten Insekten-Tattoos (139) und die meisten Knochen-Tattoos auf einem Körper (176). Aber der vielleicht wichtigste Moment seiner Karriere kam 2012 mit dem Werbespot für Dermablend. Darin wird sein gesamtes Skelett-Tattoo mit Make-up überdeckt — der „normale“ Rick erscheint, lächelt, dreht sich. Der Clip hat bis heute über 30 Millionen Aufrufe und gilt als einer der erfolgreichsten Beauty-Werbespots des Jahrzehnts. Die Botschaft: Hinter jedem extremen Äußeren steckt ein Mensch.

Warum Zombie Boy mehr ist als ein Mode-Trend

Wie wir in unserem Artikel zu Mode-Zitaten von Karl Lagerfeld bis Coco Chanel zeigen, lebt Mode von Figuren, die mehr sind als Kleiderständer. Sie braucht Charaktere, deren Erscheinung selbst eine Aussage trifft. In dieser Tradition steht Genest in einer Reihe mit Leigh Bowery, Daphne Guinness oder Isabella Blow — Menschen, deren Körper und Auftreten zur Kunstform wurden. Der Unterschied: Genest hat das in einer Social-Media-Ära geschafft, in der jeder zweite Teenager ein Skull-Filter-Selfie postet. Er war zuerst da. Und er war echt.

Genest hat parallel zur Modelkarriere gemalt, in Filmen mitgespielt (unter anderem in „47 Ronin“ mit Keanu Reeves), war Markenbotschafter für Mugler-Düfte und arbeitete mit Marken wie Diesel sowie verschiedenen Streetwear-Labels zusammen. Anders als die meisten Topmodels, die zwischen Castings rotieren, war er immer ein Gesamtkunstwerk — Modell, Performer, Markenuniversum in Personalunion. Wer sich für die Strukturen dieser Branche interessiert, findet in unserer Modemarken-Übersicht A-Z genau die Häuser, mit denen er gearbeitet hat.

Was im Interview anders war

Soraya Wanya ist nicht zum ersten Mal mit einer Mode-Ikone im Gespräch. Aber das Interview mit Rick Genest hat sie sichtlich bewegt — und das hört man im Tonfall des gesamten Gesprächs. Statt der erwarteten „Mein Skelett ist mein Statement“-Phrasen kamen Antworten über Sterblichkeit, über die Diagnose mit 15, über die Frage, was Schönheit eigentlich bedeutet, wenn man jeden Tag in Spiegel schaut, in denen ein Skelett zurückblickt. Es ist ein Interview, das man eher in einem Kulturmagazin als in einem Mode-Outlet erwartet.

Wer das vollständige Gespräch lesen will, findet es ab Montag, 18 Uhr unter diesem Link zum Interview mit Rick Genest. Wir empfehlen, vorher den Mugler-Look von 2011 noch einmal zu googeln — und dann bewusst auf die Augen zu achten, nicht auf die Tattoos. Das ändert alles.

Modelkarriere, Realität & der Preis der Sichtbarkeit

Eine Sache, über die in den meisten Beauty- und Fashion-Texten zu Zombie Boy geschwiegen wird: Was bedeutet diese Art von Sichtbarkeit eigentlich für die Psyche? Genest hat in mehreren Interviews davon gesprochen, dass er gleichzeitig erkannt und übersehen wird — Menschen sehen das Tattoo, nicht den Mann. Das ist ein Thema, das die Modeindustrie betrifft, weit über ihn hinaus. Wer eine Karriere als Model anstrebt oder international arbeiten